Interview

Snowboard-Olympiasiegerin Tanja Frieden: «Jedes Kind sollte in der Schulzeit ein Skilager besuchen»

Tanja Frieden, Snowboard-Olympiasiegerin 2006, kämpft neben ihrer Arbeit als Coach dafür, dass wieder mehr Kinder Skifahren lernen. Und sie sorgt sich um den Pioniergeist der Schweiz.

Interview: Dominik Buholzer
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Tanja Frieden. Olympiasiegerin und Präsidentin des Vereins Schneesportinitiative Schweiz. (Bild: Sandra Blaser)

Tanja Frieden. Olympiasiegerin und Präsidentin des Vereins Schneesportinitiative Schweiz. (Bild: Sandra Blaser)

Tanja Frieden, was ist für Sie das Schönste am Winter?

Ich liebe es, wenn es unter den Schuhen knirscht, wenn ich durch den Schnee laufe. Darauf freue ich mich jeweils schon im Herbst. Und mich fasziniert die Vielseitigkeit, die einem der Schnee bietet. Ich liebe es, mich im Schnee fortzubewegen. Von diesem Gleiten kann ich nicht genug kriegen, sei dies nun auf dem Board, den Skiern oder auf den schmalen Latten. Es gibt nicht überall auf der Welt Schnee, bei uns aber hat es, also: Let’s use it!

Aber speziell Ihre Paradedisziplin Snowboarden hat in der Gunst der Jungen an Bedeutung verloren.

Die Verkaufszahlen mögen zurückgehen, Angst habe ich ums Boarden aber nicht. Entscheidend ist für mich, dass die Jungen Freude am Schneesport haben, egal welchen. Nur das zählt.

Wintersport hat allerdings bei den Jungen heute allgemein einen immer schwereren Stand?

Den Jungen bieten sich heute viel mehr Freizeitmöglichkeiten als zu Zeiten, als ich noch jung war. Jung zu sein, scheint mir heute ein wahrer Stress zu sein.

Ist Skifahren im Vergleich zu anderen Aktivitäten nicht ganz einfach zu teuer geworden?

Die Welt ist kleiner geworden. Sie können heute für ganz wenig Geld in den Süden fliegen. Da überlegt es sich eine vierköpfige Familie gut, ob sie sich einen Skitag oder lieber eine Woche Ferien am Meer gönnen will. Wenn man es vom Standpunkt der Nachhaltigkeit aus betrachtet, kann man aber nicht mehr über Schneekanonen wettern.

Also sollten wir mehr in die Berge, als ans Meer zu fliegen?

Ich mag das eine nicht gegen das andere ausspielen. Das bringt nichts.

Ich finde es ganz einfach wichtig, dass man auch die eigenen Berge kennt.

Lassen Sie uns nochmals übers Geld sprechen. Skifahren ist ein teurer Spass – oder nicht?

Das würde ich so nicht unterschreiben. Sie können für wenig Geld eine Topausrüstung mieten. Dies empfiehlt sich gerade bei Kindern oder Personen, die nur ein paar wenige Tage im Jahr auf den Ski stehen.

Aber hinzu kommen Skipässe für eine vierköpfige Familie.

Kleinkinder benötigen kein riesiges Skigebiet. Es gibt Orte, die haben sich ganz den Familien verschrieben, da kommt man zu einem guten Preis in den Genuss eines tollen Skitages. Man muss sich nur ein wenig im Internet erkundigen.

Tanja Frieden (42) mit Snowboardnachwuchs: «Jedes Schweizer Kind sollte mindestens einmal nachhaltigen Kontakt mit dem Schnee gehabt haben.» (Bild: Markus Grunder)

Tanja Frieden (42) mit Snowboardnachwuchs: «Jedes Schweizer Kind sollte mindestens einmal nachhaltigen Kontakt mit dem Schnee gehabt haben.» (Bild: Markus Grunder)

Ihr Ziel als Präsidentin der Schneesportinitiative ist es, dass jedes Kind in der Schweiz in seiner Schulzeit einmal auf Ski gestanden ist. Weshalb?

Weil man nur vermissen kann, was man auch kennt. Der Winter gehört zur Schweiz, also sollte jedes Kind mindestens einmal nachhaltigen Kontakt mit dem Schnee gehabt haben. Es kann sich dann immer noch entscheiden, ob es beim Wintersport bleibt oder nicht.

