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Toni Steiner zuhause an seinem Küchentisch. (Bild: Benjamin Manser)

Toni Steiner zuhause an seinem Küchentisch. (Bild: Benjamin Manser)

Toni, 89, allein: «Für mich ist es Zeit, zu gehen»

Er wohnt seit 57 Jahren am gleichen Ort im Westen von St.Gallen. 60 Jahre seines Lebens hat er zusammen mit seiner Frau Hildegard verbracht. Jetzt ist sie weg, und mit ihr auch der Grund für Toni, hier zu sein. Aus dem Leben eines Mannes, der zum Sterben zu gesund und zum Leben zu einsam ist.
Martin Oswald

Im weissen Unterhemd, kurzen schwarzen Bundfaltenhosen und ebenso schwarzen Kniesocken tapst er über den holprigen Mischrasen vor seiner Neubauwohnung. In seiner rechten Hand ein ausgeklapptes Schweizer Sackmesser, bereit zum Angriff. Er sucht, dann plötzlich bückt er sich und sticht zu. Das Messer bohrt sich in die Erde, zieht einen Kreis, mit der anderen Hand packt er den Breitwegerich am Schopf und schon ist ein weiteres Exemplar ungeliebten Unkrauts fachgerecht entfernt.

«Früher auf dem Bauernhof hatten wir ganze Felder zu bestellen - ich kenne mich aus», sagt Toni und ein zufriedenes Lachen ziert sein Gesicht. Er ist stets heiter, wenn er von früher erzählt. Geschichten gibt es viele nach fast 90 Lebensjahren. «Aber ich bin nicht mehr gut da oben», sagt er und tippt sich mit der Hand an den Kopf. Toni vergisst zwar ständig die Namen seiner Nachbarn, aber wenn er von damals erzählt, dann ist noch alles präsent und klar. Die Daten wichtiger Lebensmomente scheinen in seinem Gedächtnis eingebrannt.

Abends vor dem Fernseher. (Bild: Benjamin Manser)

Abends vor dem Fernseher. (Bild: Benjamin Manser)

Warum aus Toni kein Bauer sondern ein Bähnler wurde

Am 4. Februar 1929 kam Johann Anton Steiner in Aawangen im Kanton Thurgau als erster von zwei Söhnen eines Bauern und einer Bäuerin zur Welt. Schon als Kind war er für alle «de Toni». Als er grösser wurde, bekam sein Vater zunehmend gesundheitliche Probleme, weshalb ihm die Ärzte ein Leben in höherer Lage empfahlen. So pachtete die Familie Steiner im Rickenhueb bei Waldkirch (SG) einen neuen Bauernhof. Die Zukunft für den heranwachsenden Toni war vorbestimmt - er würde später den elterlichen Bauernbetrieb weiterführen. 17-jährig begann er darum mit der Landwirtschaftsschule. Doch dann kam alles anders. «Obwohl wir ein Vorkaufsrecht hatten, wurde der Hof hinter unserem Rücken verkauft», erzählt Toni. Die Steiners gaben Haus und Hof, Schweine und Kühe auf und Toni ging statt in den Stall nach Zürich zur Bahn.

«Ich wurde Güterarbeiter bei der SBB. Das Unterste, was es gibt.»

Es war der 7. April 1952 - Toni erinnert sich ohne Zögern an das Datum: «Ich musste mich am Bahnhof melden. Sie sagten, ‹das ist ihr Chef› und dann begann ich auch schon, Wagen zu beladen und zu entladen.» Sein Lohn betrug 350 Franken im Monat. 18 Jahre lang würde er diese Arbeit machen. Erst in Zürich, dann in Gossau, in Winkeln und schliesslich am Güterbahnhof St.Gallen. Dort folgte 1970 die Beförderung zum Wagenkontrollbeamten. Diese Funktion übte er 23 Jahre lang aus, bis zu seiner Pensionierung 1993.

Toni Steiner stand 41 Jahre lang auf den Geleisen im Güterbahnhof und war besorgt, dass die Waren auf den richtigen Wagen landeten, die Wagen auf den richtigen Geleisen standen und die Lokführer wussten, wie schnell sie mit ihrer Fracht fahren durften. «Ich habe einfach immer geschuftet.» Seine kräftigen und furchigen Hände liegen ruhig auf den Oberschenkeln. Sein Blick durch die eckigen Brillengläser verrät, dass ein Arbeiter wie er sich zu dieser Zeit keine Gedanken über Reisen, Weiterbildung und Selbstverwirklichung machte.

Dieser Fuchs lief Toni Steiner auf dem Weg zur Schwägalp vor das Auto. (Bild: Benjamin Manser)

Dieser Fuchs lief Toni Steiner auf dem Weg zur Schwägalp vor das Auto. (Bild: Benjamin Manser)

«Willst du zu mir kommen?»

Zuhause waren seine Frau, drei Söhne und zwei Töchter auf ein regelmässiges Einkommen angewiesen. Weil aber der Lohn kaum reichte, kümmerte sich Toni am Abend als Hauswart um 58 Wohnungen. «Da musste meine Frau Hildegard auch mithelfen. Schliesslich mussten wir jede Woche acht Treppenhäuser reinigen und den Rasen um das Haus mähen.»

