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Trotz Smartphone: Jugendliche lesen auch heute noch – aber anders

Ist die heutige Jugend eine Jugend ohne Buch? Keineswegs. Doch immer mehr Literatur für Junge erzählt den Inhalt hybrid: So wird das Lesen zu einem Surfen zwischen den Medien. Am liebsten tauchen die Jugendlichen in Fantasywelten ab.
Anna Kardos
Die Zeiten des Lesens sind noch lange nicht vorbei – nur müssen es nicht mehr nur Bücher sein. (Bild: Getty)

Die Zeiten des Lesens sind noch lange nicht vorbei – nur müssen es nicht mehr nur Bücher sein. (Bild: Getty)

Im Jahr 1938 beklagte die Welt eine «Jugend ohne Gott» – heute beklagt sie eine Jugend ohne Buch. Die Zeichen fürs Lesen stünden auf Düster. Düsterer als die Druckerschwärze, die es vielleicht ohnehin bald nicht mehr brauche. Denn in Sachen Bücher sei für heutige Jugendliche, wenn überhaupt, der Comicroman und Bestseller «Gregs Tagebuch» noch das höchste der Gefühle, monieren Fachleute. Viele Heranwachsende hingen lieber am Smartphone. Die Folgen? Fatal, befand die Pisa-Studie 2015, gemäss der bereits ein Fünftel aller 15-Jährigen nicht fähig ist, sinnerfassend zu lesen.

«Die unendliche Geschichte» ist vorbei

Ist es wirklich vorbei mit dem Jugendbuch? Eine Umfrage unserer Zeitung kommt zu einem anderen Schluss. «Man wird reingezogen und kann nicht mehr aufhören zu lesen», schwärmt eine Schülerin. Sie ist nicht die einzige: «Ich kann meiner Welt entfliehen und Dinge erleben, die sonst unmöglich wären», oder: «Mir gefällt die Spannung und die Diskussion mit anderen», sind weitere Antworten von Schülern darauf, warum sie lesen. Allerdings tun sie das anders als die Teenager vor zwanzig Jahren. Es war die Zeit der pfundschweren Romane wie «Krabat» oder «Die unendliche Geschichte», die wie Monolithen auf die jungen Leser warteten: Lies mich, oder lass mich. Damals gab es weder Prequels noch Sequels, keine Games, Serien oder Kinofilme mit demselben Plot. Und als Michael Endes «Die unendliche Geschichte» doch noch verfilmt wurde, weigerte sich der Autor, seinen Namen unter den Film zu setzen, weil er dem Buch zu wenig entsprach.

Gamen, «Bravo» lesen und Bücher ausleihen

Heute funktionieren viele Titel für Jugendliche als Serie oder als Medien-Verbund mit Buch, Film und Game. Die Grenzen sind fliessend. Bibliotheken verstehen sich als multimediale Räume – mit der Lizenz zum Verweilen. «Die Jugendlichen kommen zu uns, um zu gamen, ‹Bravo› zu lesen, Aufgaben zu machen und ganz klassisch Bücher auszuleihen», sagt Franziska Kunga, die für eine Zürcher Bibliothek Kinder- und Jugendbücher einkauft.

Yasare, 16: «Bücher suche ich mir so aus, dass ich etwas aus ihnen ziehen kann und sie mich weiterbringen.» (Bilder: Sandra Ardizzone)Yasare, 16: «Bücher suche ich mir so aus, dass ich etwas aus ihnen ziehen kann und sie mich weiterbringen.» (Bilder: Sandra Ardizzone)
Nikita, 15: «Fantasy ist eine ganz andere Welt, irgendwie umfangreicher. Darüber kann man gut diskutieren.»Nikita, 15: «Fantasy ist eine ganz andere Welt, irgendwie umfangreicher. Darüber kann man gut diskutieren.»
Lena, 12: «In meiner Freizeit lese ich gerne und viel: jeden zweiten Tag etwa 30 Minuten.»Lena, 12: «In meiner Freizeit lese ich gerne und viel: jeden zweiten Tag etwa 30 Minuten.»
Lukas, 16: «Ich lege auch mal bewusst das Smartphone weg, um Zeit fürs Lesen zu haben.»Lukas, 16: «Ich lege auch mal bewusst das Smartphone weg, um Zeit fürs Lesen zu haben.»
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So lesen Jugendliche

Vor allem nach dem viel beschworenen «Leseknicks», der zwischen 12 und 14 Jahren eintritt, kann das gleichzeitige Angebot verschiedener Medien lesensrettend wirken. Das ist die Zeit, wenn die Jugendlichen in die Oberstufe wechseln, ihre Freizeit knapper wird, bei gleichzeitig breiter werdender Mediennutzung. Einigen eröffnen sich neue Möglichkeiten. Jugendmedienforscherin Christine Lötscher sagt:

«Ich kenne 15-jährige Mädchen, die genau wissen, wann Ihnen eine Serie, ein Youtube-Clip oder ein Buch guttut.»

Andere wählen bewusst: «Ich achte darauf, das Smartphone auch mal wegzulegen», sagt der 16-jährige Lukas. Wer allerdings zu diesem Zeitpunkt nicht sinnerfassend lesen kann, steigt aus.

In Fantasywelt abtauchen statt leiden
mit Christiane F.

Zeitsparend lesen? Auch das ist möglich, etwa mit Comicromanen. Deshalb findet es Bibliothekarin Franziska Kunga falsch, wenn Eltern «Gregs Tagebuch» mit den Worten kommentieren: «Willst du kein richtiges Buch lesen?» «Greg»-Autor Jeff Kinney gehöre sogar ein Orden verliehen, findet Kerstin Keller-Loibl, die in Leipzig zum Thema Leseförderung forscht. Schliesslich habe er 194 Millionen Jugendlichen (so die Gesamtauflage) Lust am Lesen ermöglicht – auch solchen, die sonst kaum ein Buch in die Hand genommen hätten. Gesetzt sind auch «Harry Potter», «Das Schicksal ist ein mieser Verräter» von John Green; der «Da Vinci Code» und anderes von Dan Brown, «Der kleine Prinz», «Herr der Ringe» und viel, sehr viel Fantasy von «Game of Thrones» (George R.R. Martin) bis «Erebos» (Ursula Poznanski). ­

Sogar Max Frisch kommt vor. Zur Kantonsschulzeit der Journalistin war die Hälfte der Klasse versessen auf ihn. Total existenziell kam man sich nach der Lektüre von «Homo Faber» vor und lief fortan im Rollkragenpulli der Intellektuellen herum und mit dem Gefühl, dass keiner ausser uns und Max – alternativ auch Hermann (Hesse), Anne (Frank) oder Christiane (F.), über die Abgründe des Lebens Bescheid wusste. In den aktuellen Jugendbüchern ist der Anteil an realen Abgründen kleiner. Auch Romane mit Umweltthemen (wie Gudrun Pausewangs «Die Wolke») sind nicht mehr gefragt. Es regiert die Fantasy – und damit Abgründe und Themen von solch fantastischer Tiefe, welche die Generation von Frisch und Co. einmal leer schlucken liesse.

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