Gartenvögel
Eins, zwei, viele Spatzen: Wenn Städter an einer Vogelzählaktion mitmachen

Doch, es gibt auch andere Vögel als Tauben und Spatzen: Eine Stunde Beobachten macht Städter zu entschleunigten Hobby-Ornithologen. Seit der Pandemie ist das Interesse deutlich gestiegen.

Wanja Staubli
Drucken
Er lässt sich sehr häufig blicken: Der Haussperling.

Er lässt sich sehr häufig blicken: Der Haussperling.

Bild: Markus Haller

An einem verhangenen Vormittag habe ich mich bei Nieselregen zur Vogelpirsch aufgemacht. Hinaus auf den überdachten Balkon meiner Wohnung am Zürcher Stadtrand – ein anderes Gebäude direkt gegenüber, nur ein paar Büsche dazwischen. Nicht viel Natur also, und trotzdem höre ich sofort Vogelzwitschern. Einige Exemplare sehe ich auch. Obwohl ich viel Zeit hier verbringe, war mir nicht bewusst, dass neben Stadtmenschen auch viele Vögel meine Nachbarn sind.

Über 4500 Menschen und Gruppen in der Schweiz haben im Rahmen einer fünftägigen Aktion der Tierschutzorganisation BirdLife Schweiz Vögel gezählt. Dabei wurden über 135’000 Vögel aus 191 Arten gemeldet.

Damit auch Laien wie ich, teilnehmen können, steht von BirdLife eine App zum Artenbestimmen zur Verfügung. Entweder man findet eine Art, indem man über die Übersicht der Familien einsteigt, oder einfacher für Anfänger: Man gibt spezielle Merkmale wie Gefiederfarbe ein und sieht dann mögliche Treffer.

Einheimische Pflanzen und vielseitige Gärten sind gut für Vögel

Die Artenbestimmung von solch Laien-Zählern ist dennoch ungenau. Aus den gesammelten Rückmeldungen lässt sich aber für die Ornithologen trotzdem einiges ableiten. So liess sich zum Beispiel ablesen, dass mehr Vögel aus Gärten gemeldet wurden, die mit einheimischen Pflanzen bestückt waren. Es zeigte sich auch deutlich, dass Strukturen wie Holzhaufen und Teiche, die auch für Insekten Lebensräume bieten, die Zahl der beobachteten Vögel erhöhen.

Bereits in vergangenen Jahren hat sich gezeigt, dass in solch vielseitigen Gärten im Schnitt über zwölf Vogelarten gezählt wurden. In einseitig oder exotisch bepflanzten Gärten dagegen nur rund sieben. Diese Beobachtung hat sich auch dieses Jahr bestätigt.

Beobachtete seltene Wildtiere melden

Nicht nur Vögel, auch andere Wildtiere können in der Schweiz gemeldet werden. Das hilft bei der Überwachung des Tierbestandes, vor allem bei seltenen Arten: Wildtiere ausser Vögel können bei Webfauna.ch eingetragen werden. Vögel in der Plattform der Vogelwarte Sempach Ornitho.ch. Sichtungen von den Raubtieren Luchs, Bär, Wolf, Wildkatzen, Fuchse und Marder können der Koordinationsstelle kora.ch per Meldeformular mitgeteilt werden. Speziell für die Stadtbevölkerung gibt es stadtwildtiere.ch. (kus)

Manche Vögel sehe ich nur vorbeifliegen, was die Artenbestimmung nicht erleichtert. Trotzdem sehr gut sichtbar ist die weisse Markierung im Gefieder einer Elster, sie erkenne ich, obwohl sie in einiger Entfernung in einen Kampf mit einer Rabenkrähe verstrickt ist.

Ein Haussperling verschwindet immer wieder unter dem Dach und taucht wieder auf – vermutlich ein guter, trockener Nistplatz. Sehr gut erkennbar am gelben Schnabel ist ein Amselmännchen, das kurz direkt vor mir im Gebüsch verweilt und dann weiterfliegt.

Eine Elster zieht ihre Kreise über den Dächern der Stadt.

Eine Elster zieht ihre Kreise über den Dächern der Stadt.

Bild: Wanja Staubli

Für die Kartierung und Hochrechnungen der Vogelbestände in der Schweiz können die gesammelten Daten nicht verwendet werden. Für diese wissenschaftliche Arbeit werden mithilfe von BirdLife und seinen kantonalen Verbänden ehrenamtliche Feldornithologinnen und Feldornithologen ausgebildet, deren Daten dann im Brutvogelatlas der Vogelwarte Sempach veröffentlicht werden.

Die Schweiz hat noch Aufholbedarf in Sachen Vogelschutz

Die Vogelwarte revidiert auch alle zehn Jahre die Rote Liste der Brutvögel, in der gefährdete Arten aufgeführt werden. Aufgrund der neusten Liste vom letzten Jahr kritisiert die Vogelwarte die anhaltend schlechte Leistung der Schweiz beim Vogelschutz.

Die Hauptgründe dafür seien die Intensivierung der Landwirtschaft und der schlechte Zustand von Feuchtbiotopen. Auffällig ist zum Beispiel die Wachtel. Während sie zuvor noch nicht als gefährdet galt, wird sie nun als «Verletzlich» eingestuft. Die neue Liste zeigt aber auch positives: Arten wie Dohle, Weissstorch und Kiebitz konnten sich dank Fördermassnahmen erholen.

Die Stunde der Gartenvögel hat aber sowieso noch einen anderen Zweck, vermutlich der wichtigere: Sie soll die Aufmerksamkeit der Bevölkerung auf die Vielfalt an Tieren in besiedelten Gegenden erhöhen. Mit Erfolg: Besonders während der Pandemie hat die Stunde der Gartenvögel grossen Zuwachs verzeichnet – im Rekordjahr waren es rund 7000 Teilnehmende.

Dieser Rekord konnte nicht gehalten werden. Dennoch bleibt das Interesse gross – vor Corona hatten nur einige Hundert mitgemacht. Die Hoffnung ist, dass Gartenbesitzerinnen und -besitzer dann ihre Grünzelle so gestalten, dass die Artenvielfalt erhöht wird. Tipps dazugibt es auf der Homepage von BirdLife Schweiz.

Nach einer Stunde haben sich bei mir trotz Nieselregen neun Arten blicken lassen, darunter auch die drei generell am häufigsten gemeldeten Amsel, Haussperling und Rabenkrähe. Auch ein rarer Gast war darunter: die Mehlschwalbe. Nach Häufigkeit sortiert ist sie bei BirdLife auf Platz zwanzig.

Mit frisch erworbenem Wissen und einem neuen Blick für meine gefiederten Nachbarn verlasse ich meinen Posten. Ruhiger als zuvor. Eine Stunde in der Natur hat gutgetan, selbst wenn es nur auf dem Balkon war.

Aktuelle Nachrichten