Von den Feuersteins zu den Jetsons

Editorial

Jil Lüscher, Luzernjil.luescher@lzmedien.chjil Lüscher, Luzernjil.luescher@lzmedien.ch
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Jil Lüscher. (Bild: Nadia Schärli (Luzern, 20. Mai 2016))

Jil Lüscher. (Bild: Nadia Schärli (Luzern, 20. Mai 2016))

Plug-in-Hybrid, Doppelkupplungs­getriebe, Sports Utility Vehicle (SUV), Kompaktklasse ... – in der Autobranche gängige und omnipräsente Begriffe. Sie stehen für bestimmte Technologien, Autokategorien oder Klassenzugehörigkeit. Sie ordnen zu, definieren, zeichnen aus. Das Auto hat sich seit der ersten Austragung des Automobil­salons von Genf im Jahr 1905 bis zu seiner 87. Austragung (9. bis 19. März) von der einfachst motorisierten Kutsche zu einem hochspezifizierten Produkt entwickelt, das nicht nur höchste Ingenieurs- und Designerkunst kombiniert, sondern auch für Lifestyle, Status und Emotionen steht.

Neu hinzu gekommen sind in den vergangenen zwei Dekaden die Bits und Bytes. Die Digitalisierung des Autos hat erst begonnen, aber sie dominiert Forschung und Entwicklung in einer zuvor nicht gekannten Intensität. Seit Rechner Einzug unter dem Blech gehalten haben, schreitet die Evolution des Autos in einem atemberaubenden Tempo vorwärts. Waren es vorvorgestern noch Fenster, die per Knopfdruck statt kurbeln geöffnet und geschlossen werden konnten, oder gestern Zündschlüssel mit Fernbedienmechanismus, die für Staunen gesorgt haben, sind es heute vor allem Sicherheitskomponenten und Fahrassistenzsysteme, welche die pilotierende Person mehr und mehr in die Statistenrolle drängen.

Die Frage lautet längst nicht mehr, wird es in absehbarer Zeit Autos geben, die autonom fahren können, sondern: Wann werden diese Autos über unsere Strassen rollen, beziehungsweise wann werden sie zugelassen sein. Vom technischen Standpunkt aus gesehen sind die Hersteller mehr oder weniger bereit, ihre Autos «selber fahren zu lassen». Der Fortschritt bei Marken wie Audi, Volvo, Mercedes Benz oder Tesla ist so weit, dass François Launaz, Präsident der Vereinigung Schweizer Automobilimporteure, anlässlich der Pressekonferenz zum Auto Salon Genf bereits von Autos mit Flugfähigkeiten sinnierte. Erinnerungen an die Comicserie «The Jetsons», der Gegenpol zur «Familie Feuerstein», popen ob dieser visionären Worte vor dem geistigen Auge auf.

Bevor es so weit ist, bleibt eine grosse Frage zu klären, nämlich die der Haftung bei Unfällen, verursacht durch autonom fahrende Autos. Sie wird Behörden, Politik und Versicherer noch intensiv beschäftigen. Auch davon hat François Launaz an der Pressekonferenz gesprochen, wohl wissend, dass dies unter dem Aspekt der internationalen Harmonisierung des entsprechenden Rechts ein harter Brocken werden wird.

Ein weiteres Spannungsfeld, besser gesagt spannendes Feld, in dem die Autoindustrie agil sein muss, betrifft die Antriebstechnologie. Auch in diesem Bereich ist nichts mehr wie es einmal war. Die einzige Konstante scheint die Gewissheit zu sein, dass das Zeitalter der Verbrennungs­motoren dem Untergang geweiht ist. Die Zukunft wird elektrisch sein. Aggregate, die mit Strom gespiesen werden, dürften sich früher oder später durchsetzen. «Nicht ein­verstanden», interveniert François Launaz bei dieser spekulativen Behauptung und verweist auf den Faktor Umweltverträglichkeit: Elektroautos mögen wohl mit zero Emission, also ohne Schadstoffausstoss unterwegs sein, aber Herstellung und Entsorgung von Batterien seien extrem umwelt­belastend, so sein sicher nicht un­berechtigter Einwand.

Wohin also geht die Reise? Vorerst am besten nach Genf: Der Auto-Salon, der neu Geneva International Motorshow heisst (www.gims.swiss), ist eine faszinierende, aufschlussreiche, weil umfassende und visionäre Leistungsschau der Autoindustrie. Jedes Jahr aufs Neue.