Seine Hildegard hatte er durch einen Freund im Schützenverein kennengelernt. Dem Schützenverein, bei dem er 55 Jahre lang im Vorstand mitwirken sollte. Zu Beginn sahen sich Toni und Hildegard nur hin und wieder am Wochenende. Dann fragte er sie: «Willst du zu mir kommen?» Hildegard sagte Ja. Sie suchten sich eine gemeinsame Wohnung, heirateten, ein Jahr später kam der erste Sohn zur Welt.

Für 17 Franken zum Nichtraucher geworden

Toni war zu dieser Zeit starker Raucher. «Bis zu drei Päckli am Tag.» Als die junge Familie 1961 in eine neue Bleibe umzog, macht Hildegard ihrem Mann klar: «In dieser schönen Wohnung wird nicht geraucht.» Zum Glück habe er diese Zeitungswerbung entdeckt, erzählt er. Diese versprach, mit einer Tablettenkur jeden Raucher von jetzt auf gleich zum Nichtraucher zu machen. Toni bestellte die Tabletten für 17 Franken und schluckte während drei Tagen stündlich eine. «Ich habe seither nie wieder geraucht.»

Toni Steiner schaut in seiner Wohnung die Tagesschau. (Bild: Benjamin Manser)

Toni Steiner schaut in seiner Wohnung die Tagesschau. (Bild: Benjamin Manser)

Es seien strenge, aber gute Jahre gewesen. Toni stand mitten in der Nacht auf, um 4 Uhr begann seine Frühschicht auf dem Güterbahnhof. Dank der Arbeit bei der Bahn konnten er und seine Frau stets günstig reisen. «Einmal stiegen wir frühmorgens in den Zug nach Trient, auf dem Rückweg haben wir in Lugano gegessen, dann sind wir wieder nach Hause gefahren.» Aus Europa hinaus ist Toni nie gekommen. Ferien mit der Familie lagen nicht drin. Stattdessen ging es im Winter regelmässig für einen Tag auf die Skipiste.

«Mit dem General-Abonnement bezahlten wir in Davos für eine Fahrt auf die Parsenn 1.50 Franken.»

Am 19. Juli 2015 starb seine Hildegard. «Zuerst war es Brustkrebs, dann hat er sich überall ausgebreitet.» Seither ist das Leben von Toni nicht mehr dasselbe. Seine Wohnung musste er verlassen, das Haus, in dem er Hauswart war, wurde saniert. Auf der anderen Strassenseite entstand ein neuer Block. Dort hat er sich eine kleine Wohnung direkt am Weiher gemietet. «Früher konnten wir hier mit den Kindern baden, heute ist das Naturschutzgebiet und alles abgesperrt.» Am Nachmittag steht Toni oft am Zaun und schaut aufs Wasser hinab. In diesem Quartier wohnt er nun schon sein halbes Leben. Ob er irgendetwas bereue? «Nein, ich glaube, ich habe es recht gemacht.»

15 Stunden am Tag arbeiten, das sei für ihn normal gewesen. So etwas wie Langeweile habe er nie gekannt. «Und jetzt? Jetzt mach ich gar nichts mehr.» Toni langweilt sich. Ohne seine Frau, ohne eine Aufgabe. Sonntags kommen seine Kinder zu Besuch. Sein ältester Sohn ist bereits pensioniert. Unter der Woche fährt er zum Mittagessen mit dem Bus in die Stadt. Im Altersheim treffen sich einige Pensionäre und essen zusammen. So komme er wenigstens jeden Tag einmal raus und unter Leute.

«Ich dachte, ich würde vor ihr sterben»

Toni hätte Ideen. «Wir könnten hier im Garten Gemüse fürs ganze Haus anbauen. Oder ich könnte wieder Hauswart sein.» Das eine will die Hausverwaltung nicht, das andere braucht sie nicht. Und für Vieles hat er auch keine Energie mehr. Am liebsten sitzt Toni vor dem Fernseher und schaut sich ein Tennis-Match von Roger Federer an. Ab und an vertippt er sich dann auf der Fernbedienung und das Bild ist weg. Dann gehe er jeweils hinüber zu den jungen Nachbarn. Die hätten diese Technik im Griff. Während der Sommerferien giesst er ihre Pflanzen und bekommt dafür Salami und Wein aus dem Süden. «Das ist nicht gut für den Blutdruck, aber ich habe es halt gern.» Kerngesund sei er, habe kaum Beschwerden. Bloss der Kopf lasse langsam nach.

Am Abend sitzt Toni allein an seinem Tisch. Eine Packung Schnittkäse und Salami liegen vor ihm, dazu ein paar Scheiben Brot. Früher habe seine Frau gekocht.

«Es ist langweilig ohne sie. Sie fehlt mir. Ich dachte immer, als Mann würde ich vor meiner Frau sterben. Ich glaube es ist Zeit für mich, zu gehen. Zu ihr.»

Am 4. Februar 2019 wird Toni 90 Jahre alt. (Foto: Benjamin Manser)

Am 4. Februar 2019 wird Toni 90 Jahre alt. (Foto: Benjamin Manser)

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