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SÜDAMERIKA: Im Kanu durch den Dschungel gleiten

Das Amazonastiefland Ecuadors gehört zu den artenreichsten Gebieten der Welt. Am besten erforscht man den faszinierenden Regenwald von einer Lodge aus – zu Fuss und per Paddelboot.
In der Lagune Garzacocha: Die Waldbewohner, etwa die Affen, sind zwar laut, aber nicht leicht zu entdecken. Im Dickicht des Dschungels und im dunklen Wasser lauern viele Gefahren. (Bild: Tatjana Stocker)

In der Lagune Garzacocha: Die Waldbewohner, etwa die Affen, sind zwar laut, aber nicht leicht zu entdecken. Im Dickicht des Dschungels und im dunklen Wasser lauern viele Gefahren. (Bild: Tatjana Stocker)

Text und Bilder Tatjana Stocker

Ein tiefes Brüllen dringt aus dem Dschungel. Welches Tier macht einen solchen Krach? «Eine Gruppe von Roten Brüllaffen», sagt Rodrigo Jipa, 43, unser einheimischer Führer. Wir sind im Amazonastiefland Ecuadors unterwegs, in einem Kanu auf einem Nebenfluss des Rio Napo, der in den Anden entspringt und in den Amazonas mündet. Die Waldbewohner sind zwar laut, aber nicht leicht zu entdecken.

Endlich sehen wir sie in den Baumwipfeln von Ast zu Ast turnen – auffällig das ziegelrote Fell und der lange Schwanz. Doch was die stämmigen Pflanzenfresser einzigartig macht, sind ihr grosser Kehlkopf und ihr gewölbtes Zungenbein: Sie wirken wie ein Schallverstärker. Das Gebrüll ist noch in fünf Kilometern Entfernung zu hören. «Es signalisiert den anderen Affen, die nicht zur Sippe gehören, wer hier den Ton angibt», erklärt unser Guide.

Anaconda packt Affen

Es ist unser erster Tag im tropischen Regenwald Ecuadors. Alles kommt uns geheimnisvoll und aufregend vor: das Dickicht, das dunkle Wasser, die fremden Geräusche. Wenige Zentimeter über der Wasseroberfläche gleiten wir dahin. Kürzlich, erzählt Rodrigo, sei ein Affe ins Wasser gefallen – und Sekunden später von einer Anaconda gepackt worden. Die riesige Würgeschlange, die bis zu 200 Kilogramm schwer und neun Meter lang werden kann, bewegt sich scheinbar schwerelos durchs Wasser und schlingt sich blitzschnell um ihr Opfer, bis es erstickt und kopfvoran verschlungen wird. Ich schaue angestrengt, versuche, irgendeine Bewegung auszumachen. Nichts. Nur Wasser und Grün in allen Schattierungen. «Es gibt hier überall Leben; man muss es nur sehen», sagt Rodrigo. Nach einer Weile öffnet sich der Wald, und es breitet sich eine Lagune aus – wie ein stiller, unergründlicher See. Garzacocha nennt sich das 700 Meter lange, rund drei Meter tiefe Gewässer. Am anderen Ende erspähen wir eine Hütte aus Bambus, die sich beim Näherkommen als unsere Lodge herausstellt, unser Zuhause für die nächsten Tage.

Da sind wir nun, Stunden von der Zivilisation entfernt. Von Quito, der Hauptstadt Ecuadors, sind wir über die Anden nach Lago Agrio geflogen, waren mit Kleinbus und Schnellboot unterwegs, bevor wir aufs Kanu umgestiegen sind. «Willkommen im Dschungel», begrüsst uns Carlos Lopez, der smarte Manager der Lodge.

Wir sind überrascht, wie viel Luxus es hier gibt: ein Restaurant samt Bar, eine Bibliothek, Bungalows mit Warmwasser – alles open air und aus einheimischen Materialien. 30 Angestellte kümmern sich um das Wohl von maximal 42 Gästen. Beim Abendessen sind wir allerdings nur zu sechst: ein Paar aus England, eines aus den USA und wir.

Rodrigo setzt sich zu uns an den Tisch, und wir löchern ihn mit Fragen: Welcher bunte Vogel sass vorhin vor der Veranda im Geäst? Wie gefährlich sind die Piranhas in der Lagune? Und wie wahrscheinlich ist es, dass sich eine Tarantel in unseren Bungalow verirrt? Die Vorstellung, in der Dunkelheit über die Lagune zu paddeln, löst bei einigen mulmige Gefühle aus.

