In Lissabon malen über 200 Sprayer ganz legal

In Portugals Hauptstadt gibt es Streetart an allen Ecken. Über 200 Graffiti-Künstler haben an Fassaden, Parkhäusern und Abfallcontainern ihre bunten Spuren hinterlassen. Ganz legal.
Angela Allemann
Die Stadt als Freiluftgalerie: urbane Kunst in Lissabon. (Bild: Angela Allemann)

Die Stadt als Freiluftgalerie: urbane Kunst in Lissabon. (Bild: Angela Allemann)

Am Anfang stand eine gross angelegte Putzaktion: Weg mit den unbedarften Schmierereien an Wänden und Mauern, hin zur aktiven Förderung von Künstlern. Her musste ein staatlich gefördertes Projekt für Strassenkunst. Das war 2008, als alles in sehr kleinem Stil anfing. Heute investiert Lissabon viel Geld in die Kunst im öffentlichen Raum. Denn die Stadt ist für ihre Strassenkunst weltweit berühmt geworden, erfreut Einheimische wie Touristen.

Während in vielen Ländern Nulltoleranz für Graffiti herrscht, so auch in der Schweiz, sind Wandmalereien in Lissabon legal. Aber es ist nicht so, dass man hier nun munter und überall drauflossprayen und -pinseln dürfte; es ist vielmehr eine kontrollierte Ausübung der Kunst. Man muss sich dafür bewerben, eine gute Idee haben und zeigen, was man kann.

An die 200 Wände hat die Stadtverwaltung bis jetzt den Künstlern zur Verfügung gestellt, und die Szene ändert sich ständig. Mal wird ein Haus abgerissen, mal zur Zwischennutzung freigegeben. Auf einem ausgiebigen Spaziergang durch die Stadt sieht man, was es Neues gibt. Man kann sich auch einer geführten Tour von zwei oder drei Stunden anschliessen, die zu den interessantesten Kunstobjekten führt.

Künstler malen politische ­Botschaften an Hochhäuser

Fotograf Pedro Farinha kennt sich aus und führt zum grossen Kreisverkehr am Platz der Statue Marquês de Pombal, wo drei Hauptstrassen aufeinandertreffen. An der Avenida Fontes Pereira de Melo, nahe der U-Bahn-Station Picoas, stehen drei Hochhäuser, die für riesige Wandmalereien genutzt wurden. Sie ziehen ­einen unweigerlich in ihren Bann, schon allein ihrer Grösse wegen. Und die Künstler Os Gêmeos, was Zwillinge heisst, Blu, ein italienischer Künstler, und Sam3 aus Spanien haben nicht nur malerisches Talent, sondern auch eine politische Botschaft: Sie wollen unsere Verschwendung anklagen, an Natur- und Umweltschutz appellieren. Und sie wollen natürlich das Haus verschönern, ein Hingucker sein, so lange wie es dauert. Denn wie lange die Kunst an den Wänden bleibt – niemand weiss das.

Auf dem Weg zur Burg Castelo de S. Jorge im Viertel Graça in der Rua Madalena hat sich eine einheimische Künstlergruppe dem Thema «Fado Vadio» auf mehreren Fassaden gewidmet. Was naheliegt, gehört doch der legendäre Musikstil Fado nicht nur zum immateriellen Weltkulturerbe der Unesco, sondern ist Lissabons musikalische DNA. Auch hier wird angeklagt, dass der traditionelle spontan-traurige Gesang der kommerziellen Show weichen musste.

In der Nähe der legendären Strassenbahn 28 lassen sich indes Wandmalereien über portugiesische Schriftsteller entdecken, ein Literaturspaziergang durch Graça sozusagen. Runter in Richtung Santa Apolónia sind im Jardim do Tabaco an den Wänden des alten Zollamts­gebäudes riesige Werke der Streetartkünstler Pixel Pancho und Vhils zu entdecken. Vhils, der eigentlich Alexandre Farte heisst, hat eine ganz besondere Technik entwickelt. Er fräst seine Kunst teilweise mit einem Industriebohrer aus dem Zement, was zu interessanten Kontrasten führt.

Ärmere Quartiere kreativ ­mitgestalten

Bei den beiden Aufzügen der steil angelegten Stadt, die eine Attraktion für sich selbst sind und atemberaubende Ausblicke über die Stadt bieten, sind ebenfalls diverse gross angelegte Werke von verschiedenen Künstlern zu bewundern. Auffällig bunt sind die grossen Arbeiten des italienischen Strassenkünstlers ­Bardalo II., der gern mit rezikliertem ­Material arbeitet. Seit einigen Jahren ­organisiert die «Galeria de Arte Urbana» auch mehrtägige Streetart-­Festivals in Aussenquartieren, so auch in der Sozialbausiedlung Marvila im Osten der Stadt. Den monotonen Mehrfamilienhäusern, die von rund 10'000 ärmeren Menschen bewohnt werden, wird durch die Malereien bekannter Künstler neues Leben eingehaucht. Und die lokale Bevölkerung wird animiert, ihr Quartier aktiv und kreativ mitzugestalten.

Angela Allemann

Bild: Angela Allemann

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