USBEKISTAN: Wo die goldenen Zähne blitzen

Wer durch das Land reist, entdeckt mythische Städte, atemberaubende Bauwerke, lernt gastfreundliche Menschen kennen und hört fantastische Geschichten. Makellos ist das Land an der Seidenstrasse nicht, aber allemal besuchenswert.

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Der atemberaubende Registan-Platz in Samarkand gilt als prächtigster Platz Mittelasiens. (Bild: Kathrin Reimann)

Der atemberaubende Registan-Platz in Samarkand gilt als prächtigster Platz Mittelasiens. (Bild: Kathrin Reimann)

Text und Bilder: Kathrin Reimann

Eine junge Frau betritt die Bibi-Chanum-Moschee in Samarkand. Herausgeputzt und mit Kopftuch kauert sie sich zum Gebet nieder. Dann spricht sie mit dem Geistlichen, überreicht ihm ein Huhn. Sein Gehilfe geht mit der Opfergabe um die Ecke, in der Hand hält er ein Messer.

Später wird die Frau mit einem Besen die kunstvollen blauen Fliesenwände eines der vielen Mausoleen kehren – ihr Wunsch ist es, schwanger zu werden. Kinder- oder sogar ehelos zu sein, ist in Usbekistan undenkbar. Statt mit «Wie geht es dir?» begrüssen sich die Usbeken mit: «Wie geht es deinen Kindern?»

Schwiegermutter mit Zepter

Neunmal hätte die Schweiz in Usbekistan Platz. In dem Land, das sich von den westlich liegenden Wüsten am Aralsee bis ins östliche Ferganatal erstreckt. Die an der Seidenstrasse liegende Präsidialrepublik in Zentralasien wird seit 1991 von Staatsoberhaupt Islam Karimow regiert; scheindemokratisch, denn eigentlich ist Usbekistan eine Diktatur. Lauscht man allerdings den Erzählungen der Reiseführerin, merkt man schnell, dass im Alltag die Schwiegermütter das Zepter schwingen.

Die 60-Jährige – ihren Namen will sie nicht im Bericht stehen haben – ist selber eine. Geschichten erzählend führt sie durch ihr faszinierendes Heimatland. Auch durch Samarkand. Die bekannteste Stadt Usbekistans besticht durch Majestät und Magie, die von den zahlreichen Medresen, Moscheen, Prunkportalen, funkelnden Kuppeln und dem imposanten und atemberaubenden Registan-Platz ausgehen. Hohe, fein strukturierte und üppig verzierte Fassaden prägen das Stadtbild der von Bergen umgebenen grünen Oase. Fast 400 000 Menschen leben in der Geburtsstadt des Staatsoberhauptes.

Die steinerne Stadt, wie sie auch genannt wird, zählt zu den ältesten der Welt, Reichtum erlangte sie durch Handel. 329 vor Christus wurde sie von Alexander dem Grossen eingenommen, Dschingis Khan zerschlug später die islamische Herrschaft, und der mongolische Herrscher Timur, als Tamerlan bekannt, machte sie zur Hauptstadt seines Reiches. Der brutale Feldherr förderte Kunst und Kultur und prägte mit der angewandten Bau- und Dekorkunst das Aussehen des heutigen historischen Zentrums. Aufgrund dieser imposanten Zeugnisse islamischer Baukunst wurde Samarkand auf die Liste des Unesco-Weltkulturerbes gesetzt.

Grausamer Herrscher

Bibi Chanum, die einstmals grösste Moschee, ist eines davon. Timur liess sie ab 1399 für seine Lieblingsfrau mit dem Namen Bibi Chanum errichten, ambitioniert, eine Nachbildung des Paradieses in überweltlicher Schönheit zu erschaffen. Der grausame Herrscher liess nicht nur hunderttausend Gefangene hinrichten, hunderttausend Menschenschädel zu Pyramiden auftürmen und Hunderttausende von Handwerkern bei seinen Feldzügen nach Samarkand verschleppen.

Er überwachte den Bau, trieb ihn voran, und was ihn nicht zufriedenstellte, liess er abbrechen und neu errichten, wofür die Verantwortlichen mit ihrem Leben bezahlen mussten. Und sobald ein Bauwerk vollendet war, liess er die Bauherren töten – nie wieder sollte etwas dermassen Schönes errichtet werden können. Auch nach dem Leben seiner Lieblingsfrau trachtete er, nachdem sie einen der Bauherren geküsst hatte. Doch bevor sie von einem der Minarette gestürzt wurde, gewährte er ihr den letzten Wunsch, sich all ihre Seidenkleider anzuziehen. Bibi Chanum überlebte, der Fallschirm war erfunden.

