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Warum Pilzsammeln das perfekte Städter-Hobby ist

Immer mehr Menschen werden im Herbst vom Drang erfasst, den Wald nach schwer auffindbaren und schlecht geniessbaren Pilzen zu durchstöbern. Das hat Nebenwirkungen.
Katja Fischer De Santi
Pilzsammeln ist eine ideale Tätigkeit für ergebnisorientierte Menschen. Spazieren kann ja jeder. (Bild: Getty)

Pilzsammeln ist eine ideale Tätigkeit für ergebnisorientierte Menschen. Spazieren kann ja jeder. (Bild: Getty)

Nichts kann sie aufhalten. Auf der Suche nach dem nächsten Kick durchwandern sie Steilwände und machen sich im Unterholz dreckig. Wer in diesen goldenen Herbsttagen durch den Wald spaziert, wird sie alsbald entdecken: rotwangige Menschen mit glänzenden Augen und schweren Körben in der Armbeuge: Pilzler.

«Wirklich aussergewöhnliche Pilzschwemme»

Das kindliche Glück vom Suchen und Finden im Wald ist ­dieses Jahr besonders erfolgversprechend. Die schweizerische Vereinigung amtlicher Pilzkon­trollorgane (Vapko) schreibt von einer «wirklich aussergewöhnlichen Pilzschwemme, besonders Steinpilze und auch Flockenstielige Hexenröhrlinge kann man in Massen finden.»

Nun stehen sie mit einem Pilz in der einen und dem Smartphone in der anderen Hand im Wald.

Das schnelle Glück zieht immer mehr modische Gestalten aus der Stadt an. Junge Menschen mit grossen Brillen, Vollbart und zum Dutt gebundenem Haar. Menschen, die sonst eher in Cafés sitzen als auf dem Boden im Laub. Bei der Vapko heisst es denn auch, dass man seit einigen Jahren beobachte, dass das Pilzsammeln vermehrt auch jüngere Menschen und Familien anspreche. In die Pilze zu gehen sei kein «Altherrenhobby» mehr.

Pilze machen optisch mehr her als kulinarisch

Pilze sind das perfekte Hipster-Accessoire: Sie stehen draussen im Wald, wo das Licht mild ist und die Farben umso schöner leuchten. Pilze lassen sich wunderbar fotografieren, sogar ohne Filter. Man macht sich dabei ein bisschen dreckig, aber nicht zu sehr. Pilzsammeln zeugt von Naturverbundenheit, ist aber nicht so brutal wie Fischen oder Jagen. Und auch für Veganer geeignet, obwohl Pilze enger mit Tieren als mit Pflanzen verwandt sind.

Zudem ist die Pilzsuche eine Art Wissenschaft, ein Hype, in den man sich hineinsteigern kann wie ins Kaffeekochen oder Bierbrauen. Nur – ist der Pilz dann mal gefunden, gehen die Probleme erst richtig los.

Schleimmiges Kochverhalten mit Nebenwirkungen

Die fettfreien eukaryotischen Lebewesen schmecken nicht nach viel und stehen wegen ihres eher schleimigen Kochverhaltens nicht gerade auf der kulinarischen Topliste der meisten. Nicht zu vernachlässigen ist, dass der Verzehr Nebenwirkungen von Magenverstimmung bis zu heftigen Krämpfen, Lähmungen und den sofortigen Tod mit sich bringen kann. Wer zum ersten Mal in einem Pilzbestimmungsbuch blättert, ist danach verwirrter als zuvor.

Manche Arten sind bloss regional giftig, andere erst bei mehrmaligem Konsum, dritte wiederum nur in Kombination mit Alkohol.

Es gibt Pilze, die roh tödlich giftig sind, gekocht aber eine gute Mahlzeit ergeben. Selbst Eierschwämme können Bauchweh machen, weil sie das unverdauliche Chitin enthalten.

Wüstlinge, die wahllos Pilze aus dem Boden reissen

Denn, ein Pilz finden kann jeder, einen Pilz bestimmen, die wenigsten. Pilzkontrolleure beschweren sich, dass ihnen von Anfängern ganze Körbe vorgesetzt werden mit der Bitte die ­wenigen geniessbaren Pilzen doch auszusortieren. Erfahrene Sammler beschweren sich in Internetforen über «die Wüstlinge, die wahllos Pilze aus dem Boden reissen oder auf der Jagd nach Steinpilzen alles anderen platttreten. Wer so mit unserer Natur umgeht und von Pilzen keine Ahnung hat, sollte einen Kurs besuchen oder besser zu Hause bleiben!», schreibt einer auf «Pilz-Ticker-Schweiz».

Das gefährliche Pilz-Risotto

Tatsächlich sind Pilzkunde-Kurse, durchgeführt von regionalen Vereinen, gut besucht und meist auf Monate ausgebucht. Wer keine Lust auf Theorie im Kurslokal hat, dem seien die Pilztouren auf www.my switzerland.ch empfohlen. Für 15 Franken gibt es eine Pilz-Exkursion in Wildhaus mit einer erfahrenen Pilzfrau. Und für 100 Franken werden einem in Scuol, die unter Anleitung gesammelten Pilze auf offenem Feuer zubereitet. Für Anfänger die sicherere Variante, als mit einem Pilz-Risotto aus selbst gesammelten (und nicht kontrollierten) Pilzen die ganze Familie zu gefährden.

Pilze sammeln ist wie jagen, aber ohne Blut

Am kulinarischen Erlebnis kann es also nicht liegen, dass das Pilzsammeln so im Trend ist. Plausibler ist, dass es eine Art Ersatzjagd ist. Pilze werden nicht gesammelt, sie werden erspäht, aufgestöbert, erbeutet – mit einem Wort: gejagt. Es gilt eine Spur aufzunehmen, sich zu konzentrieren, alle Sinne auf Empfang zu stellen. Aus einem langweiligen Waldspaziergang wird so eine Treibjagd, die erst endet, wenn die Körbe längst voll sind, und die Orientierung weg.

Pilzsammeln ist eine ideale Tätigkeit für ergebnisorientierte Menschen. Einfach im Wald zu spazieren oder im Engadin zu wandern genügt ihnen nicht. Da muss ein mess- und sichtbares Resultat her. Ein Beweis, dass sie da draussen waren und sich dem Pilz gestellt haben.

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