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Pedro Lenz: «Vielleicht sind wir zu wenig verrückt»

Mundartdichter Pedro Lenz über die Schweizer Nati und unsere Mentalität auch neben dem Fussballplatz, über seine Umwege zum Schriftsteller, über alte Helden und verbale Prügel, die nicht spurlos an ihm vorbeigehen.
Klaus Zaugg und Bruno Wüthrich

Pedro Lenz, Sie haben das Buch «Der Goalie bin ig» geschrieben. Wissen Sie als Fussball-Poet, warum wir gegen Schweden gescheitert sind?

Der Goalie war jedenfalls nicht schuld. Es hat wenig gefehlt. Es ist halt so, wie Ernst Happel einmal gesagt hat: Wir hätten gewonnen, das Problem war, dass noch elf andere auf dem Platz standen, die auch gewinnen wollten. Vielleicht sind wir zu wenig verrückt und risikofreudig. Ich dachte, wir gewinnen, wenn wir so spielen wie gegen Brasilien. Aber sie kamen nicht recht in die Gänge. Das «Element Wahnsinn» fehlte in unserem Spiel, und die Schweden waren halt nicht so naiv wie die Serben.

Hat Sie dieses Scheitern zu einem neuen Roman inspiriert?

Scheitern ist für die Literatur ja tatsächlich interessanter.

Also ein Roman? Wer wird die zentrale Figur?

Nein, kein Roman zum Thema. Aber wenn ich einen schreiben würde, dann müsste ich die Geschichte wohl rund um Blerim Dzemaili und seine vielen vergebenen Chancen aufbauen.

Der Titel wäre dann gegeben …

Sie meinen «Der Chancentod bin ig»?

Genau. Aber Sie haben also kein Buchprojekt in der «Pipeline»?

Nein, im Moment nicht. Ich habe ja schon vor einiger Zeit erklärt, dass ich 2018 ein Sabbatical einlege. Am 31. Dezember ist unser Sohn Nicanor zur Welt gekommen, und nun will ich ein Jahr lang intensiv mit ihm verbringen.

Nicanor ist bei uns nicht so geläufig. Woher kommt dieser Name?

Es ist der Name des chilenischen Dichters Nicanor Parra. Es ist aber nur einer von drei Namen für unseren Sohn. Er heisst Nicanor Johannes Carl Lenz.

Sie sind eine Art Schweizer Nicanor?

Das wäre schön. Er ist 104 Jahre alt geworden. Er war sozialkritisch, hatte aber auch einen Sinn für Wortspiele.

Wie Sie auch.

Ein wenig ist er schon mein Vorbild.

Wie sind Sie eigentlich zum Schreiben gekommen?

Der Auslöser war mein Schulversagen mit 16, als ich hätte Gas geben sollen, um ins Gymi zu kommen. Also machte ich eine Maurerlehre. Ich bin wohlbehütet aufgewachsen und habe da auf der Baustelle eine neue Welt mit ganz unterschiedlichen Menschen kennen gelernt. Da waren Portugiesen, die gerade aus dem Angola-Krieg zurückgekehrt waren, Jugoslawen – damals gab es Jugoslawien ja noch –, Spanier oder Italiener. Diese Welt hat mich fasziniert. Ich fühlte mich erwachsen, ich hatte dank meines Stiftenlohns Geld, und mein Bruder am Gymi keines. Nach Feierabend ging ich mit den Büezern ein Bier trinken. Um meine Erlebnisse zu verarbeiten, begann ich zu schreiben. Ich las auch viel auf den Baustellen, den «Tagi» oder ein Buch, und manchmal musste ich das Buch verstecken. Es hat geheissen, hier lese man in der Pause den «Blick» oder nichts. Andere haben sich hingegen dafür inter­essiert, was ich lese, und so habe ich früh gelernt, dass es unter den Büezern so viele kluge und weniger kluge Leute gibt wie in anderen Lebensbereichen auch.

Wo haben Sie geschrieben?

Ich schrieb zunächst nur für mich selbst. Dann habe ich die «Gruppe Werkstatt Arbeiterliteratur» in Basel besucht. Da waren fast nur Lehrer, aber es hat mir geholfen. Parallel dazu habe ich ein wenig mit Journalismus gfätterlet. Bei der Berner «Tagwacht» und beim «Bund.»

Was haben Sie geschrieben?

Meistens Kolumnen zum Alltagsleben. Eigentlich hätte ich lieber über Sport geschrieben. Aber ich traute mich nicht. Ich las schon als Fünftklässler Sportberichte. Mein Vorbild war Ruedi Bühler, ein Bekannter meines Vaters. Er hatte für den Begriff Schiedsrichter 15 verschiedene Ausdrücke. Das hat mir imponiert.

Was hat Sie am Sport fasziniert?

Das Schöne beim Sport ist, dass er beim Erzählen immer grösser wird.

Bis daraus ein Mythos wird?

