Interview

Sexstudie: «Viele probieren mal aus Neugier»

Das Bild einer Gesellschaft, die zu grossen Teilen ausschweifenden Sex praktiziert, stimmt nicht. Die grosse Mehrheit der Schweizerinnen und Schweizer verhalte sich gesund, sagt die Sexualmedizinerin und Studienautorin Brigitte Leeners.

Bruno Knellwolf
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Die Studie zeigt, dass die grosse Mehrheit der Befragten sich sexuell gesund verhält. (Bild: Katarzyna Bialasiewicz/Getty)

Die Studie zeigt, dass die grosse Mehrheit der Befragten sich sexuell gesund verhält. (Bild: Katarzyna Bialasiewicz/Getty)

Brigitte Leeners, wie ehrlich sind Befragte, wenn es in einer Umfrage um Sex geht?

Unser Vorteil war, dass wir die Studie mit einem Onlinefragebogen durchgeführt haben. Dies ergibt bei sensiblen Themen wie Sexualität realistischere Antworten als ein persönliches Gespräch. Wir haben die Auswahl der Befragten mit Daten vom Bundesamt für Statistik erstellt und so rund 7000 Studienteilnehmer und -teilnehmerinnen erhalten, die einen guten Querschnitt der Schweiz abbilden.

Warum wurden für die Studie ­Menschen im Alter zwischen 24 und 26 Jahren ausgewählt?

Aus Vorstudien war schon bekannt, dass die sexuellen Aktivitäten mit 17 losgehen. Wir wollten eine gute Mischung zwischen Menschen, die zum einen eine gewisse sexuelle Erfahrung haben, auf die sie zurückblicken können. Zum anderen wollten wir auch, dass sich die Befragten gut an ihre sexuellen Aktivitäten erinnern können.

Was versteht man denn unter erstem sexuellen Kontakt?

Die meisten verstehen darunter Geschlechtsverkehr oder einen Kontakt, der zu einem Orgasmus geführt hat.

Immer noch ein Tabuthema ist Analsex. Gemäss der Studie wird solcher von der Hälfte der Befragten praktiziert.

Das ist eine Zahl, die uns in der Höhe auch überrascht hat. Ich habe früher schon verschiedene andere Studien gemacht, in denen dieser Anteil nie so hoch war. Da muss man bedenken: Wir haben nach «Jemals versucht» gefragt. Wenn man sich die Häufigkeiten ansieht, wird klar, dass viele Analsex aus Neugier getestet haben. Eine Vielzahl der Frauen sagte nach dem Ausprobieren, dass sie das nicht so prickelnd fanden. Bei den Männern ist das besser angekommen.

Hat Sex ausserhalb der Missionarsstellung durch die im Internet leicht erhältliche Pornografie an Häufigkeit gewonnen?

Es wird heute viel offener kommuniziert, was für sexuelle Möglichkeiten man hat. Da kann ich mir schon vorstellen, dass Leute, die vorher nicht auf solche Ideen gekommen wären, inspiriert werden. Man weiss aber, dass Jugendliche sehr gut abgrenzen können, was realer Sex ist und was Porno. Dass Pornografie ein verzerrtes Bild wiedergibt.

Wurde auch nach dem Pornokonsum im Internet gefragt?

Wir wissen, dass 96 Prozent der Männer und 63 Prozent der Frauen Pornos angeschaut haben. Nach der Regelmässigkeit des Konsums haben wir nicht gefragt, weil es dazu genug Studien gibt.

Wie hat denn das Internet die Sexualität verändert?

Auf der einen Seite bietet das Internet neue Möglichkeiten, einen Partner kennen zu lernen. Und zwar sowohl als Beziehungs- wie auch Sexualpartner. Erstaunt hat uns aber, dass die Daten zum Sexting so hoch waren. 75 Prozent der Frauen und Männer haben bereits Nachrichten mit sexuellen Inhalten, Fotos und Videos, verschickt. Und 80 Prozent solche erhalten. Erschreckend dabei ist, dass 22 Prozent diese Sexnachrichten ohne Einverständnis des Senders weitergeschickt haben.

