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Serie

60 werden: Enkel und Bankberater umwerben die «Senioren» (Generationen-Serie 4/5)

Sie müssen nicht mehr nach faltenfreier Haut und nächsten Karriereschritten streben, die neuen Sechzigjährigen setzen Prioritäten neu. Davon profitieren sowohl die Jüngsten als auch die Ältesten der Familie.
Rita Kohn Dell’Agnese
Generationentisch: Autorin Rita Kohn Dell’Agnese bäckt mit ihren Enkelkindern Apfelwähe. Mit 56 ist sie bereits neunfache Grossmutter. (Bild: Reto Martin (Sulgen))

Generationentisch: Autorin Rita Kohn Dell’Agnese bäckt mit ihren Enkelkindern Apfelwähe. Mit 56 ist sie bereits neunfache Grossmutter. (Bild: Reto Martin (Sulgen))

Der Duft der «Öpfeltülle», wie die Thurgauer zur Apfelwähe sagen, ist es wohl. Oder wirkt die besondere Atmosphäre der Feiertage nach? In den letzten Stunden sind vor meinem geistigen Auge Sequenzen aufgeblitzt, die mich in eine ganz andere Zeit versetzt haben. In die Sechzigerjahre. Schauplatz ist ein stattliches Bauernhaus auf der Forch, nahe Zürich. An der Wand der Stube, in der sich das Leben abspielt, tickt die Uhr.

Erst kürzlich habe ich in einer Brockenstube eine ähnliche Uhr gefunden, die jetzt in meinem Thurgauer Daheim das Wohlfühlgeräusch von damals wiedergibt. Grossmami hatte Boskop aus dem Keller geholt – vom eigenen Baum. Zusammen belegen wir damit den Teig auf dem grossen Blech. Später wird es in den Holzofen, der den Kachelofen in der Stube nebenan wärmt, geschoben.

Neue Rollen, neue Aufgaben

Das alles ist lange her. Heute backe ich mit meinen Enkelkindern Apfelwähe. Ich sehe mich oft in ihnen. Etwa wenn sie schnell einen Apfelschnitz in den Mund stecken und mich dabei anstrahlen. Oder wenn sie etwas vom Teig naschen, der übrig geblieben ist.

«Mami, wir bekommen ein Baby.» Ich mag mich noch an die Ankündigung meines Sohnes erinnern. Es war ein seltsamer Moment für mich. Eben noch voll in der Mutterrolle gefordert, sollte jetzt also plötzlich noch eine weitere Rolle auf mich zukommen. Ich war irgendwie noch gar nicht bereit. Ich war gerade 44 geworden und freute mich auf eine Zeit mit mehr Spielraum für mich. Meine vier Kinder waren eben flügge geworden – und jetzt würde also eine neue Aufgabe auf mich warten.

Denn eines war mir klar: Oma ist man nicht nur auf dem Papier. Da ist ein kleiner Mensch, für den man da sein will. Es sollten dann fast auf einen Schlag übrigens zwei kleine Menschen werden. Zwei Mädchen. Im Abstand von nur 19 Tagen haben mich einer meiner Söhne und meine Tochter zur Oma gemacht.

Ist das wirklich schon mehr als 12 Jahre her? Wenn ich meine «Grossen» anschaue, staune ich.

Es sind längst keine kleinen Kinder mehr, sondern zwei selbstbewusste Teenager, die mir von ihrer Körpergrösse her bald über den Kopf wachsen werden. Sie sind nicht die Einzigen geblieben. Nach und nach sind weitere Enkelkinder dazugekommen. Heute sind es neun, der Jüngste ein Jahr alt. Vielleicht gesellt sich mit der Zeit noch das eine oder andere Baby dazu.

Oma und voll im Berufsleben

Ich marschiere nun stramm auf die 60 zu, also ein Alter, in dem man nach landläufiger Meinung Grossmutter oder Grossvater wird. Das Alter, in dem ich damals mein Grossmami erlebt habe. Die Bauernfrau, die schon etwas gebückt gegangen und dennoch nicht müde geworden ist, ihren Gemüsegarten zu pflegen, am frühen Morgen das Holz zu spalten, um den Kachelofen einzufeuern, und uns Enkelkindern «Gonfibrötli» zu schmieren.

Ich habe mich in den letzten zwölf Jahren in die Omarolle hineingelebt und langsam begriffen, dass diese Position naturgemäss ein Mindestalter voraussetzt – aber letztlich keineswegs bedeutet, alt zu sein oder sich so zu fühlen. Immerhin stehe ich voll im Berufsleben, das Rentnerdasein ist noch fast ein Jahrzehnt entfernt.

