TEL AVIV: Es gibt noch viel zu tun

Israels lebenslustige Strandmetropole ist auf Sand gebaut und architektonisch einzigartig: Nirgends gibt es mehr Bauhaus-Stil als hier. Deshalb steht die «Weisse Stadt» auf der Liste des Unesco-Weltkulturerbes.
Text und Bilder: Ingrid Schindler
Hinter der Strandpromenade liegt die «Weisse Stadt». Diesen Namen verdankt die zweitgrösste Stadt Israels ihren vielen freien, weiss getünchten Fassaden.

Hinter der Strandpromenade liegt die «Weisse Stadt». Diesen Namen verdankt die zweitgrösste Stadt Israels ihren vielen freien, weiss getünchten Fassaden.

Text und Bilder: Ingrid Schindler

Vor gut 100 Jahren war nichts als Sand. 1909 wurden die ersten 60 Grundstücke in den Dünen im Norden der arabischen Hafenstadt Jaffa zur Bebauung ausgelost. Der Name der Siedlung: «Frühlingshügel», Tel Aviv. 1919, als die Briten das Völkerbundmandat über Palästina übernahmen, begann der jüdische Staatsaufbau. «Im gleichen Jahr gründet Walter Gropius die Bauhausschule für Architektur, Möbel und Design in Weimar», referiert Dr. Micha Gross, Leiter des Bauhaus Center Tel Aviv, und deutet auf einen Wassily-Chair in den Ausstellungsräumen des Centers. «Bestes Bespiel für Bauhaus: Stahlrohr als wegweisendes Material, serientauglich, industriell produzierbar, funktional. Oder das Schachspiel hier.» Er hält einen L-förmigen Springer, diagonalen Läufer und eine kugelrunde Königin hoch, «weil sie nach allen Seiten ziehen kann». Kein Schnickschnack, nüchtern, funktional.

Das grösste Freiluft-Bauhaus-Museum

Bereits 1921 wurde das junge Tel Aviv zur Stadt, 1950 hat es sich mit dem antiken Jaffa vereint, heute ist das Konglomerat mit ca. 440 000 Einwohnern die zweitgrösste Stadt Israels. Typisch für den ersten Bauboom sei, so Gross, ein eklektischer Mix, der sich bei Elementen früherer Epochen bediente, um einen eigenen jüdischen Stil zu kreieren: hier Säulen und Spitzbögen, dort Reliefs mit nationalem Pathos und Szenen aus der jüdischen Geschichte. Anders der zweite Boom, der 1933 mit Hitlers Machtergreifung und der Schliessung des Bauhauses in Weimar bzw. Berlin durch die Nazis einsetzte. Seither bestimmt Bauhaus das Bild der Weissen Stadt. Das Etikett verdankt das Zentrum Tel Avivs dem White Wash, den freien, weiss getünchten Fassaden ohne Ornamentik, die zusammen mit der revolutionären Stahlbetonskelettbauweise radikal die Moderne einläuteten. Es ging hier schliesslich darum, möglichst viele Flüchtlinge schnell anständig unterzubringen.

Der Einfluss von Gropius, Le Corbusier, Erich Mendelsohn und nach Tel Aviv eingewanderter Bauhausschüler ist überall in der «Weissen Stadt» spürbar. Sie inspirierten Hunderte jüdischer Architekten, die vor der Judenverfolgung nach Israel flohen. Man spricht von 4000 bis 8000 Häusern im Bauhausstil (auch Internationaler Stil oder Modernismus) aus der Zeit zwischen 1933 und 1948, 2000 von ihnen stehen unter Denkmalschutz, 1000 sind seit 2003 als Unesco-Welterbe geschützt. Damit ist Tel Aviv das mit Abstand grösste Freilicht-Bauhaus-Museum der Welt, wenn auch die Objekte teils arg heruntergekommen sind: Schlichte, oft asymmetrische Kuben mit runden Kanten, Fenster- und Balkonbändern. Pilotis (tragende Säulen) zur Bodenbelüftung, Flachdächer mit Pergolen als Sonnenschutz, Brises Soleil (abgehängte Balkonbrüstungen und Vorhängefassaden), vorstehende Dächer und Sonnenblenden über Fenstern als Schattenspender, Schlitze in den Balkonbalustraden, damit Luft zirkulieren kann, kleine Fenster: Allesamt Massnahmen zur Kühlung, denn Tel Aviv hat 300 Sonnentage im Jahr und der Sommer ist lang und heiss. Balkone besass früher jedes Haus. Viele sind inzwischen wegen chronischem Platz-mangel zugebaut.