Die Zahl an sexuellem Missbrauch ist gemäss der Studie hoch.

Wir haben dazu zwei Zahlen in der Studie, die nicht verwechselt werden dürfen. Zum einen die 16 Prozent von Frauen, die sexuelle Gewalt erlebt haben. Dann gibt es aber die 53 Prozent, wo Frauen in Beziehungen sexuelle Aktivität ausüben, obwohl sie nicht das Bedürfnis danach haben. Sie haben Sex, um die Stimmung in der Beziehung zu verbessern oder nicht zu verschlechtern. Da geht es nicht um Sex gegen den eigenen Willen, wie online reisserisch gemeldet wurde. Es geht eher um die Ansicht, dass es beiden besser geht, wenn die sexuelle Frequenz nicht zu niedrig ist.

Mit 93 Prozent nutzen viele beim ersten Geschlechtsverkehr ein Kondom. Trotzdem hatten zehn Prozent eine Geschlechtskrankheit. Nimmt die Sorglosigkeit jeweils zu?

Wenn das Paar in einer monogamen Beziehung steht, ist es ja durchaus in Ordnung, wenn es nach einer Weile auf Kondome verzichtet. Wenn es Gelegenheitspartner sind, ist das keine schlaue Idee. Die Zahlen mit den Infektionen zeigen, dass ein Problem besteht, und dass sich aller Aufklärungskampagnen zum Trotz relativ viele eine Chlamydien-Infektion holen. Angesteckte bemerken das nicht unbedingt. Aber die Infektion ist für die Fruchtbarkeit fatal, weil dabei unter Umständen die Eileiter verkleben.

In Gratisblättern und online wird viel über wilde Sexpraktiken berichtet. Die Studie zeigt, dass das Verhalten doch recht brav ist.

Diese Meinung teile ich. Aus den Sexualtherapien, die ich begleite, sehe ich, dass einzelne sexuell mal punktuell etwas Gewagteres ausprobieren. Der Grossteil der Leute ist mit dem normalen Spek­trum aber sehr zufrieden. Das zeigt sich in der Studie auch. Wir hatten zum Beispiel in der Studie erwartet, dass viel mehr Männer Viagra nutzen. Das hat sich nicht bestätigt. Es gibt Leute, die machen so was, aber die grosse Mehrheit verhält sich sexuell sehr gesund.

War die Generation vor dem HIV-Schock in den 90ern sexuell wilder?

Das glaube ich nicht. Es gibt immer bestimmte Gruppen, die sich sexuell besonders wild verhalten. Die gab’s früher, die gibt’s heute. Aids war ein Dämpfer, bis man diese Krankheit verstanden hat. Der Umgang mit Schutz ist heute ein ­anderer. Aber dass eine Generation sich über Massen wilder verhält, habe ich über die zwanzig Jahre, die ich Sexualtherapien mache, nicht beobachtet.

Brigitte Leeners ist Leitende Ärztin der Klinik für Reproduktions-Endokrinologie am Universitätsspital Zürich.

Sex übers Internet

Die Sexualität junger Menschen in der Schweiz ist im Allgemeinen gesund. Das hat eine Studie des Instituts für Sozial- und Präventivmedizin (IUMSP) des Universitätsspitals Lausanne in Zusammenarbeit mit dem Universitätsspital Zürich ergeben. Online wurden 7142 junge Menschen im Alter zwischen 24 und 26 Jahren nach ihrem sexuellen Verhalten im zweiten Halbjahr 2017 befragt. Gemäss den Forschern befanden sich zum Zeitpunkt der Befragung drei Viertel der Studienteilnehmer in einer stabilen Beziehung, die sie durschnittlich im Alter von 22 Jahren begonnen haben. 95 Prozent der Befragten hatten in ihrem Leben bereits mindestens einen Sexualpartner, 86 Prozent hatten ausschliesslich sexuelle Kontakte zum jeweils anderen Geschlecht. Das Durchschnittsalter des ersten sexuellen Kontakts lag bei knapp 17 Jahren. Fast alle Befragten haben bereits Oralverkehr (96%) und vaginale Penetration (95%) praktiziert. 49 Prozent der Männer und Frauen gaben an, Analsex gehabt zu haben. Nur eine sehr kleine Minderheit gab an, Gruppensex zu praktizieren oder Medikamente zu nehmen, um die sexuelle Leistungsfähigkeit zu steigern.

