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Auf dem eisernen Pferd von Las Vegas nach Jackson Hole

Wer an Amerika und Motorräder denkt, kommt irgendwie automatisch auf Harley und Route 66. Zwei Gründe, es genau anders zu machen. Ein Härtetest auf einer heissen Herdplatte namens «Indian».
Roland Schäfli
Nach einem «heissen Ritt» ins Navajo-Reservat geht’s am Monument Valley (oben) vorbei nach Durango (links). Eisenbahnliebhaber zieht’s zur «Narrow Gauge Railroad». Die alte Lok schnauft und pfeift noch immer auf dem Einspurgleis und schleudert Russ in die Luft. Bei der Endstation Jackson Hole gibt’s in der «Million Dollar Cowboy Bar» die dicksten Steaks. (Bilder: Getty, Alamy)

Nach einem «heissen Ritt» ins Navajo-Reservat geht’s am Monument Valley (oben) vorbei nach Durango (links). Eisenbahnliebhaber zieht’s zur «Narrow Gauge Railroad». Die alte Lok schnauft und pfeift noch immer auf dem Einspurgleis und schleudert Russ in die Luft. Bei der Endstation Jackson Hole gibt’s in der «Million Dollar Cowboy Bar» die dicksten Steaks. (Bilder: Getty, Alamy)

Roland Schäfli

Die Töffstrecke am Highway 66 ist ausgereizt, touristisch so überlaufen wie die Strecke Luzern–Jungfrau. Wer nicht in den Fahrspuren anderer versaufen will, sucht sich eine eigene Strecke. Der Westen ist ja weit genug. Vor allem in der Mitte. Utah, Colorado, Wyoming: in diesen menschenleeren Landstrichen beförderten einst die Reiter des «Pony Express» die Post. Die unbesiedelten Gebiete sind ideal, wenn man mal keinen Gegenverkehr sehen will.

Damit auf dieser Route die passende Pionierstimmung aufkommt, muss ein Motorrad her, das wie der Büffel vom Aussterben bedroht war: eine «Indian». Eaglerider ist der grösste Töffverleih der USA. Und vermietet doch vor allem die marktbeherrschende Harley-Davidson. Dabei war «Indian» zuerst da, 1901, zwei Jahre vor der Konkurrenz. Bis 1953 der Ofen aus war. Jetzt wird der Indianer-Mythos neu belebt. Obwohl ich gern einen Nickel für jedes Mal hätte, wenn mir unterwegs die Frage gestellt wird, welches Harley-Modell das sei. Nur ein einzelner alter Mann erkennt die «Indian Chief»; an einer Tankstelle findet die Begegnung statt, und gerührt erklärt der Oldtimer, dass sein Grossvater auch so eine hatte. Nicht unbedingt das, was man hören will, wenn man sich jünger fühlen will.

Der Koloss, der in Las Vegas aus der Garage gerollt wird, bringt 390 Kilo Lebendgewicht auf die Waage. Bisschen viel Gewichtstemmen für einen City Slicker, der diesen Cruiser auf Kurs halten soll. 2000 Meilen in 10 Tagen auf dieser Höllenmaschine – aber für Bedenken ist es jetzt zu spät. Denn minütlich klettert das Thermometer. Aufbruch nach Norden! Für die hitzeflimmernden Strassen der Spielerstadt ist die Maschine jedenfalls nicht gemacht. Die Mühle erhitzt nämlich schnell. Die «Indian Chief» besteht praktisch nur aus Nieten und Chrom – und wenn die Sonne mit 45 Grad auf das Stahlmonstrum knallt, sitzt man wie auf einer Herdplatte. Nach zehnstündigem Ritt können die Folgen am Unterschenkel begutachtet werden: Brandblasen, prall wie die Wasserballone eines Kindergeburtstags. Was Mediziner eine Verbrennung zweiten Grades nennen. Hauptsache, die erste Station ist erreicht: Monument Valley, im Navajo-Reservat. Die «Indian» fährt den Indianern positiv ein. Klar, sie hat ja mehr Lederfransen als Nscho-tschi. Sogar die sonst so stoischen Ureinwohner versammeln sich bewundernd um das eiserne Pferd des weissen Mannes. Leider ist die Bewunderung nicht gegenseitig. Denn die Navajo haben zwischenzeitlich ihr Reservat verschandelt. Auf die Krete, von der aus ihre berühmten roten Sandstein-Türme am besten zu sehen sind, stellten sie das Hotel «The View». Schlechte Aussichten für Naturwunder.