Ja. Wenn ich zurückdenke, wie wir stundenlang über Johann Cruyff geredet haben, obwohl wir ihn ja fast nie spielen sahen. Wenn ich jetzt auf Youtube Filme von ihm sehe, dann stelle ich fest: Ja, er war gut. Aber bei weitem nicht so gut, wie wir ihn machten. Oder Muhammad Ali! Von ihm wussten wir, dass er ständig sagte, er sei der Grösste. Das hat uns imponiert. Uns hat man ja ständig gesagt, man dürfe sich nicht selber rühmen. Die Kämpfe, die meistens in der Nacht am Fernsehen übertragen wurden, durfte ich nicht sehen, doch im Hard-Schulhaus haben die Mitschüler, die aufbleiben und den Kampf sehen konnten, die entscheidenden Szenen nachgestellt. Ich finde es nicht gut, dass wir die alten Helden auf Youtube sehen können. Weil sie auf den alten Bildern gewöhnlich werden.

Welchen Sport verfolgen Sie am intensivsten?

Fussball und Eishockey. Am Eishockey komme ich als Langenthaler, der in ­Olten lebt, nicht vorbei. Ich gehe am liebsten zu einem NLB-Match, da ist das Spiel noch rauer und ursprünglicher. Manchmal fahre ich mit ein paar Kollegen auch mal zum Spiel in die Ajoie.

Sind Sie für Langenthal oder für Olten?

Das ist heikel wie ne Moore. Meine Sympathie gehört Langenthal, aber ich möchte ja meine Oltner Freunde nicht verärgern. Es ist mir aber schon passiert, dass mir an einem Spiel Olten gegen Visp ungewollt ein «Hopp Langenthal» rausgerutscht ist und ich deswegen mit Bier überschüttet worden bin. Aber mein Herz ist halt gelb-blau.

BDP-Nationalrat Hans Grunder, der Ex-Präsident der SCL Tigers, ist Ihr Schwiegervater. Sie müssten also auch Sympathie für Langnau haben.

Ich war immer auch für Langnau. Für uns Langenthaler war es das Grösste, wenn Bern gegen Langnau verlor. Der Kleine gegen den Grossen, das ist das Grösste. Ich werde nie vergessen, wie auch wir Langenthaler den SC Bern mal in der NLB besiegt haben. «Wüeschi» erzielte das Siegestor.

Sie sollten einen Hockeyroman schreiben!

Aber man muss eine Figur finden, um die herum die Geschichte aufgebaut werden kann. Das wäre zu überlegen. Vielleicht in Verbindung mit all den Machenschaften im Dorf um den Club herum. So wie es Gotthelf gemacht hat.

Hans Grunder wäre die perfekte Romanfigur.

Vielleicht hätte er tatsächlich Freude, wenn er sich in einem Roman wiederfindet. Seine Lebensgeschichte ist jedenfalls aussergewöhnlich. Haben Sie beispielsweise gewusst, dass er, als er noch ein Bub war, zur Strafe für irgendetwas keine Chüngel mehr halten durfte? Da hat er heimlich ein Paar im Wald versteckt und dort weiterhin Kaninchen gehalten.

Wenn das kein Einstieg in einen Roman ist! Der heimliche Chüngelzüchter, der später ein erfolgreicher Pferdezüchter wird.

Ja, da haben Sie wohl recht.

Haben Sie die Maurer-Lehre eigentlich fertig gemacht?

Ja, und anschliessend habe ich in Zürich noch drei Jahre auf dem Beruf gearbeitet.

Warum ausgerechnet in Zürich?

Ich folgte dem Rat meines Lehrmeisters. Er sagte, ich müsse den Lehrbetrieb verlassen, sonst bleibe ich ewig der Stift. Da ging ich weit genug, damit Mutter nicht mehr meine Wäsche machen und nachsehen konnte, ob alles aufgeräumt ist.

Und nach diesen drei Jahren haben Sie mit Schreiben begonnen?

Nein, es gab noch eine Zwischenstation. Der katholische Pfarrer in Langenthal fragte mich, ob ich nicht Jugendarbeit machen könnte. Das versuchte ich, merkte jedoch bald, dass Jugendarbeit eigentlich nur machen sollte, wer selbst noch im jugendlichen Alter ist. Ich holte die Matura nach und studierte einige Semester Spanisch und Germanistik.

Sie studierten Germanistik und sind Mundartdichter geworden. Das ist erstaunlich.

Dank eines Stipendiums der Stadt Bern durfte ich ein Austauschjahr in Glasgow verbringen. Dort lernte ich Schriftsteller kennen, welche mich fragten, warum ich denn meine Bücher in Hochdeutsch schreiben wolle. Ich sagte, Mundart könne man nicht verkaufen, es gebe ja höchstens einen Markt von fünf Millionen Menschen. Da lachten sie mich aus und überzeugten mich, dass so ein Markt dieser Grösse völlig ausreichend sei. Und dass ein Dichter in Mundart schreiben solle. Man müsse doch so schreiben, wie die Leute sprechen, die als Figuren in den Geschichten vorkommen.

Wenn Sie mit 16 nicht Maurer gelernt hätten – wäre dann auch ein Dichter aus Ihnen geworden?

Wahrscheinlich nicht. Ich brauchte diesen Umweg, um auf eine andere Art die Welt zu sehen und zu erleben. Ich hätte beruflich wohl einen geraden Weg genommen wie mein Bruder.

