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STRASSEN: Tour de Suisse – aber im Auto

Schweiz Tourismus lanciert die Grand Tour of Switzerland. Auch Einheimische können auf der 1600 km langen Route Neues entdecken. Eine Testfahrt.
Der Blick von der begehbaren Ringmauer über die Dächer von Murtens Altstadt bis zum See. (Bild: Arthur Vogel)

Der Blick von der begehbaren Ringmauer über die Dächer von Murtens Altstadt bis zum See. (Bild: Arthur Vogel)

Arthur K. Vogel

Die Grand Tour war ab dem 16. Jahrhundert die obligate mehrjährige Bildungsreise von Sprösslingen der europäischen Upperclass durch Kulturländer Europas und des Vorderen Orients. Die Schweiz war wegen der miserablen Infrastruktur und der mühsamen Alpenquerung nur ein unangenehmes Transitland. Jetzt hat die Schweiz ihre eigene Grand Tour: Bei Schweiz Tourismus spricht man von der «wichtigsten touristischen Innovation seit langem». Die Grand Tour of Switzerland ist eine Einladung, das Land zu erkunden – und zwar per Auto oder Motorrad.

Im Auto aus dem nahen Ausland

Dass Grüne und der VCS da protestieren, liegt auf der Hand. Doch unser Land ist für den «Langsamverkehr» bestens erschlossen, und für Bahnbegeisterte gibt es die Grand Train Tour of Switzerland. Mit dem neuen Angebot, einer 1600 km langen Route – in einem Reiseführer, in Broschüren und auf einer Strassenkarte beschrieben – wolle man vor allem Touristen aus dem nahen Ausland ansprechen, die eh im Auto anreisten, sagt Jürg Schmid, der Direktor von Schweiz Tourismus.

Doch fast gäbe man den Kritikern recht: Auf der Anfahrt nach Basel ist die A2 ab Pratteln verstopft. Es braucht Geduld, bis man am Startpunkt, dem Hotel Teufelhof, angekommen ist. Für die Erkundung Basels lässt man das Auto natürlich in der Garage. Die Stadt verfügt über 40 Museen. Nach einem Besuch des Tinguely-Brunnens vor dem Stadttheater empfiehlt sich das Tinguely-Museum; dem Meister der klappernden Schrottmaschinen ist am Rhein ein adäquates Denkmal gesetzt worden. Auch das wenig bekannte, von Kanälen durchzogene St.-Alban-Quartier lohnt einen Besuch.

Laufental und die Freiberge

Am nächsten Tag geht es das Laufental hinauf Richtung Delsberg. Laufen mit seiner Altstadt, den drei Stadttoren und einer teilweise erhaltenen Stadtmauer ist einen Stopp wert. Da ich vor allem Orte besuchen möchte, die mir nicht bekannt sind, brause ich am jurassischen Hauptort Delsberg vorbei durch die hügelige Landschaft nach St-Ursanne am Doubs – romanisch-gotische Stiftskirche, Stadttore, enge Gassen, Häuser aus dem 14. bis 16. Jahrhundert und eine alte Brücke sind hier die Sehenswürdigkeiten. Weiter durch die Freiberge nach La Chaux-de-Fonds, dem grössten Ort des Kantons Neuenburg mit knapp 40 000 Einwohnern. Le Corbusier stammt von hier. Es ist, zusammen mit Le Locle, die wichtigste Uhrenstadt und trumpft mit einem gut bestückten Uhrenmuseum auf.

Eine gereinigte Höhle

Jenseits von Le Locle besuche ich die exklusivste Attraktion der Gegend: In Le Col-des-Roches liess Jonas Sandoz, Steuereintreiber, Friedensrichter und ein Vorfahre der Basler Pharmadynastie, in den 1660er-Jahren an einem unterirdischen Wasserfall fünf Wasserräder einbauen, welche Getreidemühlen, eine Dresch- und eine Ölmühle sowie ein Sägewerk antrieben. Nach einer bewegten Geschichte, in deren Verlauf die Höhlen auch mit Tierkadavern und Schlachtabfällen gefüllt wurden, machte sich 1973 eine Gruppe von Enthusiasten daran, die Höhlen zu reinigen und die Mühlen zu restaurieren. Entstanden ist ein Museum der frühen Industriegeschichte.

Über die Vue des Alpes komme ich in Neuenburg an und geniesse die Aussicht aus dem eleganten Fünfsternehotel Beau-Rivage: In der Abendsonne kräuseln sich die Wellen des Sees.