Sie setzen stark auf die Schule. Weshalb nicht auf die Familie?

Weil nicht mehr alle Eltern Winter-affin sind. Durch die Schule haben alle Zugang. Deshalb helfen wir den Lehrern mit der Initiative «gosnow.ch». Mit lediglich drei Klicks auf unserer Webseite kann eine Lehrperson heute ein Wintersportlager organisieren. Es gibt also keine Ausreden mehr.

Tragen die Anstrengungen bereits Früchte?

Wir stehen jetzt im vierten operativen Jahr und zählen rund 7500 Kinder, die ein Skilager besucht haben. Bei den Schneesporttagen kommen wir auf 20000 Kinder. Wir unterstützen ja nicht nur Lehrpersonen, sondern erachten es auch als unsere Aufgabe, tolle Projekte und Initiativen zu unterstützen und das auch zu kommunizieren

Wie muss ich mir dies vorstellen?

Das Skigebiet auf dem Hoch-Ybrig hatte in der vergangenen Saison ein tolles Angebot für Kinder aus Zürich. Weil die Verantwortlichen zu wenig Material hatten, stiessen sie an ihre Grenzen. Da halfen wir. Oder die Aktion in der Stadt Bern: Da wurde mitten in Bern aus dem Abrieb der Eisbahn eine kleine Skipiste für die Kleinsten gemacht – sackstark!

Sie wollen damit andere animieren?

Es ist uns noch so recht, wenn andere durch solche Aktionen motiviert werden. Unser Bestreben ist es, so viele Kinder wie möglich auf die Pisten zu bringen. Dank unserer Hilfe konnten im Rahmen der Swisscom-Snowdays nicht nur 6000, sondern 8500 Kinder begeistert werden. Wir stellten Material zur Verfügung, so konnten die Preise gesenkt und mehr Kinder angesprochen werden. Manchmal braucht es gar nicht so viel, um etwas zu bewegen.

Sie weibeln für die Schneesportinitiative auch in Bundesbern. Was kann denn die Politik machen, damit wieder mehr Junge Ski fahren?

Hier wäre eigentlich am meisten möglich. Der Bund könnte die J+S-Gelder für den Schneesport verdoppeln. Auf kantonaler Ebene könnten sich die Politiker dafür einsetzen, dass jedes Kind in seiner Schulzeit ein Skilager besuchen kann, so wie dies früher der Fall war.

Basel ist mittlerweile der einzige Kanton, der noch so eine Regelung kennt.

Ist es nicht unrealistisch, dass Ski­lager wieder zur Pflicht werden?

Es gibt durchaus Bemühungen, etwa im Kanton Thurgau. Natürlich braucht es noch einige Anstrengungen. Als Tochter einer Unternehmerfamilie weiss ich, dass man auch den wirtschaftlichen Nutzen nicht verkennen sollte.

Worin besteht denn der wirtschaftliche Nutzen eines Skisportlagers?

Wir leisteten in der Saison 2017/18 eine direkte Wertschöpfung von 1,5 Millionen Franken bei den Schneesportlagern und eine von 1,2 Millionen Franken bei den Schneesporttagen. Wir leisten also einen ganz wichtigen Beitrag zum Tourismus in den Alpen und dies vor allem längerfristig mit den Gästen von morgen.

Mit den Kindern auf dem Weg zum Lift: Tanja Frieden an einem Schneesporttag. (Bild: Markus Grunder)

Mit den Kindern auf dem Weg zum Lift: Tanja Frieden an einem Schneesporttag. (Bild: Markus Grunder)

Laut Avenir Suisse könnte es in ­ 30 Jahren in der Schweiz aber keinen Wintersport mehr im herkömm­lichen Sinn mehr geben.

Ja, das verändert sich. Die Schweiz wird aber zu jenen Ländern gehören, wo auch künftig noch Schneesport möglich ist, einfach in höheren Lagen.

Wir wollen auch kein Mammut beatmen, sondern bieten neue Lösungen.

Dies stellt zahlreiche Skigebiete vor neue Herausforderungen, speziell jene unter 1500 Metern.

