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Turin: Die verschmähte Schönheit

Venedig, Florenz oder Rom sind für Italienreisende ein Muss, Turin wird meist links liegen gelassen. Ein Fehler.
Silvia Schaub
Die Mole Antonelliana ragt über die Dächer Turins und ist das Wahrzeichen der Stadt. Bild: Getty Images

Die Mole Antonelliana ragt über die Dächer Turins und ist das Wahrzeichen der Stadt. Bild: Getty Images

Turin als Mittelpunkt der Welt? «Doch, doch», meint Elisa ganz unbescheiden. «Schliesslich liegt die Stadt genau zwischen dem Nord- und dem Südpol», sagt die Stadtführerin. So hatten wir die Stadt am Po noch nie betrachtet. Es scheint fast, als müsse Elisa das Image ihrer Heimatstadt aufbessern. Ungefragt zählt sie auf, wofür die Stadt sonst noch steht: für Grissini, Lavazza, Wermut, die Nougatpralinen Gianduiotti, das Dessert Zabaione oder Eataly, das Einkaufshaus mit vorwiegend Slow-Food-Produkten.

Eigentlich kommt die halbe italienische Küche aus dieser Ecke des Landes. Kein Wunder, ist das Thema Essen omnipräsent. Fiat und Fussball erwähnt Elisa nicht. «Das weiss ohnehin jeder», meint sie lachend.

In der Tat hat Turin weit mehr zu bieten als die berühmten zwei «F». Und trotzdem lassen viele Italienreisende die viertgrösste Stadt des Landes links liegen. Dabei war sie einst die Heimat der Savoyen-Dynastie, stellte von 1861 bis 1946 die Könige Italiens und war von 1861 bis 1865 sogar die Hauptstadt des Landes. Turin gilt dazu als die Wiege des Kinos, der Mode und natürlich des Automobils.

Im grössten offenen Gemüsemarkt Europas

Die reiche Vergangenheit sieht und spürt man: 14 von der Unesco gelistete Schlösser und Paläste zieren die Stadt und die Umgebung, etwa der Palazzo Reale, sozusagen das Herz Turins.

Beeindruckende Architektur im Palazzo Carignano. Bild: Silvia Schaub

Beeindruckende Architektur im Palazzo Carignano. Bild: Silvia Schaub

Auf der nahen Piazza Castello lässt es sich genüsslich flanieren – bis zu den Einkaufsstrassen Via Roma und Via Lagrange mit ihren kilometerlangen, hohen Arkaden.

Vom nahe gelegenen Nachbarland Frankreich schauten sich die Savoyer wohl die Boulevards ab. Immer wieder macht uns Elisa auf die perfekten Symmetrien aufmerksam. Die schachbrettartig angelegten Strassen machen es einfach, sich in der Stadt zu orientieren. Erst in den engen Gassen des Quadrilatero Romano wird es unübersichtlich. Das heutige In-Viertel hat man noch vor ein paar Jahren bei Anbruch der Dunkelheit gemieden. Heute tummeln sich hier Nachtschwärmer in schicken Bars und Restaurants.

Nur ein paar Schritte entfernt eröffnet sich eine ganz andere Welt: der grösste offene Obst- und Gemüsemarkt Europas. Was für ein Erlebnis, sich mitten in dieses pulsierende Geschehen zu werfen! Intensiv leuchten Früchte und Gemüse und werden von Händlern lautstark angepreist.

Tomaten so weit das Auge reicht. Bild: Silvia Schaub

Tomaten so weit das Auge reicht. Bild: Silvia Schaub

Wer sich einen Überblick über die Stadt verschaffen will, sollte sich in der Mole Antonelliana mit dem freischwebenden Aufzug auf 85 Meter Höhe bringen lassen. Die Mole ist das Wahrzeichen der Stadt. Von der Kuppelspitze aus sieht man bis zu den Alpen im Norden. Eigentlich hätte das Gebäude eine Synagoge werden sollen, doch der jüdischen Gemeinde ging das Geld aus. Im Jahr 1877 übernahm die Stadt das mit 167,5 Metern damals höchste begehbare Gebäude der Welt. Heute ist das nationale Kinomuseum darin untergebracht.

Von oben entdeckt man noch einen weiteren Pluspunkt der Stadt: Sie ist ausserordentlich grün. 60 000 Bäume soll sie haben und über 200 Fussgängerzonen. Kein Wunder, lassen sich die Turiner von dieser Aura beeinflussen und wirken entschleunigt. Da ist keine Hektik zu verspüren, keine nervöse Huperei auf den Strassen.

Pompöse Kaffeehäuser und zelebrierter Aperitivo

Die beste Art, die Seele der Stadt zu ergründen, bietet sich entweder am Morgen oder am frühen Abend. Morgens treffen sich die Einheimischen bei einem «caffè» in den Kaffeehäusern, die mit ihrem historischen Interieur denjenigen von Wien oder Paris glatt den Rang ablaufen. Manche sehen aus wie ein Museum, etwa das Caffè Mulassano mit dem Holztäfer und der Lederdecke oder das Caffè Reale mit deckenhohen Vitrinen voller Porzellan- und Silbergeschirr. Es lockt eine riesige Auswahl an Patisserien. Dazu sollte man sich unbedingt einen Bicerin, eine Mischung aus Espresso, Kakao und geschäumter Milch, genehmigen.

Solche Leckereien geniesst man in der Farmacia del Cambio. Bild Silvia Schaub

Solche Leckereien geniesst man in der Farmacia del Cambio. Bild Silvia Schaub

Die Aperitivo-Zeit ist den Turinern heilig – und wird zelebriert. Der Aperitif gehört hier genauso zum sozialen Leben wie der Nebel zum Winter. Wir sitzen in der Bar Norman an der Via Pietro Micca und bestellen ein Plättchen. Was uns Angelo auf Riesen-Tabletts auf den Tisch zaubert, würde für eine Kompanie reichen: Fischgerichte, Salate, Antipasti-Gemüse, Salami, Frischkäse-Brötchen, Rohschinken, grillierter Chicorée. Wie pflegen die Turiner laut Elisa zu sagen? «Der Aperitif ist wie eine Einleitung – ist er gut gemacht, braucht man danach nichts anderes mehr.»

Gut zu wissen

Anreise
Die schnellste Bahnverbindung ab Zürich via Mailand nach Turin dauert rund fünf Stunden.
Übernachten
B & B Portmanteau, Via Brindisi 10, günstig und schön; B & B Via Stampatori, Via Stampatori 4, ruhig und persönlich; Art Hotel Boston, Via Massena 70, gehobenes Design-Hotel; Turin Palace, Via Paolo Sacchi 8, gehobener Hotelkomfort. NH Lingotto Tech, Via Nizza 230, mit Joggingstrecke auf dem Dach.
Essen & Trinken
Kaffeehäuser: Caffè Mulassano, Piazza Castello 15; Baratti & Milano, Piazza Castello 27. Apéro: Bar Norman, Via Pietro Micca 22. Museen Museo Nazionale del- l’Automobile, Corso Unità d’Italia 40; Museo Nazionale Del Cinema, Via Montebello 20.
Weitere Infos
Führungen in Deutsch zum Beispiel bei Elisa (elisa@soniabruna.com) oder über www.turinguide.eu.

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