Auf dreieckigen Grundstücken ankern manche Gebäude wie Schiffe im Häusermeer, mit rundem Bug und Reling alias Geländer, das um Dächer, Balkone und Vorgärten läuft. Häufig sieht man an Hauseingängen Plättli, Micha Gross erklärt, warum: «Die Juden kamen nicht mehr an ihr Geld in Nazideutschland, ausser sie kauften damit zu horrenden Preisen hochwertiges Baumaterial und verschifften es hierher. So entstanden paradoxerweise in Israel Häuser mit grundsolider deutscher Bausubstanz, wie man sie heute nicht mehr findet. Bäder, Küchen und Flure wurden gefliest, und wenn immer noch Kacheln übrig waren, brachte man sie draussen an.»

Strassen nach Schachbrettmuster angelegt

Der Dizengoff-Platz, zurzeit Baustelle, bildet das Herz der Weissen Stadt. Der Namensgeber des Platzes, Meir Dizengoff, war visionärer Gründer, Planer und erster Bürgermeister Tel Avivs. Der aus Russland nach Palästina eingewanderte Ingenieur beauftragte den schottischen Botaniker und Urbanisten Patrick Geddes mit einem Bebauungsplan. Der legte die Strassen nach Schachbrettmuster an: die grossen verlaufen von Nord nach Süd, die kleinen von Ost nach West. Mit dem Ziel, ruhige Quartiere mit hoher Wohnqualität für viele Menschen zu schaffen. Dahinter stand die Idee, im heissen Sand der Levante eine blühende Gartenstadt nach englischem Vorbild aufzuziehen, in der jedes Haus für sich allein steht und jedes Wohnviertel über Garten- und Parkflächen verfügt. «Das Grün macht die Weisse Stadt bei ihren Bewohnern extrem beliebt. Es ist das Geheimrezept des enormen Erfolgs von Tel Aviv – und der hohen Immobilienpreise, die sich von Zürich nicht unterscheiden.» Gross kennt das Niveau; er ist Zürcher und wanderte erst Ende der 90er nach Israel aus.

Tausende Objekte warten auf Renovation

Im Jahr 2000 haben er, seine Frau Shlomit Gross und Ascher Ben-Shmuel das Bauhaus Center Tel Aviv gegründet. Kein Mensch hätte sich damals für Bauhaus interessiert, heute sei man ­Ansprechpartner für Denkmalpfleger, Unesco, Architekten und Touristen. In den Räumen des Centers hängen Fotos von renovierten Häusern. «Plus minus 80 Jahre lang wurde nicht renoviert. Später gebaute Häuser mit schlechterer Bausubstanz würden längst nicht mehr stehen», ist der Bauhaus-Chef überzeugt.

Indessen bröckeln die Fassaden. Mit der Auszeichnung als Unesco-Weltkulturerbe wurde seit zehn Jahren zwar tatsächlich der Verfall eines Teils der Weissen Stadt gestoppt, aber längst nicht genug. Es gibt noch viel zu tun. Tausende Objekte warten auf Renovation. Diese ist aufwendig und teuer, da alles original wiederhergestellt werden muss, mit entsprechendem Original-Bauma-terial. «Ein Mittel zur Finanzierung wurde darin gefunden, die Häuser um ein oder zwei Stockwerke aufzustocken, vorausgesetzt, der neue Teil wird zurückversetzt, damit die Fassade optisch nicht verändert wird», sagt Gross. Die Besitzer können das Baurecht verkaufen und damit die Renovation des Objekts finanzieren. Oder man darf im hinte- ren Teil des Grundstücks ein höheres Haus errichten, wenn man vorn das Bauhausobjekt saniert. Wege finden sich doch irgendwie, aber nicht immer schnell genug.

Beispiel aus Tel Avivs erster Bauphase mit Stilelementen aus mehreren früheren Epochen. (Bild: Ingrid Schindler)

Beispiel aus Tel Avivs erster Bauphase mit Stilelementen aus mehreren früheren Epochen. (Bild: Ingrid Schindler)

Am Meer wird die «Weisse Stadt» bunt und jung. (Bild: Ingrid Schindler)

Am Meer wird die «Weisse Stadt» bunt und jung. (Bild: Ingrid Schindler)

Typisch: Runde Ecken und Balkone mit Belüftungsschlitzen. (Bild: Ingrid Schindler)

Typisch: Runde Ecken und Balkone mit Belüftungsschlitzen. (Bild: Ingrid Schindler)

Das Bauhaus Center, gegründet 2000, in der Dizengoff Street. (Bild: Ingrid Schindler)

Das Bauhaus Center, gegründet 2000, in der Dizengoff Street. (Bild: Ingrid Schindler)

Rundbau am Dizengoff-Platz, dem Herzen der Stadt. (Bild: Ingrid Schindler)

Rundbau am Dizengoff-Platz, dem Herzen der Stadt. (Bild: Ingrid Schindler)

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