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UNGARN: Safari durch die Puszta

In der Puszta ist die uralte Hirtenkultur noch lebendig. Obendrein leben dort Ur-Auerochsen und die weltweit grösste Herde der seltenen Przewalski-Wildpferde.
Monika Hippe
Ein Csikós, so heissen die Pferdehirten, zeigt seine Kunststücke mit der Kreiselpeitsche. Die Tradition geht auf die Zeit der Puszta-Räuber zurück. (Bild: Karte oas)

Ein Csikós, so heissen die Pferdehirten, zeigt seine Kunststücke mit der Kreiselpeitsche. Die Tradition geht auf die Zeit der Puszta-Räuber zurück. (Bild: Karte oas)

Monika Hippe

Der Fahrtwind bläst wie ein heisser Föhn über die Haut, während der Jeep durch die Steppe rumpelt. Die Puszta ist erbarmungslos. Kein Baum, kein Busch in Sicht. Dafür stehen am Himmel unschuldige Schäfchenwolken wie Wattebäusche. Je länger man auf den Horizont schaut, desto mehr verschwimmt er. Irgendwann meint man, dort Bäume ohne Stämme in der Luft schweben zu sehen. Das Phänomen der Fata Morgana ist sogar in manchen Karten eingezeichnet.

«Dort hinten grasen sie», ruft Biologin Kristin Brabender und zeigt auf eine Reihe schwarzer Flecken im hellen Gras. «Das sind rückgezüchtete Auerochsen». Jeder einzelne mit einem Hals so dick wie fünf Männeroberschenkel und der Kraft eines Fussballteams. Vor einiger Zeit hatte Kristin so ein Exemplar noch in ihrer Garage beherbergt. «Als ‹Tihamér› anfing, von innen gegen die Tür zu donnern und sie nicht mehr hielt, war es Zeit für einen Umzug in die Wildnis», lacht die Deutsche. Sie ist Mutter einer Reihe verwaister Jungtiere: aus dem Nest gefallene Storchenkinder, Steinkäuze und zwei verlassene Rehkitze.

Wie Zebras ohne Streifen

Aber Kristin Brabenders Herz schlägt besonders für die seltenen Przewalski-Pferde, die in unmittelbarer Nachbarschaft der Ur-Stiere grasen. Sie hat ihre Diplomarbeit über die Wildpferde geschrieben und war überglücklich, als man ihr gleich nach dem Studium die Leitung des Wildtierparks Hortobágy und des Wildpferd-Reservats Pentezug anbot. Man könnte die Pferde mit ihrem gedrungenen Körperbau und der Irokesenmähne fast für Zebras halten, nur fehlen die Streifen.

Europas grösste Grasheide

Einst besiedelten sie die gesamte eurasische Steppe. Weil der Mensch die Weideflächen für sein Vieh immer mehr ausdehnte und damit dem scheuen Tier auf den Leib rückte, zog es sich in immer futter- und wasserärmere Gebiete zurück. In den 1950er-Jahren galt die Art praktisch als ausgestorben. Nur durch vereinzelte Züchtungen in Tierparks konnte sie gerettet werden. «Die ersten wieder angesiedelten Pferde stammen aus dem Kölner Zoo», sagt Kristin Brabender. Mit 350 Tieren ist es nun die grösste Herde von Przewalski-Pferden weltweit.

Das Reservat Pentezug umfasst nur einen kleinen Landstrich in der Puszta – Europas grösster natürlicher, zusammenhängender Grasheide. Ein Teil ist durch Ungarns ältesten Nationalpark Hortobágy geschützt. Trotzdem wird hier wie seit Jahrhunderten Tierhaltung betrieben, denn die Hirten haben eine ganz eigene Kultur entwickelt, die bis heute lebendig und ein Weltkulturerbe ist.

Kein Baum – kein Schatten

Das Gestüt Máta züchtet seit 300 Jahren die ungarische Pferderasse Nonius und gehört zur Puszta wie Paprika ins Gulasch. Hier starten im Sommer täglich Safaris in die Hirtenlandschaft. An diesem Nachmittag zuckelt nur eine einzige Kutsche hinaus in die Weite. Dort grasen Zackelschafe mit gedrehten Hörnern und Wollschweine mit Fell. Eine Gruppe Büffel badet in einem Sumpf, die anderen stehen im Schatten des einzigen Baumes weit und breit.

Dem Kutscher brennt die Sonne im Nacken. Er lenkt sein Gefährt vorbei an einem Ziehbrunnen, an reetgedeckten Ställen, deren Dächer bis auf den Boden reichen, direkt vor eine Herde Graurinder. Die Tiere wirken wie aus der Zeit gefallen – mit weissem Fell und Hörnern, die denen der Auerochsen weit überlegen sind.

Pferde «schusssicher» machen

Eine Fata Morgana später galoppieren plötzlich drei Pferdehirten herbei, sie wedeln mit Kreiselpeitschen und zeigen den Besuchern ihre Kunststücke. Was oft als reine Touristenattraktion verstanden wird, ist eine alte Tradition, die auf die Zeit der Puszta-Räuber zurückgeht. Damals hat man die Pferde gelehrt, sich auf Befehl hinzulegen, damit sie von weitem nicht gesehen werden. Dann stellte man sich auf deren Bauch und knallte mit der Peitsche, um die Tiere «schusssicher» zu machen.