Die klimatischen Veränderungen sind das eine. Das andere ist das veränderte Kundenverhalten, und das betrifft die kleinen Gebiete genauso wie die grossen. Die Zeiten, wo sich viele eine Saisonkarte gekauft haben, sind definitiv vorbei. Heute gehe ich vielleicht einen Tag Skifahren, den anderen Wellnessen und am dritten Langlaufen. Diesen Veränderungen müssen wir mit neuen Angeboten Rechnung tragen.

Sind dynamische Preismodelle, wie sie immer mehr Skigebiete einführen, eine Lösung?

Auf jeden Fall. Die Preise müssen flexibel werden. Das ist die Zukunft. Das darf aber nur der erste Schritt sein. Wir ­müssen noch viel mehr aus den neuen Möglichkeiten machen, die uns die ­Digitalisierung bietet.

Sie klingen, als wären Sie unzufrieden, wie sich die Dinge entwickeln?

Ich habe einfach Angst um den Pioniergeist der Schweiz. Ich weiss nicht, ob grosse Würfe wie eine Bahn aufs Jungfraujoch heute noch möglich wären.

Mit unserer Reglementiererei stehen wir uns heute oft selber im Weg. Wir scheuen uns, Fehler zu machen.

Grosse Würfe entstehen aber nur, wenn auch die Bereitschaft zum Risiko vorhanden ist. Wir müssen wieder mehr wagen, sonst bewegen wir uns immer mehr Richtung Mittelmass.

Dass es weniger Schneetage im Mittelland gibt, hängt auch mit dem Klimawandel zusammen. Bereitet Ihnen dieser Sorgen?

Definitiv. Ich bin kein Engel: Ich fliege zu viel.Aber wo immer es geht, versuche ich einen Beitrag zu einer nachhaltigen Entwicklung zu leisten.

Wo?

Beispielsweise beim Umbau meines Elternhauses. Mein Partner und ich möchten unbedingt ein Plus-Energiehaus realisieren, also ein Haus, dessen jährliche Energiebilanz positiv ist. Nachhaltige Lösungen gerade im Energiebereich wären schon lange vorhanden, sie sind monetär nur noch nicht interessant. Dies darf eigentlich nicht sein.

Der Bewusstseinswandel fand also noch nicht statt?

Wir müssen bewusster handeln. Deshalb sind gerade die Skilager so wichtig.

Uns geht es nicht nur ums Skifahren.

Solche Lager leisten auch einen soziokulturellen Beitrag und fördern zudem das Verständnis für die Bergwelt und damit die Umwelt. Und für den Tourismus in den Alpen sind sie erst noch wertvoll.

Sie sind Mutter eines dreijährigen Sohnes. Unlängst machte Luam erste Snowboard-Fahrversuche …

… und kurz vor Weihnachten stand er erstmals auf Ski.

Ist es Ihnen wichtig, dass er Ihre Schneesport-Faszination teilt?

Er muss nicht meine Faszination teilen, sondern die Natur auf seine Art entdecken. Ohne Druck und Erwartungshaltung. Dies ist uns Eltern wichtig.

Sie waren Spitzensportlerin, jetzt sind Sie Motivationscoach, Referentin und Mutter. Welche Rolle fordert Sie derzeit mehr heraus?

Die grösste Herausforderung ist, dass ich die Balance finde. Was das Muttersein anbelangt: Ich erachte es als grosses ­Geschenk, meinen Sohn bei seiner Entwicklung zu begleiten.

Aber das Muttersein bringt Sie immer wieder an Ihre Grenzen?

Ja klar. Es hält mich aber auch beweglich. Mein Sohn bringt mich immer wieder dazu, mein eigenes Verhalten zu überdenken und gleichwohl meine Linie durchzuziehen. Wir haben das Glück, ein Kind bekommen zu haben, das Menschen unglaublich gerne hat. Dies macht vieles einfacher, weil ich genau gleich ticke. Zudem benötigt er momentan noch nicht den immer gleichen Ablauf. Auch dies kommt mir entgegen.

Tanja Frieden: «Grösste Herausforderung ist, dass ich heute zwischen all meinen Tätigkeiten und Rollen die Balance finde.» (Bild: Sandra Blaser)

Tanja Frieden: «Grösste Herausforderung ist, dass ich heute zwischen all meinen Tätigkeiten und Rollen die Balance finde.» (Bild: Sandra Blaser)

Diese Freiheit bedeutet Ihnen anscheinend sehr viel.

