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Die dunkelsten Tage

Österreichische Forscher haben den Zeitpunkt von Selbsttötungen untersucht. Dabei zeigte sich eine Reihe eher unerwarteter Resultate, vor allem bezüglich der Jahreszeiten.
Lajos Schöne
Depression und Hoffnungslosigkeit: Forscher untersuchen, ob bestimmte Tage das Suizidrisiko zusätzlich erhöhen. (Bild: Michael Buholzer)

Depression und Hoffnungslosigkeit: Forscher untersuchen, ob bestimmte Tage das Suizidrisiko zusätzlich erhöhen. (Bild: Michael Buholzer)

Die Frage, wann sich zu bestimmten Zeiten die Selbsttötungen häufen, beschäftigt Wissenschaftler schon lange. Unter den Verdächtigen, die zum Suizidrisiko beitragen sollen, befinden sich bestimmte Wochentage, speziell der Sonntag, aber auch astrologische Sternzeichen oder besondere Ereignisse.

Häufig genannt werden etwa der Geburtstag oder auch das Weihnachtsfest. In den USA sind Berichte über die so genannte Weihnachtsdepression zu einem ebenso alljährlichen medialen Brauch geworden wie das Dekorieren der Schaufenster.

Die ­kalte und dunkle Jahreszeit – ins­besondere der November – wird häufig verdächtigt, den Wunsch nach dem Tod zu verstärken.

Doch was stimmt davon wirklich und was nicht?

Diesen Fragen sind Eberhard A. Deisenhammer von der Universitätsklinik für Psychiatrie und seine Kollegen Christoph Stigl­bauer und Georg Kemmler an der Medizinischen Universität Innsbruck nachgegangen. Ihre Untersuchung soll dazu beitragen, «im Rahmen suizidpräventiver Bemühungen bereits im Vorfeld Hoch- und Höchstrisikogruppen anhand von diversen Risiko­faktoren zu charakterisieren». Die Forscher analysierten dazu Selbsttötungen aus 17 Jahren im österreichischen Bundesland Tirol hinsichtlich ihrer Häufigkeit zu gewissen Terminen.

Dabei konnten sie auf eine zwar nicht riesige, aber in ihrer Art seltene Datenbank zurückgreifen: An der Psychiatrischen Universitätsklinik Innsbruck werden seit 1995 alle im Bundesland Tirol verübten und von der Polizei gemeldeten Suizide erfasst. Die ermittelnden Beamten füllen für jeden Fall ein Formular aus, der unter anderem die Daten zur Person sowie Ort, Zeit und Methode des Suizids beinhaltet. Mit Hilfe dieses «Tiroler Suizid-Registers» (TSR) konnten Deisenhammer und seine Kollegen 1980 Suizide analysieren.

Dreimal mehr Männer als Frauen

Ihre Ergebnisse bestätigten zunächst einige bereits seit längerem bekannte Zusammenhänge: So die Tatsache, dass Männer dreimal so häufig wie Frauen ihr Leben selbst beenden. Das ist auch in der Schweiz so (siehe Kasten). Die Tiroler Resultate: «Die Geschlechtsverteilung betrug 3:1 (Männer 74,1 %, Frauen 25,9 %), das Durchschnittsalter lag bei 49,1 Jahren. Die häufigste Suizidmethode war das Erhängen (40,7%), gefolgt von Springen aus grosser Höhe (13,9 %) und Erschiessen (11,3 %).»

Im Zuge der Analyse entpuppten sich allerdings viele gängige Annahmen als falsch.

Weder für den Geburtstag selbst noch für die Zeiträume (3 und 7 Tage) davor und danach wurde eine statistisch signifikante Abweichung ­gefunden. Das widerspricht ­früheren Studien aus anderen Ländern, deren Autoren von einer Häufung von Suiziden am oder um den Geburtstag berichteten.

Zur Erklärung dieses Unterschiedes verweisen Deisenhammer und seine Mitautoren auf die sozialen Bedeutungsunterschiede des eigenen Geburtstags in verschiedenen Kulturen.

Weihnachten hat eher einen Schutzeffekt

Ähnlich wie der Geburtstag finden auch emotional besetzte Feiertage wie die Stille Nacht und der Jahreswechsel nicht überdurchschnittlich häufig ein tödliches Ende. Die Forscher registrierten weder an Weihnachten noch an Neujahr über einen längeren Zeitraum hinweg einen ­Anstieg von Selbsttötungsfällen. Eher das Gegenteil davon: Für den gesamten Zeitraum vom 17. Dezember bis zum 8. Januar wurden sogar etwas weniger Suizide als zu erwarten dokumentiert.

