TESTBERICHT: Das Tesla Model S liebt Sie – kompromisslos

Der junge Elektroautohersteller Tesla steht für Umweltbewusstsein, Kraft und Sexappeal. Doch kann ein Elektroauto wirklich in der Oberklasse bestehen? Wir haben das Tesla Model S P85D in den verschneiten Bündner Bergen getestet.

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Die Journalistin Martina Medic ist noch sichtlich beeindruckt vom schicken Testauto Tesla Model S P85D. Die beiden stehen beim Haupteingang zum Hotel Suvretta House in St. Moritz. (Bild: Neue LZ / Martina Medic)

Die Journalistin Martina Medic ist noch sichtlich beeindruckt vom schicken Testauto Tesla Model S P85D. Die beiden stehen beim Haupteingang zum Hotel Suvretta House in St. Moritz. (Bild: Neue LZ / Martina Medic)

Wie könnte ein Mann kühl bleiben, während Monica Bellucci ihm die Wangen liebkost und betörend haucht: «Ich tue alles für dich, sag mir nur, was du dir wünschst»? Bündnerland, Nobelskiort St. Moritz, 7. Februar 2016. Es schneit und ist bitterkalt. Als ich nach einer Stunde Testfahrt im Tesla Model S P85D beim 5-Sterne-Hotel Suvretta House aussteige, fühle ich mich wie von der sinnlichen Monica um den Verstand geküsst: anmutiges und schnittiges Design. Zwei Elektromotoren mit total 469 PS bugsieren das 2.2 Tonnen mittels Allradantrieb in 3.3 Sekunden von 0 auf 100 km/h. Neuste Sensortechnik, welche die edlen Türgriffe ausfährt, sobald sich der Fahrer nähert. Sicherheitssysteme, die selbstständig Notstopps einleiten, falls plötzlich eine Rehfamilie vors Auto hüpft. Und Teslamitarbeiter, die in den ersten 30 Sekunden nach einem Unfall den Fahrer anrufen, um Hilfe zu organisieren, falls es der Fahrer nicht mehr kann. Das Model S kümmert sich um seinen Menschen, es denkt für ihn, liebt ihn, man sitzt darin wie in Watte gepackt, man fühlt sich erhaben, sicher, wohl – und nicht, wie am Autofahren.

Zwei stabile Tonnen auf Eis

Wuchtigen Motorensound und Benzingeruch sucht man bei diesem Elektroauto vergebens. Ob der Motor läuft oder nicht erkenne ich nur am LED-Display, sonst bleibt es gespenstisch still. Kaum geht die Probefahrt los, erwartet meinen Tesla und mich eine rutschige Zufahrtsstrasse, bei der jedem Fahrer von frontangetriebenen Mittelklasse-Autos (ohne Schneeketten, wohlgemerkt) der Atem stockt. Doch sobald ich den Fuss vom Gas nehme, verlangsamt das Model S selbstständig mittels regenerativem Bremssystem, um so Energie für den Akku zurückzugewinnen – selbst bremsen war gestern.

Das grosse, titanummantelte Akkupack (Lithium-Ionen) befindet sich unter der Fahrerkabine und damit der Autoschwerpunkt in der Mitte. Wie wirkt sich das aus? Ich steuere die verschneiten Strassen hinunter Richtung Malojapass und fahre, wo es nur geht, über Matsch- und Schneehaufen, gebe kurz und abrupt Gas, doch der Sedan will nicht schleudern. Auf dem verschneiten, freien Parkplatz vor dem Tesla Flagstore in St. Moritz gebe ich dann so richtig Gas, reisse das Steuer herum, bremse abrupt, Vollgas, Notbremse und bin nicht überrascht, dass auch ein Luxussedan bei vereistem Untergrund die physikalischen Gesetze nicht aushebeln kann – er driftet. Dies aber nur minim, obwohl ich das Model S maximal malträtiere. Wie sehr das ESP dem Fahrer bei schlechten Strassenverhältnissen assistiert, merke ich, als ich dieses mittels «Schlupfstart»-Funktion deaktiviere – nun segeln wir elegant über das Eis, drehen unsere Pirouetten.

Reichweite und Service

Die teslaeigene Lade-Infrastruktur für deren Elektrofahrzeuge ist in der Schweiz dicht erschlossen: Wer das Elektroauto nicht über Nacht zuhause laden will, findet unterwegs in modernen Parkhäusern und rund alle 50 km eine Teslatankstelle (sogen. Supercharger), wo sich das Auto in 20 Minuten für die nächsten 250 km auflädt – also gut die Hälfte. Die Gesamtreichweite des Model S 85 D von bis zu 490 km sinkt bei kälteren Temperaturen um rund 10 – 15 %. Tesla empfiehlt einen Service der Verschleissteile einmal im Jahr bzw. alle 20'000 km. Die Kosten sind mit wenigen hundert Franken bedeutend kleiner als bei einem Auto mit Verbrennungsmotor. Auf dem Akkupack gibt es eine Werksgarantie von acht Jahren.