Wie sieht dieser gerade Weg aus?

Er ist bei der Nationalbank Chef der ­Abteilung Volkswirtschaft.

Was sagt Ihr Bruder über Sie?

Er sagt, ich sei ein Liiribänz» (Anm. für Nicht-Berner: Ein Liiribänz ist einer, der oft unnützes Zeug daherredet). Wenn ich in einer Alltagsangelegenheit noch werweisse, beispielsweise bei einem Autokauf, dann sagt er, ich solle nicht liire, ich solle es einfach so oder so machen. Er ist halt mehr der Macher.

Doch nochmals die Frage: Was wäre also aus Ihnen geworden, wenn Sie nicht Maurer gelernt hätten?

Das ist eine gute Frage. Ich habe fast das Gefühl, dass aus mir nichts Rechtes geworden wäre. Ich war zwar gerne Maurer. Aber ich hätte kaum Karriere gemacht. Ich hätte Angst, wenn ich die Verantwortung für 20 Leute übernehmen oder gar ein eigenes Geschäft führen müsste. Ich bin einfach froh, dass es mit der Schriftstellerei geklappt hat, ich wäre sonst wahrscheinlich heute Gruppentherapeut in Kirchlindach.

Sind Sie nun ein Büezer oder ein Intellektueller?

Weder noch. Ich war immer ein wenig zwischen den Welten. Mein Vater ist Ostschweizer und meine Mutter Spanierin. Ich bin eigentlich nie ein richtiger Langenthaler geworden. Dieses Sein zwischen den Welten hatte ich schon immer ein wenig in mir. Das Dasein als Büezer hat mich das gelehrt, was mir mein Vater schon immer gesagt hat: Man soll alle Leute wertschätzen und nicht arrogant sein. Wenn ich daheim stolz erzählte, ich sei in der Schule im Kopfrechnen der Beste gewesen, sagte mein Vater: Das musst du nicht erzählen, die anderen sind dafür in anderen Dingen gut. Man soll Vorurteile weglegen und falschen Respekt ablegen. Es ist gut, wenn einer Dr. Dr. ist. Aber ich weiss trotzdem nicht, ob er deshalb klug ist. Auch der Sport ist in dieser Hinsicht eine Lebensschule. Ich habe in Langenthal Spieler für ihr geniales Spiel und ihre Spielintelligenz bewundert. Aber in der Schule waren sie Nullen. Es gibt eben verschiedene Arten von Begabungen und Intelligenz.

Sie äussern sich auch politisch.

Deswegen kassiere ich oft verbale Prügel. Ich bin zurückhaltender geworden.

Wie sehen böse Reaktionen aus?

Es gibt böse Mails. Ich habe mich beispielsweise im Radio über die Doppeladler-Geste von Granit Xhaka und Xherdan Shaqiri geäussert und geschrieben: Der Schweizer Nati wachsen Flügel. Da haben mir Leute geschrieben, ich sei ein Vaterlandsverräter. Oder zur Diskussion um die Nationalhymne. Ich sagte, die Spieler sollen nicht singen, sondern schutte. Der Andy Egli und der Heinz Hermann hätten seinerzeit ja auch nie gesungen. Ich erzählte, wie TV-Reporter Jan Hiermeyer vor einem Länderspiel im Wankdorf ankündigte, jetzt komme die Hymne, vorgetragen von der Musikgesellschaft Ostermundigen. Niemand hat gesungen, alle haben andächtig gelauscht. Doch diese Tatsachen wollen gewisse Leute heute nicht hören. Dies bekam ich zu spüren. Jemand hat mir gemailt, ich solle doch d’Schnurre halten. Oder ich wurde als Sauhund bezeichnet, der die Haare waschen sollte.

Stecken Sie solche Reaktionen weg?

Es bleibt schon etwas hängen. Wenn es unter die Gürtellinie geht, gnage ich ein paar Tage dran. Ich gehe dann in mich, und frage mich: Habe ich provoziert? Wir haben eine hohe Streitkultur. Aber ein wenig sind wir halt das Land der Schulmeister. Das Belehren der anderen liegt uns im Blut. Dabei sind doch Fehler ein Teil des Lernprozesses. Aber mit unserer Angst vor Fehlern und unserem Perfektionismus stehen wir uns manchmal selber im Weg. Aber mir gefällt auch sehr viel an unserer Art. Etwa wie wir Sorge tragen und uns im Zug schon für zwei Minuten Verspätung entschuldigen.

Was macht die Figuren in Ihren Romanen aus?

Sie labern und labern. Was haben wir doch einst ganze Abende lang gliiret und gschnorret. Das war wie heute ein Chat, aber ohne Smartphone. Und wie wunderbar konnte man etwas behaupten und dann stundenlang darüber debattieren. Heute kann man ja gar nichts mehr behaupten. Gleich googelt einer auf dem Smartphone. Die Freude an der Sprache ist etwas verloren gegangen. Man kann mit Power-Points und Video und all den modernen Kommunikationsmitteln viel machen. Aber eigentlich sollte die Sprache genügen. Die Sprache enthält alles.

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