Targa – weder Cabriolet noch Coupé

Als Porsche 1965 «das erste Sicherheitscabriolet der Welt» vorstellte, war die Welt gespannt auf ein Auto, das weder Cabriolet noch Coupé, weder Hardtop noch Limousine, sondern etwas ganz Neues war. 50 Jahre und einige Generationen später durfte ich Bekanntschaft mit diesen Sportwagen machen.

Andrea Decker
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Seit seinem Debüt im Jahr 1965 hat der Targa einen festen Platz in der 911er Familie. Hier vier Generationen des einzigartigen Modells am Lago Maggiore.Bild Dirk Michael Deckbart

Seit seinem Debüt im Jahr 1965 hat der Targa einen festen Platz in der 911er Familie. Hier vier Generationen des einzigartigen Modells am Lago Maggiore.Bild Dirk Michael Deckbart

Andrea Decker

Wenn das Zuffenhausener Porsche-Museum einige Museumsfahrzeuge für Testfahrten in die Schweiz befördert, will das schon etwas heissen: Der Porsche Targa feiert seinen 50. Geburtstag – und einige faszinierte Auto-Journalisten mit ihm. Die Geburtstagsreise führte die deutschen Prachtkerle ins entzückende Ascona am Lago Maggiore, wo die formschönen Autos nicht nur die promenierenden Feriengäste begeisterten, sondern auch Einheimische und Touristen entlang der schmalen, holprigen Strässchen der zuweilen unberührt-wilden, aber auch lieblichen Täler des Tessins und Italiens. Eine Reise in die Vergangenheit – aus zweierlei Sicht.

Kommunikation? Ein Muss.

Die dank ihrer einzigartigen Form unverkennbaren Fahrzeuge, mit denen wir die 200 Kilometer lange Spritztour unter die Räder nahmen, sind der Porsche 911 2.0 Targa (1967), der Porsche 911 SC Targa (1981), der Porsche 911 Carrera Targa (1993) und der neue Porsche 911 Targa 4 GTS. Wer auf welches Modell abfuhr, war schnell klar: Die erfahrenen Herren stürzten sich beherzt auf die älteren Generationen, mein Herz schlug für das jüngste Exemplar mit neuzeitigem Komfort. Nichtsdestotrotz wurde auch ich dazu angehalten, Bekanntschaft mit den älteren Modellen zu machen – retro-unerfahren und verwöhnt von viel hilfreicher Elektronik, war es kein leichtes Unterfangen für mich.

Schnelle Fortschritte

Der 1981er schnaubte und fauchte mich an, als ich am Berg stehend versuchte, seine 204 PS wieder zur Weiterfahrt zu motivieren, während ich wiederum beim Anblick eines dicht hinter mir stehenden Wagens Blut schwitzte. Nicht gerade die optimalsten Bedingungen für den Beginn einer innigen Freundschaft. Wer weiss ... Doch nach ein bisschen Routine und geübter Kommunikation zwischen Mensch und Fahrzeug verstanden wir uns letztendlich ziemlich gut.

Bewegt man sich in einem der älteren Fahrzeuge fort, wird einem rasant bewusst, wie schnell Design, Technik und Fortschritt voranschreiten. Denn wer erinnert sich noch an die rudimentär zu bedienenden Temperatur- und Lüftungsregler, an Instrumente ohne jeglichen Schnickschnack, die karogemusterten plüschigen Sitzpolster, die knorrigen Scheibenwischer- und Blinker-Hebel? Erinnerungen werden wach, mein Gefühl für «es war einmal ...», auch, ganz analog und kaum digital.

Schutzschild Targa

In der hintersten befahrbaren Ecke des Verzasca-Tals angekommen – im schmucken Dörfchen Sonogno – und mit Tessiner Spezialitäten eingedeckt, geht es mit ein bisschen Geschichte weiter. Wir lernen, dass die Autoindustrie in den 60er-Jahren in den USA stark verunsichert war. Wieso? Seitdem der Verbraucherschützer Ralph Nader den mangelnden Insassenschutz in Cabriolets kritisiert hatte, war die passive Automobilsicherheit in aller Munde. Einige amerikanische Hersteller hörten sogar auf damit, ihre offenen Fahrzeuge zu produzieren. Ferdinand Alexander Porsche jedoch gab nicht klein bei, zeigte sich innovativ und integrierte kurzerhand den aus dem Rennsport bekannten Überrollbügel. Mit seinem herausnehmbaren Faltdach und der herunterklappbaren Heckscheibe war der Targa sehr wandlungsfähig und bot seinen Insassen vier Varianten des Offen- und Geschlossenfahrens.

Bei der Bezeichnung des neuen Modells spielte Porsche auf den Schutzeffekt des Edelstahl-Bügels an: So erinnert der Name Targa an Porsches Erfolge beim legendären sizilianischen Langstreckenrennen Targa Florio, bedeutet übersetzt aber auch Schild. Ein Cabriolet mit Schutzschild also.

Was damals als Sicherheitsaspekt akzeptiert und geschätzt wurde, ist heute nicht mehr wirklich relevant, sorgen die serienmässigen Cabriolets doch alle für sicheres offenes Fahren. Die Frage lautet viel mehr: Mag man den Wagen gerade wegen dieser besonderen Optik?

Um Erfahrungen reicher

Das Privileg, solch schöne und alte Modelle fahren(lernen) zu dürfen, hat erneut bewiesen, dass Autos für viele Menschen viel mehr als nur Fortbewegungsmittel sind und dass Porsche mehr als einfach eine Automarke ist. Die Zuffenhausener und ich – wir bleiben Freunde.

Steckbriefe

Porsche 911 2.0 Targa
Baujahr: 1967
Motor: 6-Zylinder-Boxer
Hubraum: 1991 ccm
Leistung:130 PS
Spitze: 210 km/h

Porsche 911 SC Targa
Baujahr:1981
Motor:6-Zylinder-Boxer Hubraum: 2994 ccm
Leistung:204 PS
Spitze:235 km/h

Porsche 911 Carrera Targa
Baujahr: 1993
Motor: 6-Zylinder-Boxer
Hubraum:3600 ccm
Leistung: 250 PS
Spitze: 260 km/h

Porsche 911 Targa 4 GTS
Baujahr:2015
Motor: 6-Zylinder-Biturbo
Hubraum: 3800 ccm
Leistung:430 PS
Spitze: 303 km/h