Wegen Spionage-Verdacht wäre ein TikTok-Verbot auch in Europa denkbar

Die App ist laut Experten in erster Linie ein gefährliches Spionage-Werkzeug.

Samuel Schumacher
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Rund 200 Millionen Nutzer hatte TikTok bis vor kurzem in Indien. Jetzt ist die App im Land verboten.

Rund 200 Millionen Nutzer hatte TikTok bis vor kurzem in Indien. Jetzt ist die App im Land verboten.

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«Spionage!» So begründeten die US-Behörden die Zwangsschliessung des chinesischen Konsulats in der texanischen Metropole Houston diese Woche. Der Streit zwischen den Grossmächten droht zu eskalieren. Doch die wahren chinesischen Spione hocken nicht in Houston: Sie lauern in den Hosentaschen von Millionen US-Bürgern.

Das zumindest behauptet Donald Trump. Auf Facebook bezichtigt der US-Präsident die chinesische Firma ByteDance, Betreiberin von TikTok, die weltweit rund 800 Millionen Nutzer der Video-App auszuspionieren. Das US-Repräsentantenhaus hat beschlossen, dass Staatsangestellte die App von ihren Arbeitsgeräten löschen müssen. Und Aussenminister Mike Pompeo lässt derzeit prüfen, ob die App in den USA definitiv gesperrt werden soll.

TikTok ist die erste chinesische Social-Media-App, die sich auch ausserhalb Chinas erfolgreich etablieren konnte. Sie ist in 155 Ländern und in 75 verschiedenen Sprachen verfügbar. Mit gut 200 Millionen Usern war Indien bis vor wenigen Tagen der mit Abstand grösste ausländische TikTok-Markt.

Doch nachdem der Grenzkonflikt zwischen den beiden asiatischen Riesenländern im Juni aus dem Ruder lief und bei einer Auseinandersetzung im Himalaja mindestens 20 indische Soldaten ums Leben kamen, liess die indische Regierung TikTok als Vergeltungsmassnahme landesweit sperren.

Genau wie die US-Regierung hatte auch Indiens Führung die Chinesen im Verdacht, via TikTok Spionage zu betreiben. Aus demselben Grund sorgt TikTok jetzt auch in Europa für Aufregung. Der Europäische Datenschutzausschuss, der die EU-Datenschutzrichtlinien koordiniert, richtete eine Arbeitsgruppe ein, die sich mit den Risiken der App auseinandersetzt.

Diese Reaktionen sind laut Experten durchaus angebracht. Denn: Seit 2017 gilt in China ein Gesetz, das Firmen dazu verpflichtet, ihre Daten auf Anfrage den chinesischen Behörden auszuhändigen. Das Gesetz gilt auch für TikTok, obwohl die Firma bestreitet, je Nutzerdaten an Pekings Sicherheitsapparat übergeben zu haben.

Wie genau TikTok auf sensible Nutzerdaten zugreift, zeigt die Warnfunktion des neuen Apple-Betriebssystems iOs14. Auf Online-Videos ist zu sehen, wie das System alle paar Sekunden heimliche Zugriffe von TikTok auf das iPhone-Clipboard verzeichnet.

Auf dem Clipboard, einer Art unsichtbaren Zwischenablage, werden unter anderem Passwörter gespeichert. Man kann sich ausmalen, was passieren würde, wenn chinesische Geheimdienste via TikTok an die Zugangsdaten zu persönlichen Accounts von US-Politikern oder Schweizer Amtsträgern kämen.

TikTok lieben und China hassen: Beides geht gleichzeitig

Die wahrscheinlicher werdende Sperrung der App in den USA und in Europa ist allerdings nicht unproblematisch. Das zeigt das Beispiel Indien, wo der TikTok-Bann in weiten Teilen der Bevölkerung bestürzte Reaktionen ausgelöst hatte.

Der 33-jährige Deepal Ghubade aus der Provinzstadt Beer, einer der vielen TikTok-Stars Indiens, sagte der «Los Angeles Times» nach dem TikTok-Aus: «Die Plattform gab uns zum ersten Mal überhaupt das Gefühl, dazuzugehören.» Damit sei es jetzt vorbei. Sein letztes TikTok-Video überschrieb Ghubade mit den Worten: «Miss you TikTok, Hate you China».

Dass ähnliche Entrüstungsstürme bei den Millionen westlicher Nutzer ausbleiben, darum bemühen sich jetzt die US-Investorengruppen General Atlantic und Sequoia. Sie möchten TikTok aufkaufen und den chinesischen Kontrollmechanismen entreissen. Das dürfte teuer werden.

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