Gegensätze und Reizüberflutung

Wer sich an den Backsteinmustern, den Mosaiken und den goldblauen Ornamenten sattgesehen hat und sich genug der fantastisch anmutenden Geschichten angehört hat, kann nebenan in die reizüberflutete Wirklichkeit des echten Lebens eintauchen. Der riesige Basar steht im krassen Gegensatz zu den Prachtsbauten. Hier tobt das Leben, das einfache, ärmliche.

Und das Treiben macht deutlich, weshalb sich die Stadt den Namen Spiegel der Welt verdient – die Gesichter der Händler zeigen die kulturelle Vielfalt dieses Gebietes. Russische, indische, chinesische und orientalische Einflüsse spiegeln sich auch in den Waren, welche die Verkäufer am Boden hockend oder hinter ihren Ständen stehend anbieten. Getrocknete Früchte, Gewürze, Tee, glänzende Fladenbrote, duftender Käse, blutiges Fleisch und kunstvolle Handwerkprodukte wie Brotstempel, Koranständer, Keramik, Stoffe und Schmuck werden feilgeboten.

Probieren und Handeln sind dabei Pflicht. Ein Glück, übersetzt die reiseleitende Schwiegermutter. Englisch wird hier kaum gesprochen. Mit Russisch fährt man im postsowjetischen Land manchmal besser. Touristen – sofern sie keine allzu neugierigen Journalisten sind – sind dennoch willkommene Kunden. Die Händler lassen ihre goldenen Zahnreihen blitzen, strecken Kostproben entgegen und zählen stolz die Anzahl ihrer Kinder und Enkelkinder auf.

Wer noch tiefer in das usbekische Leben – fernab herausgeputzter Sehenswürdigkeiten und Souvenirstände – tauchen will, lässt sich in einem Hamam den Dreck aus den Poren reiben, besucht ein rauchgeschwängertes, bierseliges Schaschliklokal oder kehrt in eine der beliebten Teestuben ein, wo Grün-, Schwarz-, Kardamom- oder Ingwertee mit köstlichen Nüssen und anderen süssen Sünden aufgetischt wird.

Bett mit Aussicht in Sowjetschule

Eine Möglichkeit, weitere bedeutende usbekische Städte und Dörfer zu besuchen, bietet etwa die Fahrt mit einem Sonderzug. 80 Touristen befinden sich dieses Mal an Bord des Silk Road Express, wo sie, betreut von 20 Angestellten, im Speisewagen dinieren, in ihren mit Teppichen geschmückten Abteilen schlafen und dazwischen auf die vorüberziehenden Wüsten, Steppen, grünen Landschaften, Seen, Schafherden mit usbekischen Cowboys und ärmliche Dörfer blicken.

Aber nicht immer: In der von Wüstensand umgebenen Oase Buchara – der Name bedeutet Kloster – nächtigt man in einer ehemaligen sowjetischen Parteischule und geniesst einen unvergesslichen Ausblick auf Moscheen und Minarette. Die Reiseleiterin führt auch durch diese Stadt, die Ruhe und Mystik ausstrahlt. Sie gilt als lebendiges Museum, weil hier echte Baudenkmäler und nicht nur Nachbildungen stehen. Die Reiseleiterin führt zur prunkvollen Medrese Mir-e Arab, zum Mausoleum der Samaniden und zur mächtigen Festung Ark. Sie zeigt die kunstvollen Arbeiten der Schmiede, Töpfer und Sticker und erzählt vom schwarzen und vom weissen Gold Usbekistans: «Unser Gold ist die Wolle; das schwarze kommt von Karakulschafen, das weisse ist Baumwolle.»

Wobei letztere kein einfaches Thema ist, beruht die Baumwollproduktion doch auf Kinderarbeit und zwangseinberufenen Studenten. Auch die fast vollständige Verlandung des Aralsees hängt mit dem Baumwollanbau zusammen. Dann spricht sie einmal mehr über des Usbeken Lieblingsthema: Familie. «Den Mann sucht sich eine Frau normalerweise nicht selbst aus. Und als Schwiegertochter muss man nicht nur für ihn, sondern auch für seine Eltern sorgen.»

Der nächste Bahnhof, an dem der Zug anhält, ist Xiva. Diese Stadt kommt einem Stein gewordenen Traum aus 1001 Nacht sehr nahe. Die Altstadt ist eine einzigartige Perle: Die gut erhaltenen Minarette, Mausoleen und Moscheen sind von einer imposanten Stadtmauer umgeben. In zahlreichen Museen kann man sich über Geschichte oder Geldherstellung schlaumachen, die Händler bieten Pelzhüte, Finken oder Teigtaschen feil.

Bevor wir die Hauptstadt erreichen, besuchen wir ein Dorf, wo Menschen in ärmsten Verhältnissen leben. Gekocht wird draussen, wo auch Schafe und Ziegen gehalten werden. Der Lada der Armen ist auf dem Land der Esel. Doch die Gastfreundschaft ist immens, schnell sitzt man in einer Stube auf dem Boden und trinkt Tee mit den Einheimischen. Schnell wird klar, wie perspektivenlos hier die Zukunft ist. Ein Leben als gebärfreudige und demütige Schwiegertochter erscheint unter diesen Umständen passabel. Immerhin wird die Hochzeit ausgiebig und mit viel Tanz, Musik und Gesang gefeiert.