Nach acht Stunden steigt man krummbeinig vom Sattel

Von Utah aus führt die Strecke nördlich in den Bundesstaat Colorado. In abgelegenen Gebieten die Benzinanzeige im Auge behalten. Eine Füllung mit Feuerwasser trägt die «Indian» 200 Meilen weit. Doch in den USA steht nicht wie in der Schweiz alle Nase lang eine Benzinpumpe parat. Vor 150 Jahren durften die Reiter des Pony-Express auch kein Wasserloch verpassen. Manchmal stösst man entlang der staubigen Piste auf eine Tankstelle, deren Betreiber schon vor Jahren weiterzogen. Einmal auch auf eine stillgelegte Bahnstation. Präriesträucher wachsen aus den Fenstern. Ab und zu stehen noch Pferdeställe, an denen die berittenen Pöstler die Gäule wechselten. Zwar hat die «Indian» 75 Pferdestärken unter dem Sattel. Der Vergleich des Bikers von heute mit dem Reiter von 1860 zeigt doch Gemeinsamkeiten: den bereitwilligen Verzicht auf saubere Unterwäsche zum Beispiel. Der Stauraum in den beidseits angebrachten Satteltaschen ist begrenzt, Hygieneartikel geniessen keine Priorität. Um die maximale Leistung aus dem Vierbeiner herauszuholen, ritt der Pony-Express mit leichtem Gepäck. Und noch etwas hat der Töfffahrer mit dem Postreiter gemein: nach acht Stunden steigt man krummbeinig vom Sattel.

Die nächste Station trägt den klangvollen Namen Durango. Durch den historischen Kern verläuft eine klassische Mainstreet: links ein Saloon, rechts ein Saloon, dazwischen ein modernes Nail-Studio. Die Motel-Betreiberin, die sich nur vom Tresen erhebt, um den Instant-Coffee frisch aufzubrühen, war in einem früheren Leben Schweizerin. So gründlich assimiliert ist sie, dass sie kein Wort Swiss German mehr kann und sogar amerikanischen Kaffee mag.

Was Eisenbahn-Liebhaber aus nah und fern magnetisch anzieht, ist die «Narrow Gauge Railroad»: sie dampft täglich von Durango hoch zum alten Silberminen-Kaff Silverton. Die alte Lok schnauft und pfeift wie ein Rentner mit Asthma, und die Gleise ziehen atemberaubende Kreise um Felsvorsprünge. Im offenen Waggon hat man auch etwas von der russigen Feinstaubbelastung. Die redseligen Passagiere widerlegen das alte Klischee, Amerikaner könnten Schweiz und Schweden nicht auseinanderhalten. Überhaupt scheint jeder Gesprächspartner schon einmal in der Schweiz gewesen zu sein, der «Lake Constance» ist ein Begriff. Das Thema Trump und wie ihn die Welt sieht, wird geflissentlich verschwiegen. Warum auch den netten Small Talk verderben? Während die Indianer in Utah einen neuen Touristenbezugspunkt schufen, ist Colorado um einen ärmer geworden. 1957 stampfte die Filmgesellschaft MGM bei Cañon City eine Filmstadt aus dem Boden. In diesen Bretterbuden wurden Genre-Klassiker wie «Cat Ballou» aufgenommen, als Jane Fondas enge Hosen mindestens so spektakulär anzusehen waren wie das Hintergrundgebirge. «Buckskin Joe’s» hat viele Jahre die Touristen angelockt wie Kuhdung die Fliegen. Bis der exzentrische Milliardär William Koch (sprich: Coke) den ganzen Ort gekauft – und abtransportiert hat. Zurückgeblieben ist eine Brache. Auf der noch ein paar Holzbohlen liegen, und einige Türen, die Koch scheint’s nicht haben wollte. Der Superreiche («Forbes» schätzt ihn auf 3,4 Milliarden) leistete sich für 2,3 Millionen Dollar das einzig existente Bild von Bill the Kid. Koch muss die Filmstadt dringend als Ausstellungsort für seine Sammlung benötigt haben.

