Fasten – aus Liebe zum Leben

Statt Fast Food und Small Talk bewusst schweigen und fasten: Der Verzicht auf Nahrung ist angesagter denn je.

Haymo Empl
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Bleibt der Teller zur Fastenzeit mal leer, kann dies positive Auswirkungen auf Körper und Geist haben.

Bleibt der Teller zur Fastenzeit mal leer, kann dies positive Auswirkungen auf Körper und Geist haben.

Archiv Luzerner Zeitung

Am Mittwoch hat die Fastenzeit begonnen. Längst ist der christliche Brauch des Nahrungsverzichtes vor Ostern aber Trend: Statt «Fasten» setzt man auf «Detox», statt innere Einkehr und Gebete auf bunte Säfte, die online geordert werden. Was für die einen die Idee von «schnell ein paar Kilos verlieren» ist, ist für die anderen Ruhe und Kraft. Die reformierte Pfarrerin Noa Zenger beispielsweise hat eine klare Vorstellung vom Fasten: Leib und Seele stellen sich darauf ein, die Nahrung nicht von aussen, sondern von innen, aus den eigenen Reserven zu beziehen. Dank diesem psychosomatischen Geschehen werden Menschen – so Noa Zenger – vom «Ausser-sich-Sein» zur Mitte ihrer selbst geführt. Dieser Vorgang zeigt Wirkung in gesundheitlicher, spiritueller und mitmenschlich-sozialer Hinsicht.

Noa Zenger lebt und arbeitet im Lassalle-Haus in Edlibach ZG und leitet dort unter anderem die «Fastenwochen». Hinter der runden Brille schaut sie mit wachen Augen in die Welt. Und man ist sofort von ihrer warmen, humorvollen und klugen Art fasziniert. Hier sitzt ein Mensch, der weiss, wovon er spricht, sozial und spirituell engagiert ist und aufgrund der inneren und äusseren Stärke, die sie als Person unaufdringlich ausstrahlt, prädestiniert, um das «kleine Abenteuer» Fasten zu vermitteln. «Ich selbst hatte schon als Kind und Teenager den Wunsch nach Spiritualität und habe von mir aus beispielsweise mit 17 das erste Mal aus genau diesem Grund gefastet. Was meine Eltern wenig begeisterte, sie dachten nämlich, ich würde eine radikale Diät machen, und sorgten sich», erinnert sich die Pfarrerin im Gespräch im Lassalle-Haus. «Dabei ging es ja nicht «nur» darum, einfach nichts zu essen. Ich nehme beispielsweise während des Fastens klarer wahr, was mich sonst nährt», so die Pfarrerin.

Drei zentrale Dimensionen

Ihr fällt auf, dass viele Menschen schlicht genug von der konstanten Reizüberflutung haben. Und weil alles so bunt, laut und schnell ist, bleibt oft kaum mehr Zeit für eine innere Auseinandersetzung mit dem eigenen Ich. Sie selbst fastet mindestens zwei Mal im Jahr, viele tausend Fastenwillige hat sie schon erfolgreich durch die Fastenwoche(n) begleitet. Fastende seien sensibler für das Fehlende in der Welt, den eigenen Einfluss auf diesen Planeten und was mit diesem geschehe, erklärt Noa Zenger und nimmt einen Schluck Leitungswasser. Dann überlegt sie einen Moment und ergänzt: «Diese drei Dimensionen, die gesundheitliche, die spirituelle und die soziale, sind denn auch bei unseren Fastenwochen im Lassalle-Haus zentral.»

Beim Fasten intensiviert sich – so konnte Noa Zenger bei praktisch allen Teilnehmenden der bisherigen Fastenwochen feststellen – die Verbundenheit mit der Natur, aber auch mit sich selbst. «Die Freude am Leben und die Bereitschaft, nachhaltig und gerecht zu handeln, wächst.» Was auch bedingt, dass die fastende Person sich auf die neue körperliche Erfahrung einlässt.

Das Wort kann Nahrung sein

Während des Fastens finden verschiedene Stoffwechselanpassungen statt. «In den letzten Jahren hat man sich intensiver auf wissenschaftlicher Ebene mit den positiven Begleiterscheinungen des Fastens auseinandergesetzt», erklärt Noa Zenger. «Es ist also effektiv so, dass man nicht nur dem Geist Gutes tut, sondern auch dem Körper.» Die Autophagie beispielsweise setzt sehr bald ein – diese spielt bei verschiedenen Zellfunktionen eine Rolle. Dadurch können nicht benötigte Proteine abgebaut und die Aminosäuren für die Synthese von überlebenswichtigen Proteinen wiederverwertet werden. Diese Prozesse waren vor hundert Jahren– als eine der ersten grossen Gesundheitsbewegungen und damit verbunden auch das «Heilfasten» startete – noch nicht im Detail bekannt. Aber alle, die damals fasteten, spürten die positiven Auswirkungen auf Körper und Geist. Entsprechend wird auch im Lassalle- Haus während der Fastenwoche(n) darauf geachtet, dass nicht nur der Körper entgiftet wird, sondern auch der Geist. Dieser wird zudem durch verschiedene Impulse gestärkt: Ein wichtiger Faktor dabei ist beispielsweise die Stille.

«Pflege der Stille – Kurs im Schweigen mit Zeiten des Austauschs» klingt im Programmheft vielleicht etwas altbacken, unter Noa Zenger und mit den entsprechenden Anregungen wird es aber sicher eine spannende Herausforderung. Denn wann hat man sich das letzte Mal überhaupt aktiv um «Stille» bemüht, damit der eigene Geist frei wird? Hatte man das überhaupt jemals? Unter Noa Zenger – das kann hier an dieser Stelle schon verraten werden – wird auch «Stille» abenteuerlich werden. Der Geist wird es danken und der Körper ebenso.

HINWEIS
Lassalle-Frühlingsfasten in Bad Schönbrunn, Edlibach ZG, 15. bis 19. März. www.lassalle-haus.org