Störche, Demokratie und Islam

Szenenwechsel in Taschkent. In der herausgeputzten Hauptstadt trifft man auf stylische Leute. Statt in traditioneller Kluft sitzt die Jugend in Miniröcken in schicken Cafés. Ein Huhn zu Gunsten einer Schwangerschaft zu opfern, das käme hier wohl keiner in den Sinn.

In einem schicken Café treffen wir auf einen Mitarbeiter der Schweizer Botschaft, der auf die Frage nach Korruption sagt: «Die ganze Regierung funktioniert so.» Immerhin muss man dem Präsidenten Karimow – ein Musterdemokrat wird er nie – zugestehen, dass er den Islam im Land vor der Radikalisierung bewahrt hat – wenn auch eher mit Hilfe des Polizei- als des Rechtsstaates.

Ausserdem mag Karimow Störche. In der Studentenstadt wimmelt es nur so von Vogelskulpturen. Grüne Parks laden zum Verweilen ein, und vor den opulenten Gebäuden stehen Sicherheitsleute. Wegen Terrorgefahr, wie die Reiseleiterin erklärt. Auch der Botschaftsmitarbeiter weiss von missglückten Anschlägen auf die amerikanische Botschaft zu berichten. Man fühlt sich dennoch sicher in der modernen Stadt, wo sogar ein roter Doppeldecker-Touristenbus seine Runden dreht. Sowieso, ganz Usbekistan ist eine Wohlfühlzone. Wenn man über die Makel hinwegsehen kann, erblickt man ein zauberhaftes Land zum Eintauchen. Ein Ort, um sich sattzuhören, sattzusehen, sich zu verlieren, zu verlieben, und ein Ort, dessen Märchenhaftigkeit und die dazugehörigen Geschichten man niemals vergisst.
 

Im Zug durchs gastfreundliche Usbekistan

Einreise: Ein Visum ist nötig. Erhältlich bei der usbekischen Botschaft in Berlin.

Reisezeit:Das usbekische Wetter hat kalte Winter und heisse, trockene Sommer. Die beste Reisezeit ist im April, Mai, September und Oktober.

Anflug:ab Zürich Flüge über Istanbul oder Moskau nach Taschkent.

Sonderzug:Der Orient Silk Road Express fährt im Frühjahr und im Herbst während 14 Tagen vom turkmenischen Aschgabat nach Almaty in Kasachstan. Dabei werden die Städte Buchara, Xiva, Samarkand, Shahrisabz, Taschkent und mehrere Dörfer besucht, wo die Gastfreundschaft besonders zum Ausdruck kommt. Man übernachtet im Zug sowie in Hotels, gegessen wird im Zug, in Restaurants oder bei Einheimischen. Mit dabei ist die Reiseleitung.

Unterkunft: In vielen Städten gibt es grosse Hotels mit internationalem Standard, etwa Hotel Minor in Buchara, Hotel Registan Plaza in Samarkand oder Hotel Usbekistan in Taschkent.

Zahlungsmittel:Währung ist der So’m. Der grösste, 2013 eingeführte Schein hat den Wert von 5000. Praktisch alle Zahlungen erfolgen mit Bündeln von 1000er-Scheinen. Geld wechselt man in offiziellen Wechselstuben. Auf dem Schwarzmarkt erhält man aber um bis 25 Prozent bessere Kurse. Aktuell erhält man für 1 Franken ca. 2860 So’m.

HINWEIS
Die Reise wurde von Kira Reisen/Lernidee Erlebnisreisen unterstützt.

Goldiges Lachen und getanzte Lebensfreude während einer Hochzeitszeremonie auf dem Land. (Bild: Kathrin Reimann)

Goldiges Lachen und getanzte Lebensfreude während einer Hochzeitszeremonie auf dem Land. (Bild: Kathrin Reimann)

Kunsthandwerkliche Produkte erhält man auf fast jedem usbekischen Basar. (Bild: Kathrin Reimann)

Kunsthandwerkliche Produkte erhält man auf fast jedem usbekischen Basar. (Bild: Kathrin Reimann)

Die kunstvolle Kuppel eines Mausoleums in Samarkand. (Bild: Kathrin Reimann)

Die kunstvolle Kuppel eines Mausoleums in Samarkand. (Bild: Kathrin Reimann)

Mit dem Zug reist man hervorragend durch Zentralasien, auch durch Usbekistan. (Bild: Kathrin Reimann)

Mit dem Zug reist man hervorragend durch Zentralasien, auch durch Usbekistan. (Bild: Kathrin Reimann)

Bild: Karte oas

Bild: Karte oas