Ich war in meinem ganzen Leben wohl noch nie fix angestellt. Mir und meinem Team eigene Ziele zu stecken, ist mir sehr wichtig.

Woher kommt das?

Mir ist der Sinn einer Tätigkeit sehr wichtig. Ich finde, wir sollten uns sowieso vermehrt die Frage nach dem Wie und dem Warum stellen.

Wie kommen Sie darauf?

Ich begegne bei meiner Tätigkeit als ­Motivationscoach oft Leuten, die mit sich und ihrem Leben unzufrieden sind und meinen, sie hätten keine andere Wahl. Das ist ein Irrtum. Ein Grossteil von uns Schweizern ist privilegiert, sich immer wieder neu auszurichten. Es braucht lediglich ein wenig Mut dazu. Die Lebensqualität würde dadurch sicher steigen.

Was kommt Ihnen bei Ihrer Arbeit mehr zugute: Ihre Ausbildung als Lehrerin beziehungsweise Ihre Weiterbildung zum Coach oder die Erfahrungen aus dem Spitzensport?

Was mich von anderen Coaches unterscheidet sind die 15 Jahre Spitzensport. Ich habe gelernt, dass Widerstände ­unglaublich energievoll sein können. ­Widerstände sind unangetastete Ressourcen.

Wir sollten Widerstände also als Chance erkennen?

Widerstand ist, vereinfacht gesagt, gebundene Energie. Der Satz stammt von Albert Einstein und nicht von Tanja ­Frieden, aber darum geht es.

Als Spitzensportlerin habe ich unzählige Möglichkeiten und Methoden gelernt, wie man diese Widerstände neutralisieren kann.

Was kann die Wirtschaft vom Sport lernen?

Im Sport lernen Sie, sich auf ein Ziel zu fokussieren und mit Widerständen umzugehen. Sie lernen aber auch, dass Niederlagen Bestandteil des Erfolgs sind. Im Spitzensport gibt es nicht richtig oder falsch, sondern einfach verschiedene ­Erfahrungen. Das sollte auch unsere Schule beherzigen.

Sie waren Olympiasiegerin und Sportlerin des Jahres. Vermissen Sie von Zeit zu Zeit den Spitzensport?

Überhaupt nicht.

Wirklich nicht?

Ich bin enorm dankbar für die Zeit als Spitzensportlerin. Aber ich bin glücklich, dass ich heute ein anderes Leben führe. Alles, was man extrem betreibt, ist nicht gesund, und als Spitzensportlerin führt man ein extremes Leben. Voilà! Ich freue mich, dass ich heute als Präsidentin der Schneesportinitiative Schweiz mit einem Team zusammenarbeiten darf, das beseelt ist vom Willen, etwas für den Skisport zu erreichen. Hier spannt sich der Bogen zu meinem ehemaligen Leben als Spitzensportlerin. Mehr brauche ich heute nicht.

Erste Snowboardcross-Olympiasiegerin

Tanja Frieden feierte am 17. Februar 2006 an den Olympischen Winterspielen in Turin mit dem Sieg im Snowboardcross ihren grössten sportlichen Erfolg in ihrer 15-jährigen Karriere. Im gleichen Jahr wurde die gebürtige Bernerin von den Schweizerinnen und Schweizern zur Sportlerin des Jahres gewählt.   
Vier Jahre nach ihrem Triumph beendete Frieden ihre sportliche Laufbahn. Seither ist sie als Referentin und seit zwei Jahren als Coach tätig.

2015 wurde Tanja Frieden zur Präsidentin des Vereins Schneesportinitiative Schweiz gewählt. Nationale Verbände verschiedener Schneesportbranchen, die Kantone sowie der Bund haben den Verein gegründet, um gezielt Kinder und Jugendliche wieder vermehrt zum Schneesport zu animieren. Mit der Plattform gosnow.ch bietet er Schulen und Lehrpersonen neben Tipps, Tricks und Organisationshilfen rund um den Schneesport vor allem Angebote für fix-fertig organisierte Schneesportlager und -tage zu attraktiven Preisen.

Tanja Frieden, die am 6. Februar ihren 43. Geburtstag feiern kann, lebt mit ihrem Partner Marc Ramseier und dem gemeinsamen Sohn Luam (geboren am 30. Januar 2016) in Thun.
https://gosnow.ch/
https://tanjafrieden.ch