Neue Möglichkeiten bietet das Internet: Gut genutzt werden von den Befragten nämlich Datingplattformen. 48 Prozent der Männer und 43 Prozent der Frauen trafen sich mit einer Onlinebekanntschaft. Mehr als ein Drittel hatte bereits Onlinekontakte mit erotischem Inhalt. Vor allem der hohe Anteil an Sexting, dem Verbreiten sexueller Inhalte übers Netz, überraschte die Forscher (siehe Interview). Vorbildlich sind die Schutzmassnahmen, die junge Menschen vor dem ersten Geschlechtsverkehr treffen. Nur sieben Prozent hatten ihren ersten Sex ohne Kondom. Wurden die Befragten nach ihrem letztmaligen Geschlechtsverkehr befragt, gab die Hälfte an, ein Kondom benutzt zu haben. Da die meisten der Befragten innerhalb einer stabilen Beziehung leben, ist das nicht verwunderlich. 45 Prozent der Frauen nutzen die Pille zur Verhütung. Die «Pille danach» haben die Hälfte aller Frauen schon einmal genommen. Zehn Prozent der Befragten haben sich mit einer sexuell übertragbaren Infektion angesteckt. Frauen gaben häufiger als Männer an, Sex erlebt zu haben, ohne diesen wirklich gewünscht zu haben. 16 Prozent der Frauen und 2,8 Prozent der Männer meldeten einen sexuellen Missbrauch. Ganz wenige, etwa drei Prozent, tauschen Sex gegen Geschenke.

Gemäss den Forschern befanden sich zum Zeitpunkt der Befragung drei Viertel der Studienteilnehmer in einer stabilen Beziehung, die sie durschnittlich im Alter von 22 Jahren begonnen haben. 95 Prozent der Befragten hatten in ihrem Leben bereits mindestens einen Sexualpartner, 86 Prozent hatten ausschliesslich sexuelle Kontakte zum jeweils anderen Geschlecht. Das Durchschnittsalter des ersten sexuellen Kontakts lag bei knapp 17 Jahren. Fast alle Befragten haben bereits Oralverkehr (96%) und vaginale Penetration (95%) praktiziert. 49 Prozent der Männer und Frauen gaben an, Analsex gehabt zu haben. Nur eine sehr kleine Minderheit gab an, Gruppensex zu praktizieren oder Medikamente zu nehmen, um die sexuelle Leistungsfähigkeit zu steigern. Neue Möglichkeiten bietet das Internet: Gut genutzt werden von den Befragten nämlich Datingplattformen. 48 Prozent der Männer und 43 Prozent der Frauen trafen sich mit einer Onlinebekanntschaft. Mehr als ein Drittel hatte bereits Onlinekontakte mit erotischem Inhalt. Vor allem der hohe Anteil an Sexting, dem Verbreiten sexueller Inhalte übers Netz, überraschte die Forscher (siehe Interview). Vorbildlich sind die Schutzmassnahmen, die junge Menschen vor dem ersten Geschlechtsverkehr treffen. Nur sieben Prozent hatten ihren ersten Sex ohne Kondom. Wurden die Befragten nach ihrem letztmaligen Geschlechtsverkehr befragt, gab die Hälfte an, ein Kondom benutzt zu haben. Da die meisten der Befragten innerhalb einer stabilen Beziehung leben, ist das nicht verwunderlich. 45 Prozent der Frauen nutzen die Pille zur Verhütung. Die «Pille danach» haben die Hälfte aller Frauen schon einmal genommen. Zehn Prozent der Befragten haben sich mit einer sexuell übertragbaren Infektion angesteckt. Frauen gaben häufiger als Männer an, Sex erlebt zu haben, ohne diesen wirklich gewünscht zu haben. 16 Prozent der Frauen und 2,8 Prozent der Männer meldeten einen sexuellen Missbrauch. Ganz wenige, etwa drei Prozent, tauschen Sex gegen Geschenke. (kn)