Murten und Greyerz

Murten, am nächsten Tag, ist bekannt, seit Karl der Kühne von Burgund hier 1476 die zweite seiner drei Schlachten gegen die Eidgenossen verlor. In die Schlagzeilen kam das Städtchen erneut, als Stararchitekt Jean Nouvel für die Expo.02 einen rostigen Kubus im See plazierte. Die begehbare Ringmauer bietet die beste Sicht auf Altstadt, Schloss und See. Der Rückweg führt am deutschen Pfarrhaus vorbei, wo der Schriftsteller Albert Bitzius (1797–1854) geboren wurde, besser bekannt als Jeremias Gotthelf.

Nächstes Etappenziel ist Greyerz oder Gruyères, das mittelalterliche Städtchen mit Schloss, von Touristen überrannt, die hier ein Fondue essen und sich mit Selfies verewigen. Das Tibet-Museum mit seiner Sammlung von buddhistischen Skulpturen, Malereien und rituellen Gegenständen und das Museum des fantastischen Realisten H. R. Giger (1940–2014) liegen nebeneinander. Zu sehen sind viele von Gigers verstörenden Werken, dazu seine private Sammlung vorwiegend zeitgenössischer Kunst.

Das Mekka der Touristen

Weiter geht›s das waadtländische Pays d’Enhaut hinauf, vorbei an Château-d›?x über die Sprachgrenze ins Saanenland. In Saanen wartet das Hotel Spitzhorn auf den müden Grand-Tour-Tester, das die «Sonntags-Zeitung» Ende 2014 zum besten Dreisternehaus der Schweiz erkor. Hinunter durchs Simmental und den Thunersee entlang kommt man am nächsten Tag ins Mekka der indischen, chinesischen und arabischen Touristen: Interlaken. Auf der andern Seeseite führt die Route zurück nach Thun, wo sich im Schadaupark ein Besuch des ältesten erhaltenen Panoramabildes der Welt aufdrängt, das der Basler Künstler Marquard Wocher von 1809 bis 1814 fertigte. Eigentlich sähe mein Programm nun die Weiterfahrt nach Bern vor. Stattdessen erlaube ich mir eine Abkürzung über den Schallenberg durch das Unesco-Biosphärenreservat Entlebuch nach Luzern. Die Stadt, ins leuchtende Rot eines üppigen Sonnenuntergangs getaucht, rundet die Grand Tour ab. Ohne sie wären mir viele Facetten der Schweiz entgangen. Die vier Tage haben sich gelohnt.

Halten und Verwalten

Die Route:Sie ist 1643 km lang und führt entlang von 44 Attraktionen, darunter 11 Unesco-Weltkulturerbestätten und 2 Biosphären. Informationen und Angebote unter www.myswitzerland.com

Highlights der Fahrt: Tinguely-Museum: www.tinguely.ch, St-Ursanne JU: www.st-ursanne.ch, Uhrenmuseum: www.mih.ch, Mühlen von Col-des-Roches: www.lesmoulins.ch, Murten: www.murten-morat.ch, www.murtentourismus.ch, Schloss Greyerz: www.chateau-gruyeres.ch, Museum H. R. Giger: www.hrgigermuseum.com, Tibet-Museum: www.tibetmuseum.info
Gstaad-Saanenland: www.gstaad.ch; www.saanen.ch, Thun-Panorama im Schadaupark: www.kunstmuseum thun.ch/panorama, Unesco-Biosphärenreservat Entlebuch www.biosphaere.ch

Unterkünfte:Hotel Teufelhof Basel, szeniges Stadthotel: www.teufelhof.com; Hotel Beau-Rivage Neuenburg, Grandhotel am See: www.beau-rivage-hotel.ch; Chalet-Hotel Spitzhorn, Saanen, das beste Preis-Leistungs-Verhältnis in der Region Gstaad: www.spitzhorn.ch

Alternativen: Velo, Wandern, Skaten und Kanu: www.swisstrails.ch, www.schweiz mobil.ch, Grand Train Tour of Switzerland: www.swisstravelsystem.com

Hinweis: Die Reise wurde unterstützt von Schweiz Tourismus und Amag Bern.

Die Brücke über den Doubs in St-Ursanne. (Bild: Arthur Vogel)

Die Brücke über den Doubs in St-Ursanne. (Bild: Arthur Vogel)

Dem Thunersee entlang nach Interlaken. (Bild: Arthur Vogel)

Dem Thunersee entlang nach Interlaken. (Bild: Arthur Vogel)

Das Schloss im Städtchen Gruyère. (Bild: Arthur Vogel)

Das Schloss im Städtchen Gruyère. (Bild: Arthur Vogel)

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