Venedig ohne Touristen, das ist traumhaft – aber fast zu schön, um wahr zu sein

Unser Autor hat Venedig einen Besuch abgestattet – und war begeistert.

Christian Berzins
Drucken
Teilen
Der menschleere Markusplatz.

Der menschleere Markusplatz.

Vor zehn Jahren stellte ich beim Zubettgehen in einem Hotel in Venedig den Wecker auf 4 Uhr. Es würde grausam sein, wie mich der Piepston aus den vom Wellenschlag des Canal Grande begleiteten Träumen reissen würde, aber es musste sein: Einmal im Leben wollte ich den Markusplatz ohne Menschen sehen. 4.01 Uhr streifte ich die Hose über das Pyjama, zog den Mantel an und verliess das Hotel rasch. Drei Gassen links, der Wind pfiff, zwei rechts, mir war kalt, einmal geradeaus – ich verfluchte meine Idee. Dann lag er da: nackt, leise und leer – und obwohl noch im Dunkeln: sonnenhell grossartig. Ich werde den Anblick nie vergessen.

30 Millionen Touristen kämpfen sich pro Jahr durch diese Stadt, wo nur noch 50'000 Venezianer leben. Landet ein Ozeanriese, strömen jeweils bis zu 5000 Menschen zusätzlich auf den Markusplatz.

Als ich vor zwei Wochen für ein Wochenende in der Lagunenstadt war, gab es das leise Markusplatz-Wunder ohne Wecker zu erleben. Es genügte, nach dem späten Abendessen hinzuspazieren, um die Piazza fast menschenleer zu erblicken. Schön? Gewiss! Aber genauso wie sich Zeus in immer neuen Gestalten den Menschen oder seinen Liebhaberinnen zeigen musste, da sie sonst von seinem göttlichen Glanz dahingerafft worden wären, schützen uns vielleicht die Touristenmassen vor der kolossalen Schönheit Venedigs, dieser Traum aus Stein und Wasser. Semele, die den echten Zeus sehen wollte, wurde von einem Blitz aus Schönheit vernichtet.

Das kann jetzt auch einem Venedig-Träumer geschehen. Tritt der Flaneur dieser Tage auf die Kirche Santa Maria dei Miracoli zu, findet er den Platz leer und jubelt und weint fast vor dieser verlassenen Pracht aus Stein und Idee. Früher konnte man abseits der Fussgänger-Autobahn Ferrovia–San Marco in die geheimnisvollsten und dümmsten Kanal-Sackgassen geraten, immer stand schon ein Tourist mit der Kamera dort. Nun ist da bloss Wellenschlag. Und irgendwo gar die Calle de la Corona.

Wer am Samstagmorgen dem ewiglangen Fondamenta Briati entlang spaziert, sieht Wasser, Palazzi, kleine Fische und Leere. In der Mitte des Weges steht die famose Osteria Da Codroma, wo es auf Nachfrage «siccuramente» Platz für den Abend gibt. Am Sonntagmorgen rufe ich die Osteria Dalla Marisa an, frage, ob um 13.30 Uhr ein Tisch für zwei frei sei. Ich erinnere mich, wie ich früher jeweils einen Monat vor der Reise die Nummer 0039 041 720 211 wählte, bis ich sie auswendig konnte: Wenn jemand abnahm, wurde ich unwirsch abgeschmettert. «Klar, können Sie kommen, es gibt allerdings nur Fisch», heisst es hingegen nun. Die Antipasti – fünf! – übertreffen sich Tellerchen um Tellerchen, die Frutti-di-Mare-Lasagne löst einen inneren Jubelschrei aus, der Fritto ist nicht zu überbieten.

Wer auf den Online-Hotelportalen kluge Filter eingibt, wird zurzeit auf traumhafte Palazzi stossen, wo die Ankleide so gross ist wie «früher» das Zimmerchen im Drei-Sterne-­Hotel. Der Preis aber viel tiefer. Es fehlt an Gästen. Genauso wie die Hotels bleiben auch viele Restaurants leer. Kellner, die einen früher keines Blickes würdigten, betteln auf den Strassen nun um unsere Gunst.

Im legendären Caffè Florian spielen die zwei Salonmusiker auf der Terrasse mehr für sich selbst als für Gäste: «O sole mio» erhält alle Melancholie zurück, die Brülltenöre diesem Canzone geraubt haben.

PS: In Italien gab es am Montag 234 Neuansteckungen, rund 20 im Veneto mit 4,9 Millionen Einwohnern. Es ist Zeit, den Wecker zu stellen und den Zug zu nehmen: Wer noch in Venedig mittagessen will, startet in Aarau um 5.55 Uhr, in Luzern um 6 Uhr und in St.Gallen um 5.04 Uhr.