Val Müstair: In Ruhe die Ruhe geniessen

Das südöstlichste Tal der Schweiz wartet mit beschaulichem Wintertourismus auf. Es ist ideal für Individualisten und Familien.

Peter Hummel
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Das Münstertal ist ein Paradies für Langläufer, welche die Loipe gerne (fast) für sich allein haben. (Bild: pd)

Das Münstertal ist ein Paradies für Langläufer, welche die Loipe gerne (fast) für sich allein haben. (Bild: pd)

Wer mit dem Auto im Prättigau in der Kolonne steckt, ist eigentlich selber schuld. Auch das «entlegene» Val Müstair ist mit Bahn und Postauto im 2-Stunden-Takt recht gut per ÖV erreichbar. Schon nach dem Vereinatunnel trennt sich der Münstertaler Tourismus vom Massentourismus, und auf der Fahrt über den lang gestreckten Ofenpass kann man richtig Luft holen, Abstand nehmen vom Alltag im Unterland. Die Randlage mag ein Handicap sein - aber auch eine grosse Chance. Diese Talschaft zählt jedenfalls zu den attraktivsten «Klein und fein»-Destinationen - ein Slogan, unter dem Graubünden Ferien beschauliche Orte abseits des touristischen Mainstreams bewirbt. Nur ist sie noch viel zu wenig bekannt.

Cologna sei Dank

Da kommt natürlich Dario Cologna gerade gelegen: Der Langlauf-Olympiasieger und Weltcup-Gewinner ist nämlich in Müstair aufgewachsen - einen besseren und sympathischeren Botschafter gäbs gar nicht, um dieses noch unentdeckte Langlaufparadies bekannt zu machen, aber auch, um den Wintertourismus auf sanfte Art anzukurbeln.

Die Münstertaler Loipen zeichnen sich in der Tat durch ihre Vielfalt aus. Rückgrat ist die Talloipe Tschierv-Fuldera, die bei guten Schneeverhältnissen bis kurz vor die italienische Grenze bei Müstair verdoppelt wird - macht stattliche 34 Kilometer. Allerdings ist die Spurführung im unteren Abschnitt teilweise gar ambitioniert - für Hobbyläufer nämlich etwas steil. Und die Information ist noch verbesserungsfähig: Am unteren Einstieg in Müstair fehlt jegliche Orientierung. Immerhin wurde auf diesen Winter mit der Errichtung eines bedienten Langlaufzentrums in Furom unterhalb Fuldera schon mal ein grosser Fortschritt erzielt.

Doch das Val Müstair zielt noch viel höher hinaus: Zum einen gibt es die Aussichtsloipe in Lü, wo noch die Sonne scheint, wenn das Tal längst im Schatten liegt. Und dann vor allem die Panoramaspur auf Minschuns, eine der schönsten Höhenloipen Graubündens auf 2200 Meter.

«Bonsai»-Skigebiet

Wer Minschuns, dieses einzige Skigebiet des Tales, aufsucht, wähnt sich in ein Zeitrad versetzt; gleichzeitig wird einem bewusst, mit wie wenig man glücklich werden kann: ein Tellerlift, zwei Bügellifte; Kinder werden in einer Kiste auf einem Skidoo-Anhänger zur Skischule hinaufbefördert.

Minschuns ist nicht nur ein wintersportliches Fossil, sondern auch ein Unikat: Nirgendwo sonst in Graubünden kann man noch per Skilift einen richtigen Gipfel erklimmen und mit nur drei Liften 20 Kilometer Pisten befahren - zum entsprechend fast nostalgischen Preis von 39 Franken pro Tag. Passend zum Minimal-Charme die beiden urigen, nicht dauerbeschallten Skihütten.

Da die Anlagen langsam ans Ende ihrer Lebens- und Konzessionsdauer kommen, wird allerdings die Frage der Erneuerung akut. Zwar besteht ein spruchreifes Projekt einer Pendelbahn ab Tschierv, das aber noch die Hürde der Finanzierung und Einsprachen aus Naturschutzkreisen zu nehmen hat. Was hier wenig verständlich ist: Eine Bahn wäre nicht nur viel schneller, sondern auch wesentlich ökologischer als die abenteuerliche Zufahrtsstrasse.

Zu wenig Hotels

Für einen wirtschaftlichen Betrieb wäre freilich auch noch mindestens ein neuzeitliches Hotel sinnvoll. Das Handicap für den Wintertourismus ist nämlich, dass sich die leistungsfähige Hotellerie auf die beiden untersten Orte St. Maria und Müstair konzentriert und traditionell auf den Sommertourismus und insbesondere das Weltkulturerbe Kloster Son Jon ausgerichtet ist. Im Zusammenhang mit einem ökologischen Tourismus wären deshalb mehr Gästebetten in Valchava, Fuldera und Tschierv wünschenswert. Auch vermisst der Wintersportler ein gewisses Wellness-Angebot in diesen oberen drei Dörfern; derzeit gibt es eine einzige Sauna in Valchava.

Unesco-Label

Eine neue Voraussetzung schafft nun die im Oktober erfolgte Verleihung des Unesco-Labels «Biosfera Val Müstair - Parc Naziunal». Böte dieser marketingmässige Steilpass nicht die Chance, sich (auch) im Winter gänzlich dem nachhaltigen Tourismus zu verschreiben?

Zwar ist das Val Müstair sehr prädestiniert fürs bedächtige Schneeschuhlaufen; das Revier Buffalora-Ofenpass -Pass da Costainas bietet ein perfektes Tourengelände. Dazu wurde als Pilotprojekt ein erster Schneeschuhtrail nach dem Signalisationsschema von Schweiz Mobil ausgesteckt. Doch Annelise Albertin, Leiterin der Gästeinformation Val Müstair, relativiert: «Auch wenn diese sanften Aktivitäten stetig zunehmen, so können sie die angestammten Zielgruppen - viele Familien und Lager - noch längst nicht wettmachen. Diese erwarten und rechtfertigen weiterhin die Bereitstellung einer klassischen Infrastruktur.» Dazu zählen vor allem Pisten und Loipen, aber auch etwa zwei Natureisbahnen und die rasante Schlittelbahn Lü-Tschierv. Auf diesen Winter hinzugekommen ist ein durchgehender Panoramawanderweg von Lü über die Alp Champatsch bis Minschuns sowie Eisfallklettern in St. Maria.

Val Müstair: Tipps & Infos

Unterkunft: Valchava, Central: renovierte Zimmer in Arven- und Lärchenholz. www.centralvalchava.ch
St. Maria, Chasa de Capol: geschichtsträchtiges Swiss Historic Hotel, mit teils ausgefallenen Zimmern und Haustheater. www.chasa-capol.ch
Tschierv, Kleinherberge Chasa Turettas: B&B mit Zimmern und Wohnungen in einstigem Klosterhospiz; Arvenkissen und Bio-Säumerfrühstück. www.chasa-turettas.ch

Essen: Müstair, Chasa Chalavaina: Wer in Jon Fassers Gasthaus rastet, taucht in die Geschichte ein: Hier stärkten sich vor über 500 Jahren schon die Bündner Kriegsherren vor ihrer Schlacht an der Calven. www.chalavaina.ch
Skilift Vallatscha, Bar Aunta: Jausenstation mit legendären heissen Speckbrötli.

Après-Ski: Beleuchtete Eisfelder in Tschierv und Müstair.