Die drei «Csikós» üben für das Pfingstfest. Mit Reitertagen und Hirtentreffen zieht es Tausende Besucher an. Die höchste Dressur ist die «ungarische Post». Dabei galoppiert ein Mann stehend auf einem Fünfer-Gespann. Früher durfte der Sieger ein Jahr lang kostenfrei in den Dorfschenken essen und trinken. Daraus entstand die noch heute übliche Redewendung «Pfingstkönigreich» für etwas, das viel bringt, aber von begrenzter Dauer ist.

Pferdehirt Ernö Ticz fühlt sich gut vorbereitet. «Sanyi scheut zwar vor allem, was er nicht kennt, aber es wird schon klappen», hofft er und klopft dem Hengst auf den Hals. Ernö Ticz trägt die typische Tracht eines Pferdehirten. Neun Meter Stoff stecken in der Pluderhose, drei Meter im Hemd.

Zuoberst in der Hirtenhierarchie

Der Umgang mit Tieren liegt Ernö Ticzs Familie im Blut: Der Vater ist Rinderhirt, der Grossvater war ein Husar. Seine Frau arbeitet in der Pferdezucht im Máta-Gestüt, auch sein Sohn will «etwas mit Pferden machen» – schliesslich steht der «Csikós» in der Hirtenhierarchie an oberster Stelle.

Wenn am Abend die Sonne langsam als glühender Ball hinter den Horizont sinkt und endlich ein kühler Luftzug über die Steppe haucht, hat Tiermutter Kristin Brabender Feierabend. Das heisst, so richtig noch nicht. Erst muss sie noch den elf Monate alten Otter Luttra einfangen, der gerade einem Plastikspielzeug hinterherflitzt. Jeden Abend nimmt sie ihn mit nach Hause.

Dort folgt er ihr wie ein kleines Kind auf Schritt und Tritt. «Er ist bei Hochwasser in den See gefallen und konnte sich gerade noch an einem Ast festhalten, als ihn Fischer mit ihrem Netz gerettet haben», erzählt die Biologin und hebt ihn in den Arm. «Besonders gern spielt er auch mit meinen dreckigen T-Shirts», lacht sie. Dennoch muss er sich langsam an Fischnahrung gewöhnen. Schliesslich muss Brabender ihn – auch wenn es schwerfällt – eines Tages wieder in die Wildnis entlassen.

Gulasch probieren und ins Karstgebirge Bükk

Tier-Safari durch die Puszta Im Nationalpark Hortobágy geht es mit einem Ranger in einem offenen Oldtimerbus (7 Personen) durch die Steppe zu den Herden von Auerochs und Wildpferd. Mindestens halber Tag (ca. 35 Franken), www.hnp.hu. Infos über Kutschfahrten: www.iranydebrecen.hu

Wohnen und SchlafenDas rustikal eingerichtete Thermalhotel Balmaz liegt nah am Nationalpark. Doppelzimmer ab 53 Franken pro Person inkl. Frühstück. Das Vier-Sterne-Hotel Aquatiqum in Debrecen bietet neben grossem Wellnessbereich auch Beauty- und Massage-Anwendungen an. Doppelzimmer ab 90 Franken pro Person inkl. Frühstück.

Essen und TrinkenAm Rande des Nationalparks kann man im Hortobágy Inn, einer historischen Czárda, Gulasch vom Wollschwein probieren. www.hortobagy.eu
In Balmazujvaros vertreibt Bauer Czarda seine Bioprodukte in einem Hofladen. www.viragoskutbio.hu

AusflugstippsTausende Besucher kommen, um das Höhlenbad von Miskolctapolca (eine Autostunde nördlich von Hortobágy) zu erleben. In kurvenreichen Becken schwimmt man durch eine beleuchtete Höhle. Die beste Badezeit ist morgens gleich nach Öffnung.
www.barlangfurdo.hu/en

Das Karstgebirge Bükk ist Ungarns grösstes zusammenhängendes Waldgebiet. Dort gibt es über 1000 Höhlen, von denen einige besucht werden können. Mit einer Schmalspurbahn gelangt man von Budapest in den Luftkurort Lillafüred am Hámorisee, der schon vor Jahrhunderten beliebtes Ferienziel der Adeligen war. www.lillafured.com

LiteraturDer Reiseführer «Ungarn» des Michael Müller Verlags bietet viele Hintergrundinformationen.
www.michael-mueller-verlag.de

Allgemeine Infos:www.ungarn-tourismus.de Die Reise wurde unterstützt vom Ungarischen Tourismusamt.

Zackelschafe mit gedrehten Hörnern weiden in der ungarischen Hirtenlandschaft. (Bild: Karte oas)

Zackelschafe mit gedrehten Hörnern weiden in der ungarischen Hirtenlandschaft. (Bild: Karte oas)

Der Anblick der Graurinder erinnert an längst vergangene Zeiten. (Bild: Karte oas)

Der Anblick der Graurinder erinnert an längst vergangene Zeiten. (Bild: Karte oas)

Przewalski-Pferde galten in den 1950er-Jahren praktisch als ausgestorben. (Bild: Karte oas)

Przewalski-Pferde galten in den 1950er-Jahren praktisch als ausgestorben. (Bild: Karte oas)

Der Horizont verschwimmt bei der Fahrt durch die Weite der Steppe. (Bild: Karte oas)

Der Horizont verschwimmt bei der Fahrt durch die Weite der Steppe. (Bild: Karte oas)

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