Das bestätigt teilweise andere Studien, die Weihnachten einer eher «suizidpräventiven Effekt» zuschreiben. «Das verringerte Suizidrisiko an – vor allem familiär bedeutsamen – Feiertagen könnte auch mit den dann tatsächlich vermehrten sozialen Kontakten zusammenhängen. Einerseits könnten sie emotional positiv versetzt sein, zum anderen aber auch faktisch die Gelegenheiten zu suizidalen Handlungen einschränken», so Eberhard Deisenhammer.

Montag und Dienstag am häufigsten

Bezüglich der Verteilung an den Wochentagen zeigten sich signifikante Unterschiede: Am Montag und am Dienstag lagen die Suizidzahlen klar über dem statistisch zu erwartenden Wert. Dazu die Autoren der Studie: «Die Häufung von Suiziden gerade zu Wochenbeginn könnte mit einem «broken-promise effect» in Verbindung stehen. Wenn sich die Erwartung an einen Erholungseffekt des Wochenendes bei depressiven Menschen nicht ­einstellt oder das Wochenende nicht die erhofften positiven sozialen Erlebnisse gebracht hat, erscheint die vor einem liegende Arbeitswoche umso weniger bewältigbar.»

Mehr Gefahr, wenn andere fröhlich sind

Die jahreszeitliche Verteilung zeigte insofern eine Auffälligkeit, als im Frühling und Sommer markant mehr Suizide auftreten als in der «dunklen Jahreszeit». Das könnte zum einen mit biologischen Faktoren zu tun haben, unter anderem in Zusammenhang mit dem als «Wohlfühlhormon» bezeichneten Neurotransmitter Serotonin.

Zum anderen könnte die Häufung in den hellen und warmen Monaten aber auch mit dem Erleben depressiver Menschen in Verbindung stehen. «Gerade in den Zeiten, die für ihre Umgebung Genuss und Freude bedeuten, nehmen sie ihre sozialen und emotionalen Defizite umso stärker wahr», schreiben die Tiroler Psychiater in ihrer Untersuchung.

Oft beängstigenden Vorhersagen von Horoskopen sollte man dagegen keinen Glauben schenken.

Bezüglich der Häufigkeit der Suizide nach dem Sternzeichen fanden sich laut der Studie keine signifikanten Unterschiede des Verteilmusters. Lediglich bei den unter dem Sternbild der Zwillinge Geborenen zeigte sich ein kleiner Ausreisser: Ihr Suizidrisiko lag knapp unter dem Durchschnitt. Ähnlich fiel die Analyse der Geburtsmonate aus.

Suizide sind kein Randphänomen

Der Tod von eigener Hand kommt in allen Kulturen vor und durchzieht alle Epochen der Geschichte. Jedes Jahr, so hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) ermittelt, nehmen sich mehr als 800000 Menschen das Leben. Alle 40 Sekunden beschliesst irgendwo auf der Welt ein Mensch, freiwillig aus dem Leben zu scheiden. Besonders hoch sind die Raten in einigen osteuropäischen Staaten: In Litauen sterben 29,6 von 100000 Menschen von eigener Hand, fast dreimal so viele wie im EU-Durchschnitt (9,9). In Ungarn liegt die Rate bei 16,5, in Österreich bei 11,6 und in Deutschland bei 9,5. Mit 10,1 liegt die Suizidrate der Schweiz im europaweiten Vergleich im Mittelfeld. Die niedrigsten Werte weisen Griechenland (4,5), Zypern (4,5) und Italien (5,3) auf.

Rückgang in der Schweiz

In der Schweiz haben sich 2015 (neuere Zahlen liegen noch nicht vor) 1071 Menschen das Leben genommen (792 Männer und 279 Frauen). Das entspricht einer kleinen Zunahme gegenüber dem Vorjahr. Allerdings war die Suizidrate bei uns noch Mitte der 1990er- und Anfang der 2000er-Jahre wesentlich höher als heute. Der Höchstwert mit 1451 Suiziden stammt aus dem Jahr 2002.
Die Zahl der Suizidversuche ist um ein Mehrfaches grösser als jene der Suizide. Fachleute gehen von 10000 bis 15000 Fällen pro Jahr aus, wobei die Dunkelziffer noch weit höher liegen könnte. Mehrheitlich begehen Frauen ­einen Suizidversuch.
Assistierter Suizid (Sterbehilfe) wurde 2015 bei 965 Menschen festgestellt (426 Männer und 539 Frauen). Die assistierten Suizide nahmen in den letzten Jahren markant zu.

«Reden kann retten» ist Motto einer Suizidpräventionskampagne der Dargebotenen Hand. Die Telefonnummer 143 und für Jugendliche die 147 ist jederzeit ­offen, anonym und kompetent.

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