Rote Augen funkeln im Dunkeln

Trotzdem sind alle wenig später bereit für die erste Exkursion. Die Nacht ist pechschwarz, wie das Wasser der La- gune. Über uns spannt sich der Nachthimmel mit dem Kreuz des Südens und unzähligen anderen Sternen. Die Geräuschkulisse hat zugenommen, Zikaden, Frösche und Kröten lärmen um die Wette. «Die meisten Tiere im Dschungel sind dämmerungs- oder nachtaktiv», sagt Rodrigo. Manche Tiere wie Affen, Wasserschweine und Tapire machen sich auf Futtersuche, andere wie Eulen, Jaguare und Anacondas auf die Jagd. Wir starren minutenlang ins Dunkel. Nichts.

Da! Rodrigo hat ein Paar orange-rote Augen dicht über der Wasseroberfläche entdeckt. «Ein weisser Kaiman, vielleicht eineinhalb Meter lang», flüstert er. Ich erinnere mich an die Geschichte, die uns Bekannte erzählt haben: Ein Paar war in der Lagune einer anderen Lodge schwimmen, als es von einem Kaiman attackiert wurde. Die Frau, eine gute Schwimmerin, wollte den Alligator abwehren, da verbiss er sich in ihr Gesicht. Die Frau überlebte, aber schwer entstellt. «Natürlich kenne ich diese Geschichte, und sie hat sich vor wenigen Jahren hier in der Gegend auch so zugetragen», bestätigt Rodrigo, als wir zurück sind. Der Angreifer sei ein Schwarzer Kaiman gewesen, eines der gefährlichsten Raubtiere des Amazonas. In unserer Lagune sei aber noch keiner gesichtet worden. Auf die Einladung des Managers, morgen in der Lagune schwimmen zu gehen, werde ich dennoch verzichten. Nur schon der Piranhas wegen, die hier am Steg mit Fleischstückchen gefüttert werden.

Heilige Baumriesen abgeholzt

Ein lautes Gezeter weckt uns am nächsten Morgen. Vor unserer Veranda tobt eine Horde Kapuzineräffchen. Eine Stunde später brechen wir auf. Wir tragen Gummistiefel, sind ausgerüstet mit Regenschutz und Feldstecher. Der Pfad ist schmal, der Untergrund rutschig. Halt! Rodrigo hat Spuren eines Tapirs entdeckt. Wenig später erspähen wir in einem hohlen Baum eine Fledermauskolonie. Der Kapokbaum, der hier Lupuna genannt wird, gehört zu den grössten Arten im Amazonas. Der bis zu 70 Meter hohe Stamm wird von mächtigen Brettwurzeln gestützt.

Für die Indígenas, die Ureinwohner, seien diese Baumriesen heilig und von Wesen bewohnt gewesen, erzählt Rodrigo. Um seine Vorfahren, die man lange Zeit abschätzig als Indios bezeichnet habe, zu bekehren, hätten die spanischen Kolonialherren die mächtigen Bäume systematisch abgeholzt.

Er selber stammt aus einer kleinen Urwaldgemeinschaft an der Grenze zu Peru. Seine Muttersprache ist Quichua; Spanisch lernte er in der Schule, Englisch durch die Touristen in der Lodge, wo er vor 26 Jahren als Küchenhilfe anfing. Vom grössten Teil der 1600 Vogelarten Ecuadors kennt Rodrigo alle drei Bezeichnungen: in Quichua, Spanisch und Englisch. Er sei herumgereist, habe Vogelrufe aufgenommen und gelernt, sie nachzuahmen. Doch nicht nur Vögel reagieren auf seine Rufe; auch Affen lassen sich anlocken. Heute besitzt er einen Affen als Haustier und möchte sein Grundstück in der Nähe des Urwaldortes Coca in ein kleines Naturreservat verwandeln. Er will die Menschen für ökologische Anliegen sensibilisieren. «Doch der Umweltschutz hat in unserem Land, in ganz Südamerika, einen schweren Stand», klagt er. Plantagen fressen sich in den Amazonas hinein. Und Erdölfirmen würden selbst im Yasuní-Nationalpark, einem Unesco-Biosphärenreservat, Öl drillen. «Es ist eine Schande», sagt Rodrigo.

