Pilgern: Wenn Gott unterwegs sein Zelt aufschlägt

Die Schweiz ist reich an spirituellen Wegen und kraftvollen Orten. Immer mehr Menschen unterschiedlicher Herkunft sind fasziniert davon und machen beim Wandern auf den Pilgerwegen wichtige Selbsterfahrungen.

Benno Bühlmann
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Erika Fleischli und Benjamin Tobler löschen in Einsiedeln ihren Durst mit Wasser von der Meinradsquelle. In der Mitte: SRF-Moderator Norbert Bischofberger. (Bild: Benno Bühlmann, 26. Oktober 2019)

Erika Fleischli und Benjamin Tobler löschen in Einsiedeln ihren Durst mit Wasser von der Meinradsquelle. In der Mitte: SRF-Moderator Norbert Bischofberger. (Bild: Benno Bühlmann, 26. Oktober 2019)

Es ist Samstagmittag – ein strahlend schöner Herbsttag, an dem die Blätter der Laubbäume in den schönsten Farben leuchten. Vor dieser prächtigen Landschaftskulisse ist eine kleine Pilgergruppe auf dem traditionellen Jakobsweg unterwegs. Ausgangspunkt war das Lassalle-Haus Bad Schönbrunn in Edlibach ZG. Nun durchquert die Gruppe das geschützte Hochmoor bei Rothenthurm und steigt langsam aufwärts zum Chatzenstrickpass und von dort hinunter nach Einsiedeln.

Nach einer kurzen Mittagspause werden die Teilnehmenden eingeladen, auf dem letzten Wegstück einige Gedanken des buddhistischen Zen-Meisters Thich Nhat Hanh zur Bedeutung der Achtsamkeit auf sich wirken zu lassen. Norbert Bischofberger, bekannt als Redaktor und Moderator bei Schweizer Radio und Fernsehen, gibt den Wandernden in einem kurzen meditativen Impuls einige Fragen mit auf den Weg: Was ist mir wichtig im Leben? Wie finden wir in unserem Leben zu uns selbst? Welche Rolle spielt dabei die Spiritualität?

Spiritualität gewinnt an Bedeutung

Beim Wandern entwickeln sich unter den Teilnehmenden angeregte Gespräche über «Gott und die Welt», über Fragen nach dem Sinn der menschlichen Existenz. Die Gruppe ist bunt gemischt – Menschen aus allen Regionen der Deutschschweiz, teils katholisch, teils reformiert und einige bezeichnen sich «kirchenfern». Und sie stammen aus vielfältigen Berufsfeldern: Da ist beispielsweise Benjamin Tobler (27), der in Zürich ein Physikstudium absolviert hat und derzeit als Informatiker arbeitet. «Mit der Teilnahme an der Pilger­reise möchte ich bewusst einen Gegenpol setzen zur Hektik des Alltags. Die Welt der Naturwissenschaften nimmt in meinem beruflichen Umfeld zwar viel Raum ein, jedoch gewinnt für mich die spirituelle Dimension in meinem Leben zunehmend an Bedeutung», betont er.

Von einer ähnlichen Erfahrung berichtet Erika Fleischli (69), die als diplomierte Coiffeuse während vieler Jahre eigene Geschäfte in Cham und Sins geleitet hat und sich heute in ihrem «Zweithaar-Studio» in der Beratung von Krebspatientinnen engagiert. In ihrer Arbeit ist sie fast täglich mit schweren Schicksalsschlägen konfrontiert. «Da ist es für mich eine wertvolle Erfahrung, wenn ich an einem Kraftort wie Einsiedeln neue Energie tanken und eine Kerze für meine Patientinnen anzünden kann», meint Erika Fleischli.

Quellwasser mit heilender Wirkung

Nach der Ankunft auf dem Platz des Benediktinerklosters in Einsiedeln begibt sich die Pilgerschar vorerst zum Frauenbrunnen, dessen Bedeutung Norbert Bischofberger mit folgenden Worten beschreibt: «Die Meinradsquelle in Einsiedeln ist nach dem heiligen Meinrad benannt, der im neunten Jahrhundert als christlicher Missionar, Einsiedler und Waldbruder in die Gegend im ‹Finstern Wald› gekommen war. Heute trinken die Pilger das Quellwasser, dem heilende Wirkung zugeschrieben wird.»

Auch Erika Fleischli und Benjamin Tobler löschen nach der sechsstündigen Wanderung am Frauenbrunnen ihren Durst. «Manche Pilger trinken aus allen vierzehn Röhren des Brunnens oder füllen das Wasser in Flaschen ab. Die Anzahl der Röhren erinnert an die vierzehn Nothelfer, eine Gruppe von Heiligen, die bei Gläubigen sehr beliebt ist», erklärt Norbert Bischofberger.

Ein besonderes Highlight der Pilgerreise ist die Begegnung mit Alt-Abt Martin Werlen, der einige Gedanken aus der Spiritualität des heiligen Benedikt vermittelt und im Gespräch auf Fragen der Teilnehmenden eingeht. Eine wesentliche Erfahrung der Pilgerschaft bestehe darin, dass man beim Unterwegssein die Gegenwart Gottes erfahren könne (der Name Jahwe hat die Bedeutung «Ich bin da»). Der tiefere Sinn dieser Aussage werde deutlich, wenn man ein Zitat aus dem Johannes-Evangelium in seiner ursprünglichen Bedeutung lese. Meistens heisst es in der Übersetzung: «Das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt.» Im Urtext heisse es aber wörtlich, dass Gott «sein Zelt» (lateinisch «tabernaculum») unter den Menschen aufgeschlagen habe.

Damit komme zum Ausdruck, dass sich Gott nicht in einer fixen Wohnstatt niedergelassen habe, sondern stets mit den Menschen auf dem Weg sei und sie in guten wie in schlechten Zeiten stets begleite.

Hinweis
Unter dem Titel «Spirituelle Wege der Schweiz» ist soeben ein Buch zur gleichnamigen SRF-Sendung erschienen. Es enthält zehn Wandervorschläge mit fundierten ­Informationen rund um die berühmten Pilgerwege.
Norbert Bischofberger: Spirituelle Wege der Schweiz. Weltbild-Verlag 2019, 144 Seiten, Fr. 34.90.