Kein Grund also, sich jetzt schon nach einer Alterswohnung umzusehen und nach und nach die angesammelten Erinnerungsstückchen in Papier einzuschlagen und in eine Zügelbox zu verstauen.

Doch, was ist das? Aus dem Briefkasten habe ich eben einen Werbeprospekt genommen. In warmen Tönen wird mir ein unbeschwertes Seniorenleben geschildert. Ich brauche nur den Bankberater anzurufen und mit ihm meine bevorstehende Pensionierung zu besprechen. Leicht irritiert huscht mein Blick auf die Adresse. Ja, es ist kein Irrtum, das Schreiben ist an mich gerichtet. Jetzt sei der richtige Zeitpunkt, heisst es da. Jetzt muss ich mich langsam entscheiden, wie mein Rentnerleben aussehen soll.

Vielleicht könne ich ja schon mal einen Blick in die neue Seniorenresidenz werfen, die an einem hübschen Ort auf grüner Wiese entstanden ist. Ich erinnere mich dunkel, dass ich vor ein paar Wochen ähnliche Post bekommen habe. Eine Einladung zum Tanznachmittag für Senioren. Da hat mich der Zusatz «für Menschen ab 55» beruhigt, und ich musste kurz schmunzeln über den dehnbaren Begriff «Senioren».

Werbung für Wärmekissen, Sanitärartikel und Busrundfahrten

Aber halt, wenn ich richtig überlege, dann bin ich ja tatsächlich schon seit zwei Jahren eben eine jener Seniorinnen, für die Tanznachmittage und vieles mehr organisiert werden. Mein Grossmami habe ich einst hin und wieder zum Altersturnen begleitet. Ich fand es fürchterlich langweilig, obwohl ich zur Freude der ganzen Gruppe mitturnen konnte. Und jetzt gehöre ich also ziemlich bald zum Kreis der Frauen und Männer, auf die das Angebot eigentlich zugeschnitten ist.

Wenn ich es mir recht überlege, dann werde ich in letzter Zeit auffällig häufig mit Werbung eingedeckt, die mir Wärmekissen, Gelee-Royal-Kapseln für mehr Vitalität oder dezente Sanitärartikel, die mithelfen, meine Bewegungsfreiheit zu erhalten und dabei unsichtbar sind, schmackhaft machen wollen. Auch die Reisevorschläge haben sich von All-inclusive-Ferien in Touristenbunkern an der Amüsiermeile des einen oder anderen Badestrands zu Kreuzfahrten oder Busrundfahrten verschoben.

Je länger ich darüber nachdenke, desto klarer wird: Ich stehe an der Schwelle zu einer neuen Lebensphase.

Soll ich deshalb den Kopf hängen lassen und den verflossenen Jahrzehnten nachtrauern? Dann würde ich mich wohl um eine reichhaltige und erfüllende Zeit betrügen. Wenn ich mir vor Augen führe, dass mein achtzigjähriger Vater einen ausgefüllten Terminkalender hat, Australien und Patagonien bereist oder auf der Skipiste die Bergwelt geniesst, treten all die Angebote für Wärmedecken und Inkontinenzschutz in den Hintergrund.

Beruhigt hake ich mich bei meiner bald achtzigjährigen Schwiegermutter ein und schlendere mit ihr – lachend, schwatzend und feixend – über die Einkaufsstrasse einer hübschen Stadt, amüsiere mich über die irritiert hochgezogenen Augenbrauen einiger junger Frauen und freue mich über das freche Zwinkern des älteren Mannes, der vor seinem Souvenirladen ein paar Dinge zurechtrückt und sich bestimmt auch nicht davon beeindrucken lässt, dass er längst zur Gruppe der Senioren gehört.

Makellose Haut weicht Gelassenheit

Übrigens, es passiert nicht nur mir, dass ich mein Leben nicht in den gängigen, sich über Jahrzehnte hinweg hartnäckig gehaltenen Gesellschaftsbildern einordnen kann. So streckte mein Vater bei einem der vergangenen Weihnachtsfeste die Arme nach meiner Enkelin Josephine aus und sagte: «Komm doch mal zum Grosspapi.» Als ich herzlich lachen musste, sah er mich irritiert an. Ich erklärte ihm daraufhin:

«Papi, das sind doch meine Enkelkinder. Du bist also ihr Ur-Grosspapi.»

Er nahm es mit Humor. Ur-Oma: Eine Rolle, in die ich möglicherweise auch irgendwann hineinwachsen darf. Wer sollte sich also angesichts so vieler schöner Aussichten schrecken lassen, nur weil Werbestrategen rechtzeitig um die Gunst der künftigen Kundschaft buhlen? Etwas Gutes bringt es ausserdem, älter zu werden:

Die makellose, faltenfreie Haut wird genauso unwichtig wie die Planung der weiteren Karriere oder das Streben nach den neuesten Errungenschaften des modernen Lebens.