Unverrückbar steht hingegen in Ouray eines der ältesten Hotels im ganzen Staat Colorado: Über 100 Jahre alt ist das «Historic Western Hotel», und da schmeckt man den Geschmack von Geschichte und Staub auf der Zunge. Beide Schiessereien, die sich an der Hotelbar ereigneten, sind historisch verbürgt. Zum Beweis stecken noch die Kugeln im Mobiliar. Der Betreiber – auch er war schon auf der Jungfrau – fährt im Nebenjob die Touristen im Jeep in die Rocky Mountains, über Pässe, wo keine Gams stehen könnte. Er zeigt auf ein Ranchhaus in der Ferne: Tom Sellecks Besitztum, die «Last Dollar Ranch». Ob sie ihn sein letztes Hawaii-Hemd gekostet hat? Der Serienstar hat im Laufe der Zeit so viele Parzellen an sich gebracht, dass er nun eine riesige Scholle sein Eigen nennen kann.

«Grausamstes Rodeo der Welt»

Auf der Landkarte sind die Stationen nur einen Daumennagel voneinander entfernt. Der Highway ist ein gerader Strich. Colorado verschwindet im Rückspiegel, am weiten Horizont taucht Wyoming auf. Bei der Ankunft in Cheyenne ist die Lindgrün-Lackierung unter der Staubschicht kaum noch zu erkennen. Wie ein Brigadoon des Wilden Westens verwandelt sich dieser Ort einmal im Jahr in die Rodeo-Hauptstadt der USA. Wofür bei uns das Eidgenössische Schwingfest steht, sind für die Cowboy-Folklore die «Frontier Days». Seit 1897 messen sich Athleten zu Pferde in einem Stadion, von dem Letzigrund-Besucher nur träumen können. Tatsächlich sind die Ausmasse der Arena so ernorm, dass die Kühe von der Tribüne aus auch nicht grösser scheinen als die Holzfiguren, die es zum Spielen im Mini-Bauernhof gab. Trotzdem wird genau hingeschaut. Ein Cowboy sorgt für Negativschlagzeilen, weil er nicht nur den Rekord bricht, sondern auch noch fast den Hals des Kälbchens. In der Disziplin, in der das Rindvieh mit dem Lasso eingefangen wird, spannt sich der Strick, als das Tier noch in der Luft ist; es vollführt einen Rückwärtssalto, der dem Cirque du Soleil Ehre machen würde. Ein solcher «Jerk-down» ist von den Sportrichtlinien untersagt. Tierschützer geisseln den Anlass als «grausamstes Rodeo der Welt». Gegen den Cowboy-Sport formiert sich ein Widerstand, der an die Ächtung der spanischen Stierkämpfe erinnert.

