Der Nobelpreis für Medizin geht an zwei Krebsforscher

Für ihre Grundlagenforschung in der Krebstherapie erhalten der Amerikaner James P. Allison und der Japaner Tasuku Honjo den diesjährigen Nobelpreis für Medizin. Fachleute sind nicht überrascht.

Rolf App
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Lymphozyten attackieren eine Krebszelle. Ihre raffinierte Abwehr zu überwinden ist das Ziel der Immuntherapie. (Bild:  Getty/Science Photo Library)

Lymphozyten attackieren eine Krebszelle. Ihre raffinierte Abwehr zu überwinden ist das Ziel der Immuntherapie. (Bild: Getty/Science Photo Library)

Es gibt Nobelpreise, welche alle – auch die Wissenschafter selbst – überraschen, auch wenn sie durchaus verdient sind. Und es gibt Nobelpreise, die irgendwie in der Luft liegen. Die gestrige Bekanntgabe, dass der Amerikaner James P. Allison und der Japaner Tasuku Honjo sich den diesjährigen Nobelpreis für Medizin teilen, gehört eindeutig in die zweite Kategorie. Denn gross sind die Früchte, die ihre Immuntherapie gegen immer mehr Krebsarten bis heute getragen hat. Und so galt Allison denn auch letzten November als heisser Nobelpreis-Kandidat, als er aus der Hand von Bundespräsidentin Doris Leuthard einen der Balzan-Wissenschaftspreise entgegennahm – und in seiner Dankesrede von Sharon erzählte.

Er habe Sharon 2006 getroffen. Sie sei gerade mit dem College fertig gewesen, als die Ärzte ihr sagten, sie werde wegen ihres Hautkrebses nur noch wenige Monate leben. «Sharon hatte bereits Tumore in Hirn, Lunge und Leber. Keine Therapie hatte bisher gewirkt.»

James P. Allison, 70-jähriger Krebsforscher aus Houston,   Texas. (Bild: EPA)

James P. Allison, 70-jähriger Krebsforscher aus Houston,
Texas. (Bild: EPA)

Eine letzte Chance für Sharon

Eine letzte Chance gab es: Sharon nahm teil an einem Versuch mit Allisons Anti-CTL4-Therapie, die sich noch im Experimentierstadium befand. Und siehe da: «Innert dreier Monate schrumpften ihre Tumore und verschwanden. Als ich sie ein Jahr später traf, umarmte sie mich und weinte. Der Arzt hatte ihr gerade mitgeteilt, es gebe keinerlei Anzeichen für einen Rückfall. Ich war sehr bewegt und weinte auch.»

Schicksale wie jenes von Sharon sind seither keine Seltenheit. Und so hat denn auch Thomas Cerny, Präsident der Krebsforschung Schweiz, diesen Nobelpreis «irgendwann» erwartet, wie er sagt. Allison und Honjo hätten sich der Frage gewidmet, warum spezialisierte Immunzellen wie die T-Zellen nichts gegen die Krebszellen in ihrer Mitte unternehmen, obwohl sie die Tumorzellen grundsätzlich erkennen und sie dicht belagern.

Tasuku Honjo, 1942 in Kyoto geboren und noch immer dort forschend. (Bild: EPA)

Tasuku Honjo, 1942 in Kyoto geboren und noch immer dort forschend. (Bild: EPA)

In aufwendiger Kleinarbeit fanden sie heraus, dass Krebszellen sich der sogenannten Immun-Checkpoints bedienen, um dem Erkanntwerden durch das Immunsystem zu entkommen. «Diese Checkpoints haben Allison als Entdecker des CTL4-Checkpoints und Honjo als Entdecker des PD1-Checkpoints erkannt», erklärt Cerny. «Und sie haben Wege gefunden, die Blockade der T-Zellen zu durchbrechen, so dass diese Krebszellen abtöten können.» Das habe, sagt Cerny, eine neue, zukunftsweisende Art von Therapien entstehen lassen, die sogenannten Immuntherapien.

«Wir leben in einer faszinierenden Zeit»

«Wir leben in der Krebsmedizin in einer unglaublich faszinierenden, stürmischen Zeit», sagt Thomas Cerny. Aber er schränkt zugleich ein. Denn so einfach, wie sie auf den ersten Blick aussehen, liegen die Verhältnisse auch wieder nicht. «Es gibt Krebsformen, bei denen ein bedeutender Teil der Patienten auf die neuen Medikamente anspricht», erklärt er. Beim Schwarzen Hautkrebs etwa sei es vorerst ein Drittel, den man wahrscheinlich so heilen könne. Und «beim Lungenkrebs kann man zwar etwa einem Viertel der Patienten länger als bisher helfen, aber noch nicht dauerhaft. So ist es häufig noch nicht eine Heilung, die wir erreichen, sondern einen Stillstand.» Warum bestimmte Patienten nicht auf die Immuntherapie reagieren, muss deshalb noch erforscht werden.

«Möglicherweise können uns die individualisierten Diagnosen weiterbringen, die in der Krebsmedizin mehr und mehr kommen.»

Als der in einer Kleinstadt aufgewachsene Arztsohn James P. Allison Freude an der Forschung fand und einen Immunologiekurs besuchte, sagte ihm der Professor, der ihn gab, in der Immunologie gebe es nicht viele Dinge, über die man nicht Bescheid wisse. Wie man sich doch täuschen kann.