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SÜDSEE: Muskeln, Trommeln und Blumenkränze

Paradiesvögel, Tropenfrüchte, Blütenkränze und Südseeschönheiten wie von Gauguin gemalt. Die Reise mit der «Aranui 5» zu den Marquesas führt ins Herz Polynesiens.
Zunge raus und Muskeln spannen: Krieger begrüssen die Passagiere auf Nuku Hiva. (Bild: Ingrid Schindler)

Zunge raus und Muskeln spannen: Krieger begrüssen die Passagiere auf Nuku Hiva. (Bild: Ingrid Schindler)

Text und Bilder Ingrid Schindler

Was für eine Jungfernfahrt! Es regnet Katzen und Hunde. Kein Mensch erweist der «Aranui 5» am Quai d,Honneur im Hafen von Papeete, Tahiti, die Ehre. Seit den 50er-Jahren transportiert die Familie Wong Kokosnussfleisch (Kopra), Perlmutt und Salzfisch in die Hauptstadt Französisch-Polynesiens, seit den 80ern fährt ihre «Aranui» als Cargo mixte zu den Iles Marquises, früher mehr Frachter als Passagierschiff, heute umgekehrt.

Wie ihre Vorgängerinnen macht sich die neue, grössere und luxuriösere «Aranui 5» mit Platz für 254 Passagieren alle drei Wochen auf den 4300 km langen Weg zu den einsamsten Inseln der Welt, um diese mit Waren zu beliefern und mit Kopra, Noni- und Zitrusfrüchten nach Tahiti zurückzukehren. Die Iles Marquises, vierzehn grüne Vulkaninseln im Südpazifik, nur sechs davon bewohnt, sind am weitesten von allen Kontinenten entfernt.

Während Tahiti und die Gesellschaftsinseln schon immer mit sanften, schönen Frauen assoziiert wurden, stehen die 1500 Kilometer entfernten Marquesas für Männlichkeit. Man verband sie mit kraftstrotzenden Menschenfressern, Furcht erregend in der Erscheinung, von Kopf bis Fuss tätowiert. Bis Robert Louis Stevenson, Paul Gauguin, Jacques Brel und viele andere Künstler und Abenteurer das brutale Bild der Marquises wandelten und sie Teil des Mythos Südsee, des «glücklichen Polynesiens», wurden.

Das Land der Männer

Die tahitianische Truppe Toa Huahine trommelt gegen den Takt des Tropenregens an. Mit Ziegenschädeln, Eberhauern und Haifischzähnen behängt, springen die Tänzer kampfeslustig übers Pooldeck. Sie schwingen Fäuste, Keulen und Totschläger und stossen raue, heisere Laute aus, während der Regen die rote Farbe ihres Bastschmucks über die breiten Schultern und den Rücken hinunterwäscht. Der «Haka» liefert einen Vorgeschmack auf unsere Schiffsreise ins Te Fenua Enata, das «Land der Männer», wie die Marquesas im Original heissen.

In den nächsten 14 Tagen werden wir viele archaische Kriegs-, Schweine- oder Vogeltänze kennen lernen, denn auf Hiva Oa, dem fruchtbaren «Garten der Marquesas», findet das diesmalige Festival des Marquises statt, zu dem die Toa Huahine mit der «Aranui» unterwegs sind. Alle vier Jahre kommen auf den abgelegenen Inseln – ohne eigentliche touristische Infrastruktur – Tausende Menschen aus dem gesamten polynesischen Raum von Hawaii bis zu den Osterinseln, Samoa, Neukaledonien und Neuseeland zusammen, um die Mythen und traditionellen Künste des Archipels im Herzen Polynesiens wiederzubeleben. Vier Tage lang wird getanzt, getrommelt, geschnitzt, gesungen, tätowiert, gespielt, gefeiert. Ende 2015 waren zum ersten Mal nichtfarbige Besucher offiziell zum Festival zugelassen, die Passagiere der «Aranui».

