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Kommentar

Viel unnötiges Geschrei im Ratssaal um eine Politikerin und ihr schlafendes Baby

Eine kleine, absurde Geschichte über die Vereinbarkeit von Karriere und Kind in modernen Zeiten - und von Politikern, die gerne unter sich wären.
Katja Fischer De Santi
In Australien hat die Senatorin Larissa Waters mit dem Stillen ihres Neugeborenen im Parlament Geschichte geschrieben. In Basel wurde eine Politikerin mit ihrem Baby des Ratssaals verweisen.

In Australien hat die Senatorin Larissa Waters mit dem Stillen ihres Neugeborenen im Parlament Geschichte geschrieben. In Basel wurde eine Politikerin mit ihrem Baby des Ratssaals verweisen.

Eine Basler Grossrätin nimmt am Mittwoch ihren zwei Monate alten Sohn in den Ratssaal. Weil dort gerade eine Abstimmung läuft, an der sie als gewählte Volksvertreterin teilnehmen will. Das Kind macht keinen Lärm, das Kind stört weder Mutter noch die anderen Politiker und Politikerinnen bei der Ausübung ihrer Arbeit. Trotzdem wird Lea Steinle aus dem Saal verwiesen. Weil man hier unter sich sein wolle, wie Grossratspräsident Remo Gallacchi sagt, übrigens ein Vertreter der selbsternannten Familienpartei CVP.

Später wird er seinen Entscheid zurücknehmen. Jedoch darauf bestehen, dass das Ratsbüro die rechtliche Grundlage für den Zutritt von Babys in den Grossratssaal abklärt. Schliesslich könnte das Kleinkind ja mithören. So weit so absurd. Doch diese Episode hat sich schon viele Mal abgespielt, in Deutschland, Australien, in Zürich und im Aargau. Immer dort, wo sich Politikerinnen erdreisten, ihren Nachwuchs im Babyalter (meist nach dem Stillen, meist ausnahmsweise) in den Politbetrieb einzuschleusen, herrscht danach eine grosse Aufregung.

Wehe Mütter verlassen ihre Komfortzonen

Doch warum? Warum erregt eine Mutter, die auch als Mutter auftritt, dies aber ausserhalb der dafür vorgesehenen Zonen, also zu Hause oder auf dem Spielplatz, tut, derart die Gemüter?

Weil sich an diesen Müttern die Familienbilder scheiden. Diese Frauen versuchen, die von der Politik und Wirtschaft viel geforderte und geförderte Vereinbarkeit zu leben. Und scheitern erst mal. Weil da dieses hungrige Kind ist, das, wie es sich für eine gute Schweizer Mutter gehört, mindestens ein halbes Jahr gestillt werden will. Und da ist der politische Auftrag, der Anspruch, Präsenz zu zeigen, den männlichen Kollegen in nichts nachzustehen.

Lea Steinle hat versucht, alles unter einen Hut zu kriegen – und wird des Saals verwiesen.

Von einem Mann, der sich am Bild dieser Mütter, in diesem Saal stört. Und damit das traditionelle Familienbild propagiert. Das besagt, dass sich Frauen entscheiden müssen: zwischen Kind und Karriere. Weil beides eben doch nicht geht. Als die SVP-Nationalrätin Jasmin Hutter 2009 ihr erstes Kind bekam, gab sie all ihre Mandate ab. «Für mich ist klar: eine Mutter sollte sich primär um ihre Kinder kümmern», liess sie sich überall zitieren. Und bekam dafür viel Applaus.

Eine stillende Mutter wird zum Exempel

Hutters Meinung, dass Frauen das Muttersein Befriedigung genug sein sollte und sie sonst besser auf Kinder verzichteten, ist bis weit in bürgerliche Kreise stillschweigender Konsens – für die Männer gilt diese Verzichtserklärung natürlich nicht. Eine Politikern mit Baby, eine stillende Mutter im Restaurant wird da schnell zum Sinnbild, zum Exempel, an dem sich zeigt, dass die Vereinbarkeit ein Mythos ist.

Nun ist es gewiss kein Ziel, aus einem Ratssaal einen Kinderspielplatz zu machen. Aber in Ausnahmesituationen und Notfällen sollte es einer Mutter möglich sein, ein Baby – zumal es nicht stört – mit in den Plenarsaal zu nehmen. Und weder der Ratspräsident noch irgendwer anders sollte im Jahr 2018 daraus ein Theater machen.

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