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Stromer im Golf-Format

Der VW ID.3 ist in der Schweiz angekommen. Grund genug für eine Bewährungsprobe unter winterlichen Bedingungen im Entlebuch.

Philipp Aeberli
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Im Hintergrund die Schrattenfluh; ein Wanderausflug mit dem ID.3 ist problemlos möglich – auch im Winter.

Im Hintergrund die Schrattenfluh; ein Wanderausflug mit dem ID.3 ist problemlos möglich – auch im Winter.

David Künzler

Lange hat es gedauert – doch nun ist der ID.3 da: der rein elektrische VW, mit dem die Marke der E-Mobilität Schub verleihen will und muss. Denn ohne elektrische und elektrifizierte Autos sind die CO2-Vorgaben nicht mehr zu schaffen. Zudem hat sich VW selbst Druck auferlegt: Bis 2025 will der Konzern seinen CO2-Ausstoss um 30 Prozent gegenüber 2015 reduziert haben, bis 2050 soll das Unternehmen bilanziell CO2-neutral agieren. Nach dem Skandal um manipulierte Abgaswerte hat sich VW eine radikale Kehrtwende auferlegt; bislang bestand sie nach aussen hin nur aus Ankündigungen und Versprechen, doch mit dem ID.3 rollt nun das erste handfeste Ergebnis in die Realität; rund 500 Stück sind in der Schweiz schon zugelassen.

Nachdem wir den ID.3 schon im Juli auf einer ersten Testrunde rund um Wolfsburg kennen lernen durften, folgt nun die zweite Begegnung in heimischen Gefilden. Die zweite Begegnung ist zugleich auch eine zweite Chance, denn restlos überzeugen konnte der Stromer von VW bei der ersten Testfahrt nicht; die Entwicklung der Software stellte die VW-Leute vor ungeahnte Probleme, der Marktstart musste ­zunächst verschoben werden, bevor der ID.3 dann mit abgespecktem Software-Stand auf den Markt kam. Einige Funktionen waren schlichtweg noch nicht bereit. Inzwischen funktioniert das System grundsätzlich stabil, was bei der ersten Testfahrt noch nicht der Fall war. Jedoch sind noch immer nicht alle Funktionen bereit; sie werden per Update nachgeliefert.

Kein Eiskratzen draussen und wohlige Wärme drinnen

Für die zweite Runde soll sich der VW ID.3 auf einer gemischten Runde mit winterlichen Stadt-, Überland- und Autobahnanteilen beweisen, bei Temperaturen um den Gefrierpunkt. Schon vor dem Start verbucht der ID.3 einen ersten Elektroauto-Pluspunkt für sich: Das Eiskratzen kann man sich dank Standheizung sparen. Die zeitgesteuerte Programmierung der Heizung funktioniert zwar noch nicht wie gewünscht, dafür heizt die serienmässige Wärmepumpe den Innenraum erstaunlich schnell auf und sorgt für freie Sicht. Für wohlige Wärme sorgen zudem Lenkrad- und Sitzheizung.

Im Stadtverkehr fühlt sich der ID.3 vollends zu Hause. Der Stromer im Golf-Format fühlt sich durch den geringen Wendekreis von nur gut zehn Metern handlich an und ist dank seinem durchzugsstarken E-Motor an der Hinterachse spielerisch flink unterwegs.

Ungewöhnlich wirkt nach wie vor die Sitzposition; vor allem für Personen über 1,80 Meter Körpergrösse. Zwar sitzt man hoch, was den Einstieg erleichtert, aber eben nicht erhaben hoch wie in einem SUV, sondern lediglich hoch im Auto, was den im Boden verbauten Akkus geschuldet ist. Zusammen mit der sehr flachen Frontscheibe sorgt das für wenig Kopffreiheit und ein etwas beengendes Raumgefühl. Diesbezüglich dürfte die SUV-Version ID.4, die 2021 auf den Markt kommt, die bessere Lösung sein. Zudem wird dort auch ein Allradantrieb verfügbar sein; der ID.3 kommt ausschliesslich mit Hinterradantrieb.

Im Cockpit findet man viel Hartplastik – aber solide Verarbeitung.

Im Cockpit findet man viel Hartplastik – aber solide Verarbeitung.

David Künzler

Sparsam in der Stadt, hoher Verbrauch auf der Autobahn

Bevor wir die Hügel und Täler der Biosphäre Entlebuch erkunden, darf der ID.3 nochmals Strom tanken. Denn: Während der Stromer in der Stadt und auch auf Überlandstrecken sehr effizient unterwegs ist und dank der Heizung über die stromsparende Wärmepumpe trotz tiefer Temperaturen nahe an den Werksverbrauch von 15,4 kWh/100 km herankommt, verbraucht er auf der Autobahn deutlich mehr Strom. Die Kälte in Kombination mit den montierten Winterreifen, welche einen höheren Rollwiderstand verursachen, tun dem Stromer nicht gut. Zudem fällt ins Gewicht, dass die Karosserieform mit steil abfallendem Heck aerodynamisch nicht optimal ist; der Verbrauch steigt überproportional an. Bei reiner Autobahnfahrt ist der Akku nach 200 bis 240 Kilometern bereits leer. Ab­hilfe wird hier die ebenfalls 2021 folgende Variante mit grösserem Akku schaffen; mit 77 statt der im Testwagen verfügbaren 58 kWh Speicherkapazität fährt man dann weiter.