Die Hüften kreisen lassen

Am nächsten Tag schaut unsere Welt ganz anders aus. So paradiesisch, wie man sich die Südsee erträumt. Kokospalmen säumen einen endlosen Sandstrand, die Sonne strahlt, die Farbe des Wassers ist türkisblau. Die «Aranui» liegt vor Takapoto, einem der 78 Atolle des Tuamotu-Archipels, vor Anker, unserem ersten Etappenziel. Die Tuamotus, bekannt für schwarze Perlen und eine grossartige Unterwasserwelt, gelten wegen der Korallenriffe als schwieriges Gewässer.

Auf Takapoto werden wir wie Könige empfangen. Blumenbekränzte Frauen in bunten Kleidern und Pareos hängen uns duftende Hibiskus-, Jasmin- und Tiaréblütenketten um, die Inselband spielt auf. Mag sein, dass wegen der Anwesenheit der Wongs die Zeremonien besonders üppig ausfallen – etwa zwei Dutzend Mitglieder der Besitzer- und Gründerfamilie der Compagnie Polynésienne de Transport Maritime (CPTM) sind wegen der Jungfernfahrt und wegen des Festivals an Bord.

Wir spazieren zur Innenseite des Atolls und sehen, was das schmale, wenige Meter übers Meer ragende Eiland zu bieten hat: eine Kirche, einen Laden, eine kleine Pension, eine Piste für Kleinflugzeuge und vor allem weissen Sand. Insulanerinnen jeden Alters und Formats lassen zu eingängigen Melodien rhythmisch ihre Hüften kreisen, während wir das Buffet, das Bad im warmen Wasser der Lagune und die Leichtigkeit des Seins geniessen.

Der Archipel und die Welt

Ein weiterer Tag auf See, dann tauchen sie vor uns auf: sattgrüne, teils dicht bewaldete bis 1200 Meter hohe, zerklüftete Vulkanberge mit senkrecht aufragenden Felsnadeln und tief eingeschnittenen Tälern. Wir haben das Land der Männer erreicht. Hier schützen keine Saumriffe die felsigen Küsten, der Sand ist schwarz, der Pazifik rollt ungebremst heran. Gellende Schreie durchschneiden die Brandung, Muschelhörner ertönen, Trommeln schlagen an, Spannung liegt in der Luft, das Horn der «Aranui» trötet. Krieger im Blätterkostüm marschieren zum Tanz auf.

Wieder nehmen uns Frauen mit Blumen und Kränzen in Empfang und stehen Honoratioren am Pier parat. Ob auf Nuku Hiva, wo sich Herman Melville und Robert Louis Stevenson inspirierten, auf Ua Huka, Ua Pou, Hiva Oa, wo Gauguin und Brel ihren Frieden fanden, auf Tahuata und Fatu Hiva, wo Thor Heyerdahl das Leben der Marquesianer studierte, auf allen Inseln werden wir freudig begrüsst.

Überall besichtigen Dorfdelegationen die «Aranui», die Einheimischen sind neugierig auf «ihr neues Schiff», wie Philippe Wong sagt. «Die Marquesianer nennen es ‹Siebte Insel der Marquesas›, weil der Grossteil der Besatzung (103 Mann) von hier stammt und der Frachter den Archipel mit der Welt verbindet.» Autos, Boote, Kühlschränke, Computer, Lebensmittel, schlicht alles kommt mit der «Aranui». Dazu fördert die CPTM die marquesianische Sprache und Kultur, sie unterstützt das Festival und die Bewerbung der Inseln als Welterbe der Unesco.

