Venedig
Dieses Caffè hatte 300 Jahre lang ununterbrochen geöffnet - dann kam das Coronavirus

Das Caffè Florian am Markusplatz von Venedig ist eines der ältesten und berühmtesten Kaffeehäuser der Welt – und zwar nicht nur, weil der Cappuccino 10.50 Euro kostet und in Porzellantassen serviert wird.

Sascha Rettig
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Im Caffè Florian, dem womöglich ältesten noch geöffneten Café weltweit, ver­kehren seit 300 Jahren Gäste.

Im Caffè Florian, dem womöglich ältesten noch geöffneten Café weltweit, ver­kehren seit 300 Jahren Gäste.

Bild: Sascha Rettig

Für einen guten Espresso muss immer Zeit sein. Vor allem in Italien. Selbst wenn man gerade auf der Flucht aus dem Gefängnis ist. Denn glaubt man der Erzählung, war der berühmte Frauenheld Casanova einst aus seiner Zelle im Dogenpalast getürmt, legte aber selbst in dieser hektischen, brenzligen Situation einen Zwischenstopp ein: auf einen Kaffee auf dem Markusplatz im nahegelegenen Caffè Florian. Das ist nur eine der zahlreichen Legenden und Anekdoten aus den vergangenen Jahrhunderten, die sich um das womöglich älteste noch geöffnete Café der Welt ranken.

Auf den rotsamtenen Diwanen sassen eben schon viele illustre Persönlichkeiten. Jean-Jacques Rousseau ebenso wie Goethe oder Lord Byron. Ernest Hemingway trank hier am liebsten Rotwein. Aber auch heutzutage kann es durchaus passieren, dass Prominenz am Nachbartisch sitzt: Salma Hayek feierte vor drei Jahren im «Florian» Geburtstag.

Längst ist das Kaffeehaus an bester venezianischer Lage selbst zur Legende geworden. Eine langzeitüberlebende Institution, die 2020 ihren 300. Geburtstag feierte. Ein Museum im täg­lichen Cafébetrieb, das mit Stefano Stipitivich sogar einen eigenen künstlerischen Direktor hat.

Am 29. Dezember 1720 eröffnete Floriano Francesconi einst das Café unter den Arkaden der «Procuratie Nuove». Kaffee war zu der Zeit gross in Mode in der Stadt, nachdem ein Venezianer 1638 Kaffee aus Ägypten in die Lagunenstadt gebracht hatte. Das erste Kaffeehaus eröffnete bereits 1683. «Das war sehr populär, jeder wollte Kaffee trinken», sagt Stipitivich.

«Anders als Wein macht Kaffee schliesslich wach, und die Intellektuellen tranken ihn, um sich zu konzentrieren.»

Die Zahl der Cafés sei damals auf etwa 200 in der gesamten Stadt begrenzt worden.

Sascha Rettig

Eine heisse Schokolade mit Mintcreme für 13.50 Euro

Etwas wirklich Aussergewöhnliches war so ein neues Kaffeehaus selbst vor 300 Jahren damit eigentlich nicht. Doch der Besitzer des «Alla Venezia Trionfante» soll eine schillernde ­Persönlichkeit gewesen sein – und das zog zahlreiche Künstler, Adlige und die Intellektuellen der Lagunenstadt an. Irgendwann war das Café ­einfach unter dem Namen «Florian’s» bekannt.

Kaffee war damals etwas, das sich vor allem die Betuchteren leisten konnten. «Ein türkischer Kaffee mit Zucker hat etwa doppelt so viel gekostet wie ein Wein», fügt Stipitivich hinzu. Auch wer heute ins Caffè Floria geht, muss erwartungsgemäss deutlich tiefer ins Portemonnaie greifen, als es normalerweise der Fall ist – was mitunter bei Touristen für grosse Aufregung sorgt.

Für einen einfachen Cappuccino, den Bestseller, muss man 10.50 Euro bezahlen. Die ­Cioccolata Casanova, eine heisse Schokolade mit Mintcreme und Schokoraspeln, kostet 13.50 Euro. Viermal billiger geht es stehend am «Banco», der kleinen Bar.