Es kehrt eine innere Ruhe ein und vielleicht ein Hauch von der Gelassenheit, die ich damals bei meinem Grossmami gespürt habe, wenn ich nach dem Füttern und Eierholen wieder mal das Hühnergatter offen gelassen habe und das weisse Federvieh sich über den Hausgarten verteilte.

Die Selbstbewussten auf der Zielgeraden

Sabine Kuster

Wer fiebert auf seinen 60. Geburtstag hin? Keiner. Dabei gäbe es allen Grund dazu. Natürlich, wenn einer sagt «Senioren», dann muss man sich als 60-Jähriger bald dazurechnen. Und doch ist diese Altersgruppe selbstbewusst wie keine andere: Der Höhepunkt der Selbstbewusstseinskurve in einem Menschenleben liegt zwischen dem 60. und 70. Altersjahr, wie eine Metaanalyse der Universität Bern im Sommer gezeigt hat. Es gibt verschiedene Erklärungen dafür, zusammengefasst lauten sie: Altersmilde. Ab sechzig beginnt man die Dinge generell positiver zu sehen. Das hat mit einem gestiegenen Verlangen nach Harmonie zu tun und wohl auch damit, dass bei den Männern das kämpferisch machende Testosteron sinkt. Ausserdem: Wessen Kräfte langsam schwinden, der will keine Konflikte anzetteln. Andererseits haben Menschen in dem Alter auch schon einiges gesehen, erlebt und überstanden, sodass sie das Negative besser relativieren können. So entsteht eine positive und selbstbewusste Grundhaltung.

Selbstbewusst, aber auf dem Arbeitsmarkt nicht gefragt?

Dazu kommt die immer bessere Gesundheit der 60-Jährigen. Headhunter Helmut Zimmerli-Menzi, selber 60, sagt dazu: «Als ich jung war, war man mit 60 uralt und kleidete sich auch so. Nun, da ich selber so alt bin, fühle ich mich keineswegs uralt und bin es wahrscheinlich auch nicht.» Mit der Gesundheit bleibe auch die Leistungsfähigkeit besser erhalten – zumindest für Bürojobs.

Wie passen da die sich häufenden Schlagzeilen dazu, dass immer mehr 60-Jährige ausgesteuert werden und Sozialhilfe beziehen müssen? Bei den 50- bis 64-Jährigen stieg zwischen 2011 und 2017 die Sozialhilfequote von 2,5 auf 3,2 Prozent. Und während die Zahl der Langzeitarbeitslosen von 2010 bis 2017 gesamthaft gesunken ist, stieg sie bei den über 50-Jährigen mit Hochschulabschluss um mehr als 30 Prozent. Selbstbewusst, aber auf dem Arbeitsmarkt nicht gefragt? Alessandro Tani, stellvertretender Leiter beim Amt für Wirtschaft und Arbeit des Kantons Basel-Stadt, relativiert: «Ältere Personen werden weniger häufig arbeitslos als jüngere, brauchen aber mehr Zeit, um eine neue Stelle zu finden.»

Am meisten Arbeitslose gibt es bei den 25- bis 39-Jährigen sowie bei den 40- bis 54-Jährigen sind es mehr. Tani sagt, es werde zu sehr auf das Alter fokussiert. Wichtiger für die Stellensuche seien Flexibilität, Weiterbildungen und die Bereitschaft, Lohneinbussen hinzunehmen. Bei Letzterem sieht Headhunter Zimmerli-Menzi bei älteren Arbeitnehmern wenig Bereitschaft. Einsicht braucht es auch bei den Arbeitgebern. Er müsse sie manchmal davon überzeugen, dass ein älterer Kandidat von Vorteil sei, weil er der Firma treuer sein werde als ein 30-Jähriger.

Wenn doch jemand um die 60 arbeitslos wird, ist das besonders hart. «Es ist makaber, wenn man mit 61 grad noch das Vermögen aufbrauchen und dann zur Sozialhilfe muss», sagt Tani vom Kanton Basel-Stadt. Können sie diese Klippe umschiffen, sehen sich die 60-Jährigen aber auf der Zielgeraden: Die Pensionierung ist in Reichweite. Alle Arbeit, die danach folgt, ist freiwillig – auch für Grosseltern. Sie hüten ihre Enkel zwar oft, aber aus freien Stücken. Ist eine Kreuzfahrt geplant, müssen die Enkel halt anders betreut werden. Umgekehrt sind die Pensionierten nicht von ihren Kindern abhängig: Sie beziehen ihre wohlverdiente Rente. Am Ende hat die Zufriedenheit eben doch zu einem guten Stück mit finanzieller Unabhängigkeit zu tun.

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