Geladen wird mit maximal 100 kW; so ist bestenfalls, also bei ausreichend starker Ladestation und eine durch längere Fahrt vorgewärmte Batterie, nach 30 Minuten wieder 80 Prozent Batterieladung erreicht. Bis rund 40 Prozent Akkustand kann der ID.3 die volle Ladeleistung halten, danach wird die Geschwindigkeit sukzessive zurückgenommen, um den Akku zu schonen.

Der Bordcomputer vermeldet gut 250 Kilometer Reichweite, als wir die Ionity-Schnellladestation an der Autobahnraststätte Luzern-Neuenkirch wieder verlassen. Das nächste Ziel heisst Sörenberg, rund 60 Kilometer entfernt. Der kurvige Weg führt auf über 1100 Meter über Meer in den beliebten Ski- und Ausflugsort. Durch die Steigung verbraucht der E-Antrieb natürlich mehr Strom; wie viel es genau sein wird, kann das Navi aber noch nicht berechnen. Die Funktion zum Anzeigen der voraussichtlichen Restladung am Zielort fehlt noch genauso wie das automatische Einplanen von Ladestationen unterwegs, wenn das nötig ist. Auch hier muss VW nachbessern.

Der ID.3 an der Ionity-Ladestation; das Laden bis 80% dauert mindestens 30 Minutne.
9 Bilder
Auf der Autobahn schrumpft die Reichweite auf 200 bis 240 km.
Bei Überlandfahrten ist der Stromverbrauch geringer.
Die Frint mit dem neuen Marken-Logo.
Der Spoiler verringert den Luftwiderstand - genauso wie die geschlossenen Felgen.
Derzeit wird der ID.3 als First-Edition verkauft.
Zur Ausstattung gehört auch adaptives LED-Licht.
Der ID.3 wirkt auf kurvigen Strecken handlich.
VW ID.3.

Der ID.3 an der Ionity-Ladestation; das Laden bis 80% dauert mindestens 30 Minutne.

David Künzler

Gut gefällt dafür die Fahrwerksabstimmung, die den ID.3 agil durch die engen Kurvensträsschen flitzen lässt; kombiniert mit dem traktionsstarken Hinterradantrieb, sorgt das für Fahrspass. Wer auf maximalen Fahrkomfort setzt, sollte allerdings nicht die grossen 20-Zoll-Felgen mitbestellen. Sie lassen den VW unkomfortabler wirken, als er ist.

Fahrspass mit noch einigen Kinderkrankheiten

Das letzte Stück Weg ist verschneit und vereist. Auch ohne Allradantrieb fährt der ID.3 hier überraschend souverän; die im Boden montierte Batterie und der an der an der Hinterachse montierte E-Motor sorgen für gute Traktion – die fehlt einzig beim Rückwärtsrangieren aus dem Parkplatz; dann ist die elektronische Differenzialsperre nicht aktiv, und die Räder drehen durch.

Ohne Rutschen geht es zum Glück bergab. Das Zusammenspiel zwischen Rekuperation und mechanischer Bremse klappt deutlich besser und flüssiger, als dies noch bei der ersten Testfahrt der Fall war. Hier scheint VW bereits nachgebessert zu haben.

An einer öffentlichen Ladestation im Zentrum von Escholzmatt darf sich der ID.3 nochmals etwas Strom zapfen. Für den Weg nach Hause hätte es auch so gereicht. Doch als E-Auto-Fahrer gewöhnt man sich schnell daran, überall Strom mitzunehmen, wo es gerade ohne Umtriebe geht. Denn in Escholzmatt lohnt es sich, eine Pause einzulegen. Hier hat der «Hexer vom Entlebuch», Stefan Wiesner, sein Restaurant mit alchemistischer Naturküche; die weitum bekannte Bratwurst im Gasthof Rössli ist auf jeden Fall eine Reise wert.

Und der VW ID.3? Ist er eine Überlegung wert? Für E-Auto-Fanatiker ist er das bereits jetzt. Sie müssen aber weiterhin ein paar Kinderkrankheiten in Kauf nehmen, zum Beispiel, um eine Route mit passenden Ladestopps zu planen.

Um auch E-Auto-Neulinge zu begeistern, muss VW dringend noch nachlegen. Denn der ID.3 zeigt schliesslich, wie unglaublich wichtig die Software in einem modernen E-Auto ist. Die technische Basis mit eigens entwickelter Plattform ist durchaus gut; ohne passende Software kann sie aber nicht richtig genutzt werden.

VW ID.3 - Preise:

Die derzeit angebotene First-Edition des VW ID.3 kostet ab
52 900 Franken. Das Basismodell mit verringerter Reichweite kostet mindestens 39 450 Franken.