Einige Kunden stören sich ob der stattlichen Breite von 1.97 m (eingeklappte Spiegel). Auch sei die Materialienwahl für das Interieur zu eingeschränkt, die Sitze zu unbequem. In der Luxusklasse mag die erste Kritik zutreffen, die zweite teile ich jedoch nicht. Die schwarzen Ledersitze mit Sportschalung sind bis ins Detail individuell einstellbar. In der Mitte prangt ein grosser 17-Zoll-Touchscreen, über den praktisch alle Funktionen regulierbar sind, selbst die Höhe des Fahrgestells. Die Rückfahrkamera und Einparkautomatik sind selbstverständlich.

Sorgenkinder: Datenschutz und Sensoren

Wie bei jeder Traumfrau bzw. jedem Traummann, beginnt man die Fehler erst zu sehen, wenn die Verliebtheit schwindet: Künstliche Intelligenz wird in diesem Auto Wirklichkeit. Es sammelt fröhlich Daten, tauscht diese mit dem Smartphone des Fahrers aus, ist ständig mit dem Internet verbunden und mit der der Tesla-Zentrale. Letztere kann die Software jedes Tesla-Autos jederzeit verändern (ausser man schaltet die Funktion manuell aus, doch besteht dann wirklich kein Datenaustausch nach aussen?). Tesla kann damit ein Logbuch mit den Bewegungsmustern des Autobesitzers erstellen und so dessen Verhalten analysieren, vielleicht gar steuern? Zumindest im neusten Clou, dem Autopilot, wird dies bereits angedeutet. Noch scheint das junge Autounternehmen idealistisch motiviert, im Sinne der Kunden. Doch wo US-Firmen Daten horten, wühlen die Finger von Uncle Sam stets mit im Topf.

Weiter fällt während der Testfahrt auf, dass allem Minimalismus zum Trotz, jegliche Sensorenanzeigen pausenlos vor sich hin blinken oder gar piepsen. Das nervt gewiefte Autofahrer (der Abstand nach rechts ist auf jeder Fahrbahn ganz rechts knapp, wozu brauche ich ständige Warnungen?), auch wenn es fast ausnahmslos berechtigt ist. Ausgerechnet beim Abschluss der Probefahrt warnt mich mein Tesla, ich müsse sofort anhalten, obwohl sich nichts als bloss Schnee vor dem Auto befindet. Eine Schneeflocke hatte den Sensor wohl verwirrt. Und diese komplexe Elektrotechnik und Elektronik ist wohl die Achillesferse. Fehlerhafte Sensoren könnten beispielsweise Notstopps in Situationen auslösen, wo diese fatal wären. Auf Nachfrage sagt Tesla, es seien bisher keine Fehlfunktionen der Sensoren bekannt, die mit gravierenden Folgen verbunden gewesen wären. Eine offizielle Statistik gibt es noch nicht.

Der Tesla-Claim «Keine Emmissionen. Keine Kompromisse» bringt den Idealismus und das leidenschaftliche Streben nach Perfektion auf den Punkt, in Sachen Emissionen ist diese Parole aber nicht ganz korrekt. Zwar stossen Elektroautos keine Treibhausgase wie CO2aus, jedoch entstehen diese und weitere Schadstoffe z. B. bei der Stromproduktion mittels Kohle- und Kernkraftwerken. Nach eigenen Angaben nutzt Tesla bei seinen Superchargern fast nur Strom aus erneuerbaren Energiequellen wie Photovoltaik (Sonne) oder Wasserkraft.

Fazit? Keine Kompromisse

Ein weiterer Wehrmutstropfen ist der mit, je nach Konfiguration, Fr. 100'000 – 130'000 hohe Preis. Erste Leasingangebote gibt es bereits ab Fr. 700 – 800 Fr./Mt, jedoch ist eine entsprechende Anzahlung nötig.

Mein Fazit? Das Model S von Tesla streicht an der Wange der Perfektion. Sein überragender Sexappeal lässt einen wie die Traumfrau bzw. der Traummann alles vergessen, was stört. Dieses Auto zieht nicht nur alle Blicke auf sich, es ist eine einzige Liebeserklärung an den Fahrer.

Bewertung: 5 von 5 Sternen

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Tesla Model S: technische Daten & Bestellung

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Dank fortschrittlicher Software und mittigem Schwerpunkt fahren sich die 2.2 Tonnen auch auf rutschiger Fahrbahn traumhaft sicher. (Bild: PD / Tesla Motors)

Dank fortschrittlicher Software und mittigem Schwerpunkt fahren sich die 2.2 Tonnen auch auf rutschiger Fahrbahn traumhaft sicher. (Bild: PD / Tesla Motors)

Ihren Köpfen entspringt der Sexappeal: Tesla-Mitbegründer und CEO Elon Musk (hinten) und Chefdesigner Franz von Holzhausen (ehem. Mazda). (Bild: PD / Steve Jurvetson)

Ihren Köpfen entspringt der Sexappeal: Tesla-Mitbegründer und CEO Elon Musk (hinten) und Chefdesigner Franz von Holzhausen (ehem. Mazda). (Bild: PD / Steve Jurvetson)