Serviert werden die Spezialitäten in feinem Porzellan und auf einem Silbertablett.

Caffè Florian in Venedig

Caffè Florian in Venedig

Sascha Rettig

Angemessen elegant also, wie auch die 20 Kellner, allesamt Männer. Sie dürfen keine Tattoos, Piercings oder Ohrringe haben und tragen Smokingjacke, weisses Hemd und eine Fliege, die bei der einen Hälfte schwarz, bei der anderen Hälfte weiss ist. «An der schwarzen Fliege erkennt man die verdienten, erfahrenen Kellner, an der weissen den jüngeren Nachwuchs», erklärt Roberto Ferronato, der selbst stolzer Träger der schwarzen Fliege ist und seit 34 Jahren im «Florian» arbeitet. Bei ihm kann man auf Italienisch, Englisch und Französisch bestellen. Auch Deutsch versteht der Venezianer.

Neben dem Service ist im «Florian», das seit einigen Jahren unter anderem dem Modedesignhaus Fendi gehört, vor allem die Atmosphäre eine besondere. Draussen an einem der 97 Tische hat man einen Logenplatz, um bei einem venezianischen Kaffee oder einem Bellini das lebendige Treiben auf dem Markusplatz zu beobachten. Gelegentlich wagt ein Paar ein Tänzchen.

Nicht nur im «Florian» gibt es schliesslich täglich Livemusik bis Mitternacht, meist von einem Quartett. Auch in den Kaffeehäusern auf der anderen Seite des Platzes werden im Wechsel Evergreens und Klassiker gespielt – von «My Heart Will Go On» bis «Time To Say Goodbye». Wer es vorzieht, beim Besuch im «Florian» an einem der Marmortische in einem der opulenten Innenräume zu sitzen, hat das Gefühl, in einer anderen Zeit gelandet zu sein. «Im 19. Jahrhundert wurde es zu Teilen umgebaut, seitdem ist es im Grunde unverändert», erklärt Stipitivich. Allerdings wurde das Café erweitert. «Als Letztes kam 1920 der sogenannte Freiheitsraum dazu.»

Sechs Räume gibt es seitdem insgesamt. «Das alles instandzuhalten, ist eine Herausforderung. Wir renovieren die ganze Zeit. Nicht zuletzt wegen des Hochwassers jedes Jahr», sagt der künstlerische Leiter.

Das Kaffeehaus wird zum Museum moderner Kunst

Der «Sala del Senato», der «Senatsraum», ist einer der bedeutendsten Räume des Cafés – nicht nur aufgrund der Malereien an Wänden und Decke. «Das Zeitalter der Erleuchtung oder des Fortschritts» und «Zivilisation, die die Nationen erzieht», dazu elf Tafeln mit Malereien sind zu sehen.

Hier wurde zudem die Biennale di Venezia geboren, das Kunstfestival. Jedes Mal zur Biennale werden internationale Künstler eingeladen, einen der Café-Räume zu gestalten. Dann gibt es Ausstellungen, Installationen oder Videoprojektionen – natürlich ohne etwas an den historischen Räumen zu verändern.

Auch wenn es auf der Welt und in Venedig im Laufe der vergangenen drei Jahrhunderte Krisen und Erschütterungen gab, war das «Florian» immer geöffnet, das ganze Jahr über. Sogar an Weihnachten. Sogar während des Ersten Weltkriegs, als Kriegsverletzte hier untergebracht waren. Ausgerechnet im Jubiläumsjahr aber hat es das «Florian» erwischt. Zu Beginn der Coronapandemie war es erstmals fast drei Monate zu. Als es im Juni und dann im Januar wiedereröffnet wurde, hatte der globale Ausnahmezustand das Leben und Reisen weltweit verändert – die reiche Geschichte des Kaffeehauses wird aber nach wie vor fortgeschrieben.

Sascha Rettig
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