Vom Fieber zurechtgerückt

Eine Grippe haut einen um - und regt zum Nachdenken an.

Claudia Lässer
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Claudia Lässer, Programmleiterin Teleclub.

Claudia Lässer, Programmleiterin Teleclub.

So eine richtige Grippe ist kein Spass. Vor allem weil man zuerst dem ganzen Umfeld erklären muss, dass eine Grippe nicht einfach eine Erkältung oder ein grippaler Infekt ist. Das heisst, man kämpft gegen ein Virus, und das dauert locker ein bis zwei Wochen. Da kann man gurgeln und zwiebelsöckeln, wie man will. Die Grippe haut einen einfach um. Wenn’s einem eh schon nicht gutgeht, kann man auch im Spital landen. Ist mir passiert. Die Grippe regt zum Nachdenken an. Und während man den ganzen Tag von vier Wänden ausgehorcht wird, werden einige Dinge zurechtgerückt.

«Das geht mir alles viel zu schnell»

Meistens sind das Dinge, über die man als Gesunder später wieder lächelt, als erinnere man sich an den Flirt mit der Leichtigkeit des Lebens in den vergangenen Sommerferien, als man es für die eine Minute zwischen Dessert und Espresso geschafft hat, die Programmleitung im Kopf mit ihren Dutzenden von Programmen zu ignorieren. Dann war da nämlich nichts mehr, ausser dem Moment. Und in solchen Momenten schafft man es, sich als Teil des Ganzen zu fühlen, als Sandkorn vor dem immensen Meer, als Mensch gewordenes Zuhause für meine Tochter, die mich mit einer Liebe liebt, die so rein, einfach und tief ist, dass sie erst später weiss, wie rein, einfach und tief diese Liebe ist. Und es kommt der erste Tag, an dem man aufsteht, ohne dass sich alles um einen herumdreht. Es vergehen Stunden ohne Hustenanfall, was man auch erst merkt, wenn man wieder einen kleinen hat. Man läuft wieder einigermassen gerade und denkt beim TV-Schauen nicht schon beim Walhai-Dok «das geht mir alles viel zu schnell».

Man traut sich wieder an schnellere Programme, macht einen kleinen Spaziergang, gewöhnt sich an Licht und Leute, fragt sich aber immer noch ein bisschen, was die denn die ganze Zeit zu bereden haben. Tut gut, die frische Luft. Zu Hause bin ich doch ein bisschen müde. Ich hole mir einen Apfel. Meine Bewegungen sind langsam, ich bin noch nicht gesund, ich lasse mir Zeit. Ich schneide den Apfel in Schnitze. Ich esse Schnitz um Schnitz und tue nichts anderes, als den Apfel Schnitz um Schnitz zu essen. Meine Gedanken ziehen dahin, und in acht Schnitzen umrunde ich meine Welt, bis ein Gedanke auf die Arbeit fällt.

Ich nehme das Handy mal wieder zur Hand, nur schnell, schauen, was so läuft. Na gut, hier gebe ich kurz Antwort.

Ich geb’s zu, ich freue mich immer auf die Arbeit, wenn ich mal krank bin. Aber ich bin nie so dankbar für die Gesundheit, wie wenn ich krank bin. Ich hab’ schon ein paarmal versucht, bewusst dankbar zu sein, wenn ich so gesund am Feierabend in die Wiese schaue. Es geht schon, aber irgendwie auch nicht. Vielleicht geht es um den Apfel, den ich, wenn ich gesund bin, nicht in Schnitze schneide und dann nichts anderes tue, als den Apfel zu essen. Wenn ich gesund bin, beisse ich rein, lege ihn neben das Laptop und halte in der anderen Hand das Handy. Hinter mir kocht die Suppe, und mein Blick streift über den Abholschein von der Post. Dabei gibt es genau diesen Apfel genau einmal auf dieser Welt. So wie dich und mich und diesen Moment.