Weisse Maden zu Ehren der Gäste

Später besuchen wir eine indigene Gemeinschaft. Unweit des Flussufers stehen ein paar mit Palmblättern gedeckte Bauten. In der grössten Hütte stehen Frauen um eine Feuerstelle. Es riecht nach Fisch, der in Bananenblätter gerollt auf dem Feuer brutzelt. Doch uns zu Ehren haben die Frauen eine weitere Delikatesse vorbereitet: Daumengrosse weisse Maden winden sich in einem Behälter. «Elefantenkäfer- maden sind sehr schmackhaft», sagt Rodrigo, nimmt ein Tier heraus, reisst ihm den Kopf ab und steckt sich den Rumpf in den Mund. Die Männer unserer Gruppe probieren davon. «Nicht schlecht», lässt mein Partner verlauten.

Auf der Rückfahrt entdecken wir Schienenschildkröten. Eine Initiative will die gefährdeten Tiere schützen: Die Eier werden eingesammelt und die geschlüpften Jungtiere erst mit sechs Monaten in die Wildnis entlassen, um ihre Überlebenschancen zu erhöhen. Auch der rosafarbene Amazonasdelphin leidet unter der Zerstörung seines Lebensraums. Die Delphine zeigen sich uns leider nicht; auch nicht, als wir am nächsten Tag erneut auf dem Napo unterwegs sind – per Schnellboot nach Coca, eine von den auf Plantagen und Ölfeldern arbeitenden Männern bevölkerte Stadt, die sich in den Dschungel ausdehnt. Von dort gehts per Flugzeug über die Anden nach Quito. In der ersten Nacht zurück in der Zivilisation mache ich kein Auge zu – die Geräusche des Dschungels fehlen mir.

Luxuriöse Ferien an der Lagune

Anreise:Mit KLM von Zürich via Amsterdam oder mit Iberia via Madrid nach Quito. Inlandflug nach Coca mit der Airline Tame: www.tame.com.ec. Am Flughafen in Coca werden die Gäste von den Mitarbeitern der Lodges empfangen und per Bus und motorisiertes Kanu zu den Unterkünften im Regenwald gebracht. Besucher der weniger tief im Urwald gelegenen «Casa del Suizo» können via Baños anreisen.
Einreise: Für Schweizer visumfrei für 90 Tage. Notwendig: ein Pass, der mindestens noch 6 Monate gültig ist, Rückreisetickets und genügend Geld.

Unterkunft:Die komfortablen Lodges im ecuadorianischen Regenwald sind meist aus einheimischen Materialien gebaut. Sie liegen oftmals an einer Lagune und bieten Exkursionen an. www.laselvajunglelodge.com, www.sachalodge.com, www.casadelsuizo.com

Ideale Reisezeit: November bis April gelten als die besten Reisemonate für Ecuador. Im Amazonasgebiet und an der Küste ist es das ganze Jahr über angenehm warm bis schwül; im Andenhochland kann es sehr kühl sein.

Hinweis

Dieser Reisebericht entstand mit Unterstützung der La Selva Jungle Lodge.

Expeditionsleiter Rodrigo Jipa samt einer Geisselspinne als Begleiterin. (Bild: Tatjana Stocker)

Expeditionsleiter Rodrigo Jipa samt einer Geisselspinne als Begleiterin. (Bild: Tatjana Stocker)

Eine indigene Bewohnerin brutzelt Fisch, der in Bananenblätter gerollt ist. (Bild: Tatjana Stocker)

Eine indigene Bewohnerin brutzelt Fisch, der in Bananenblätter gerollt ist. (Bild: Tatjana Stocker)

Eine Delikatesse: Die daumengrossen Maden werden knusprig geröstet. (Bild: Tatjana Stocker)

Eine Delikatesse: Die daumengrossen Maden werden knusprig geröstet. (Bild: Tatjana Stocker)

Die Urwaldriesen beherbergen Lebensformen, die noch kaum erforscht sind. (Bild: Tatjana Stocker)

Die Urwaldriesen beherbergen Lebensformen, die noch kaum erforscht sind. (Bild: Tatjana Stocker)

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