Die Rappenspalter-App: Twint bedroht Freundschaften und holt aus Schweizern das Schlechteste heraus – Eine Abrechnung
Analyse

Die Rappenspalter-App: Twint bedroht Freundschaften und holt aus Schweizern das Schlechteste heraus – Eine Abrechnung

Bild: Shutterstock / Bildmontage: CH Media

Viele Schweizer starten heute wegen 90 Rappen Twint und überweisen Kleinstbeträge. Die App macht uns zu Geizhälsen.

Janine Gloor
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Es geschah in einem Restaurant. Sara feierte ihren 31. Geburtstag mit ihren Freundinnen. Pizza und Negroni, fröhliches Geschnatter. Kurz nach dem Essen verschwand das Geburtstagskind, um unbemerkt die Rechnung zu bezahlen. «Ihr seid eingeladen», sagt sie, als sie wieder am Tisch war. Was darauf folgte, ist typisch schweizerisch. «Wirklich? Das wäre aber nicht nötig gewesen!»

Das monetäre Ungleichgewicht macht vielen Mühe

Soweit der höfliche Floskelaustausch. Dann zückten zwei Freundinnen ihr Smartphone. «Ich twinte dir das Geld», sagten sie. Gegen diese Art von Einladungssabotage konnte Sara nichts machen. Eine hingestreckte 50er-Note kann man abwehren, bei Twint geht das nicht.

Gemäss Angaben von Twint haben bereits über zwei Millionen User in der Schweiz die Bezahlapp auf dem Smartphone installiert. Die App wird mit dem Bankkonto verknüpft. Um Geld zu versenden, braucht man lediglich die Handynummer des Empfängers. Geld, das einem geschickt wird, kann man nicht ablehnen, nur den gleichen Betrag zurücksenden.

Der Wunsch, das Geburtstagsessen zurückzuzahlen, gründet in der Schweizer Seele. Auch wenn es viele nicht zugeben würden, haben sie Mühe damit, wenn in einer zwischenmenschlichen Beziehung ein monetäres Ungleichgewicht besteht.

Wenn man gewusst hätte, dass Sara einlädt, hätte man doch nicht den zweiten Negroni bestellt. Obwohl sie eingeladen wurden, fanden die Freundinnen wohl, dass sie in Saras Schuld stehen. Eine höchst fragwürdige Entwicklung in einer Freundschaft. Die von der Bezahlapp Twint nicht nur begünstigt, sondern sogar gefördert wird.

Noch nie war es derart einfach, Schulden oder vermeintliche Schulden so schnell auf die letzte Kommastelle genau zurückzuzahlen. Und die Leute tun das. Ein Twint-Manöver, und alle sind quitt. Twint spielt allen Pedanten und Rappenspalterinnen in die Hand, nie mehr müssen sie wegen eines offenen Betrages schlaflose Nächte verbringen.

Die Twint-App breitet sich momentan überall aus: In einigen Städten kann man auch die Parkuhr mit ihr bezahlen.

Die Twint-App breitet sich momentan überall aus: In einigen Städten kann man auch die Parkuhr mit ihr bezahlen.

Bild: Keystone

Ein besonderes Ärgernis ist, dass es auf Twint keine Untergrenze für verschickbare Beträge gibt. So kam es, dass mir zwei Arbeitskolleginnen Kleinstbeträge twinten wollten. Mit ein paar Münzen hatte ich den Erwerb einer Laugenbrezel vom Discounter und einer Packung M&Ms aus dem Automaten möglich gemacht. Die Frage «Hesch Twint?» war unausweichlich. Ich hoffte, dass die Frage rhetorisch war. War sie nicht.

Wegen 90 Rappen für eine Brezel vom Discounter Twint anzuwerfen, ist unverhältnismässig wenn nicht sogar frech. Nur weil man auch Minischulden sofort zurückzahlen kann, heisst das nicht, dass man es auch soll.

Twint bedroht die Ausgangskultur. Wer zahlt, wenn man in einer Gruppe von Bar zu Bar zieht? Im Idealfall ist das von verschiedenen Faktoren abhängig. Wer verdient gerade mehr Geld, wer hat Bargeld im Sack? Wer hat letztes Mal bezahlt? Man wechselt sich ab, ohne genau nachzuzählen. Man vertraut darauf, dass es am Schluss stimmt.

Dank Twint ergibt sich jetzt ein ganz neues Szenario: Das Geld für das geholte Bier ist auf dem Konto gelandet, schon bevor man es vom Tresen an den Tisch zurückgetragen hat. Man könnte also jeden Moment den Abend oder gar die Freundschaft verlassen. Weil man sich ja nichts schuldet.

Bei Freunden soll man nicht kleinlich sein

Dass nicht auf den Rappen genau abgerechnet wird, ist ein Zeichen des Vertrauens. Bei guten Ratschlägen oder Geschichten, die man sich unter Freunden gibt und erzählt, wird schliesslich auch nicht gezählt, wer dran ist oder schon zu viel von sich gegeben hat.

Das gilt auch bei Geld. Alles andere ist kleinlich, und bei Freundinnen und Freunden sollte man nicht kleinlich sein. Da wird sich ein zwischenzeitliches finanzielles Ungleichgewicht von selber ausbalancieren.

Eine ehrliche Freundschaft erträgt das mühelos, weil Geld nicht ihr Fundament ist. Wenn einer das System von finanzieller Nonchalance ausnützt und nie zahlt, muss man den Mut haben, sich zu wehren. Wie man das in Freundschaften halt tut. Aber lasst bitte Twint stecken, holt lieber noch eine Runde.

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