Das monotone Knattern der «Indian» übt eine meditative Wirkung aus. Man bekommt den Zen-Blick auf die Unendlichkeit dieses ungestörten Landes. Es war derselbe Blick, der sich den Express-Reitern darbot. Die heutigen Strassen folgen ihren Routen. Nur dass aus dem schmalen Trail ein sechsspuriger Highway für Vierzigtonner geworden ist. Die Asphaltpiste ist zwar breit. Doch die Pannenstreifen sind nur Kies. Schon rutscht die «Indian» im Rollsplitt weg, ihr Fahrer kugelt an den Strassenrand, zu den überfahrenen Kojoten. Jetzt erfüllen die Crashbars, diese verchromten Sturzbügel, endlich ihren Zweck – damit man nicht unter dem heissen Ofen eingeklemmt wird.

Einer der Ausdauerreiter war der erst 14-jährige William F. Cody, der unter dem Spitznamen Buffalo Bill ebenso in die Unendlichkeit eingehen sollte. Nächster Halt ist die Stadt, die seinen Namen trägt: Cody. Er hat sie selbst gegründet. Just vor 100 Jahren ist der Showman von der Bühne abgetreten. Ist aber weiterhin omnipräsent. Das «Buffalo Bill Center of the West» gilt als eines der besten Museen im Land zum Thema der Landnahme. Überhaupt setzt man sich hier ungewohnt kritisch mit der Legendenbildung auseinander. So werden die historisch holperigen Passagen vom Aufstieg des Scouts zum Showmaster neu beleuchtet, etwa die Bedeutung seiner Schiessrekorde auf Büffel (trug er damit nicht zu deren «sportlichen» Abschlachtung bei?) und seine Rolle als Indianerkämpfer (hat er «Yellow Hand» wirklich im fairen Zweikampf besiegt?). Aber wenn eines sicher ist im Westen, dann dass Historiker den Legenden letztlich nichts anhaben können. Der Gunfight, täglich zum Gaudi der Touristen auf der Hauptstrasse ausgetragen, dürfte Historikern den Skalp zu Berge stehen lassen. Treffen sich doch tatsächlich Wyatt Earp und Butch Cassidy. Und zwar mit Colts und Platzpatronen. Noch bevor der Pulverdampf sich verzogen hat, nimmt die «Indian» die letzte Etappe unter die Räder: durch den Yellow­stone Park. Hier gibt es sie noch, die erhabenen Bisons, die Buffalo Bills Flinte entkamen. Der Thurgau würde flächenmässig fast zehnmal in den Nationalpark passen. Und nicht einmal im Schwarzwald gibt es so viele Motorradfahrer zu grüssen.

Endstation Jackson Hole: Das renommierte Skiresort kokettiert noch etwas mit der Westernromantik, die Windermode-Boutiquen sind aber preislich auf der Höhe mit St. Moritz. In der legendären «Million Dollar Cowboy Bar» gibt’s die dicksten Steaks. Dank der salzigen BBQ-Sauce schmeckt alles gleich. Die Männer essen rotes Fleisch, als ob Darmkrebs noch nicht bis Wyoming gekommen wäre. Und die Barstühle bestehen sinnigerweise aus Ledersätteln. Aber wer eben 2000 Meilen im Sattel abgespult hat, der nimmt jetzt lieber einen gepolsterten Barhocker.

Das Monument Valley. (Bild: travelstock44 / LOOK-foto (LOOK))

Das Monument Valley. (Bild: travelstock44 / LOOK-foto (LOOK))

Die alte Lok schnauft und pfeift noch immer auf dem Einspurgleis und schleudert Russ in die Luft. Bei der Endstation Jackson Hole gibt’s in der «Million Dollar Cowboy Bar» die dicksten Steaks. (Bild: Erik Tham (Corbis Documentary))

Die alte Lok schnauft und pfeift noch immer auf dem Einspurgleis und schleudert Russ in die Luft. Bei der Endstation Jackson Hole gibt’s in der «Million Dollar Cowboy Bar» die dicksten Steaks. (Bild: Erik Tham (Corbis Documentary))

Von Las Vegas bis Jackson Hole wie einst der Pony Express.

Von Las Vegas bis Jackson Hole wie einst der Pony Express.

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