Die enge Bindung zu den Einheimischen sei das Erfolgsrezept der «Aranui», ist Philippe Wong überzeugt. Die Stimmung an Bord ist bestens, sehr entspannt, und das nicht nur, weil die Matrosen so freundlich ihre Tattoos und Muskeln zeigen und uns mit starken Armen sicher in die Landungsboote hieven. Die Crewmitglieder sorgen während der Ausflüge und Wanderungen auch für unser Wohl, sie stellen die Bordband und lehren uns, wie man Haka tanzt, rohen Fischsalat zubereitet oder aus Tüchern Südseemode macht. An Land chauffieren uns ihre Verwandten in privaten SUV zu den Tikis, Kultstätten und Tabuplätzen der Inseln. «Wir geben unsere Passagiere an Land nicht in fremde Hand. Die enge Kooperation mit den Locals bei den Landgängen ist ein weiterer Unterschied zu herkömmlichen Kreuzfahrtschiffen», betont Wong. Und natürlich das Laden und Löschen der Fracht.

«Für jede Frau vorteilhaft»

Das spezielle «Aranui»-Feeling kommt bei den Gästen an. Südsee kann süchtig machen, das kennt man. Aber ein Schiff? Viele der Passagiere sind zum zweiten-, dritten-, viertenmal und mehr an Bord: das deutsch-amerikanische Professorenpaar, die rüstige Dame aus Düsseldorf, der House-Musiker aus Vancouver, der Pariser Chirurg, der australische Schiffsmakler, der französische Architekt, die britische Krankenschwester, das Schweizer Rentnerpaar. Als wir die Marquises verlassen und uns auf den Weg nach Rangiroa und Bora-Bora machen, der letzten, unvergleichlich touristischeren Station der Reise, veranstaltet die Crew einen polynesischen Abend an Bord.

Viele der weiblichen Passagiere tun es inzwischen den Marquesianerinnen gleich und tragen Pareos am Leib und Blüten im Haar. «Blumen- und Blätterkronen sind für jede Frau vorteilhaft», meint dazu Philippes Gattin Sonia Wong, die auch zu Hause in Tahiti täglich Grünzeug trägt. Die Belegschaft tritt für uns auf, Mutige unter den Gästen tanzen nun den Haka, und die properen Krieger der Toa Huahine und ihre ebenso properen Frauen hüpfen an diesem prächtigen Tropenabend als Paradiesvögel übers Deck.

Auch Madame Wong tanzt mit. Zur Feier des Tages hat sie sich Federn an die Finger gesteckt, «das sieht gleich viel schöner, graziler und verlockender aus». Vor 25 Jahren hat sie ihren Mann auf der Fahrt mit der «Aranui 2» zu den Marquesas kennen gelernt, sie damals als Passagier, er als junger Barkeeper. Liebe auf den ersten Blick, «amour fou, coup de foudre». Auch Sonia kam bald wieder auf das Schiff der Marquesianer zurück.

Marquesas-Festival: archaische Performance unter dem Motto «Retour aux Sources» (Zurück zum Ursprung) auf den Kultplätzen von Hiva Oa. (Bild: Ingrid Schindler)

Marquesas-Festival: archaische Performance unter dem Motto «Retour aux Sources» (Zurück zum Ursprung) auf den Kultplätzen von Hiva Oa. (Bild: Ingrid Schindler)

Die Teilnehmerinnen am Festival sind zugleich kritische Zuschauerinnen. (Bild: Ingrid Schindler)

Die Teilnehmerinnen am Festival sind zugleich kritische Zuschauerinnen. (Bild: Ingrid Schindler)

Skyline von Ua Pou: grüne Täler zwischen steil aufragenden Bergspitzen und Felsnadeln. (Bild: Ingrid Schindler)

Skyline von Ua Pou: grüne Täler zwischen steil aufragenden Bergspitzen und Felsnadeln. (Bild: Ingrid Schindler)

Der neue Passagierfrachter «Aranui 5» liegt in der Bucht von Hane vor Ua Huka vor Anker. (Bild: Ingrid Schindler)

Der neue Passagierfrachter «Aranui 5» liegt in der Bucht von Hane vor Ua Huka vor Anker. (Bild: Ingrid Schindler)

Traditionelles Outfit. (Bild: Ingrid Schindler)

Traditionelles Outfit. (Bild: Ingrid Schindler)

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