75 Jahre Atombombenabwurf über Hiroshima: Warum Japan noch immer an der Atomkraft festhält

Der Abwurf der ersten Atombombe über Hiroshima brachte unfassbares Elend über Japan. Auch der Schock, technologisch besiegt worden zu sein hallt bis heute nach.

Felix Lill und Chika Tsuida
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Am Morgen des grossen Knalls war Sumako Hamada gerade im Garten und wusch die Kleider ihrer Eltern. Das Wetter war klar, die Hitze, die der Tag bringen würde, schon früh zu erahnen. Um Viertel nach acht blickte sie in die Ferne, das sollte sich die 18-Jährige für immer merken. Denn um genau diese Uhrzeit passierte etwas, das nicht von dieser Welt schien. «Plötzlich leuchtete der Himmel unglaublich hell», erinnert sie sich. 80 Kilometer nördlich war eine Stadt augenblicklich in Schutt und Asche verwandelt worden.

Sumako Hamada (93), Augenzeugin aus Hiroshima

Sumako Hamada (93), Augenzeugin aus Hiroshima

Um 8.15 Uhr des 6. August 1945 war aus dem amerikanischen Bomber «Enola Gay» eine mit Uran 235 befüllte Bombe über Hiroshima abgeworfen worden. 43 Sekunden später explodierte sie. Mit einer Geschwindigkeit von 440 Metern pro Sekunde breitete sich ein riesiger Feuerball aus, die Temperatur stieg auf fast 4000 Grad Celsius. Drei Minuten später ragte eine pilzförmige Wolke in den bis dahin sonnigen Himmel. Dann fiel schwarzer radioaktiver Regen. 70000 Menschen starben in Sekunden, sie verbrannten, verdampften, sodass nichts mehr von ihnen übrig blieb. An den Tagen danach folgten mehr als 100000 Tote. Es war die erste militärisch eingesetzte Atombombe der Geschichte. Drei Tage später folgte ein zweiter Abwurf über Nagasaki.

Die technische Niederlage musste unbedingt überwunden werden

Bis zum letzten Mann würde Japan kämpfen, so hatten es die Generäle und Journalisten im Land immer wieder behauptet. Damit eine Kapitulation mitsamt überlebender Bevölkerung, wie sie der Kaiser eineinhalb Wochen später verkündete, nicht zu sehr wie ein Widerspruch wirkte, fand man ein Narrativ für die Niederlage: Japan sei nicht an sich selbst gescheitert, sondern an der Technologie.

6. August, 8.15 Uhr: Die Bombe detoniert in Hiroshima, das US-Militär hält den Moment fest.
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Drei Minuten nach der Explosion bildet sich über der Stadt ein riesiger Atompilz.
Am 6. August 1945, um 8.15 Uhr, wurde die Bombe über Hiroshima abgeworfen.
Mit einer Geschwindigkeit von 440 Metern pro Sekunde breitete sich ein riesiger Feuerball aus.
70'000 Menschen starben beim Bombenangriff innert Kürze, in den Tagen darauf kamen weitere 100'000 Todesopfer hinzu.
Nach der Detonation der Bombe stieg die Temperatur phasenweise auf über 4000 Grad Celsius an.
Die Bombe in Hiroshima war die erste militärisch eingesetzte Atombombe der Geschichte.
«Enola Gay» warf die Bombe über Hiroshima ab.
Überlebende trauern und werden verarztet.
In den Ruinen von Hiroshima.

6. August, 8.15 Uhr: Die Bombe detoniert in Hiroshima, das US-Militär hält den Moment fest.

Keystone

Das hatte durchaus seine Logik. Auch Japan hatte während des Krieges versucht, eine Atombombe zu bauen. Nur verlief das Projekt nicht wie geplant. Es mangelte unter anderem am Rohstoff Uran.

Die Japaner hatten den Bau einer Atombombe für unrealistisch gehalten

Robert Jacobs, ein wohlgenährter Herr in kurzärmligem Hemd, ist Historiker an der City Universität Hiroshima. Er forscht zum Trauma, das die Explosion dieser Bombe bedeutete, die man für unmöglich gehalten hatte. «Als die Bomben über Japan explodierten, muss die Erschütterung ungefähr so gross gewesen sein, wie wenn du in einem Duell kämpfst und dein Gegner sich plötzlich wegbeamt: Du hast mal gehört, dass diese Technik theoretisch möglich ist, aber völlig unrealistisch sein muss.»

Japan wird trotz Gefahr zu einem führenden Standort für Kernphysik

Dieses Trauma sieht Jacobs als entscheidenden Grund, warum Japan schon kurz nach dem Krieg zu einem der führenden Standorte für Atomtechnik aufstieg. Statt ins Militär, das man ohnehin nicht mehr haben durfte, wurde in die Wissenschaft investiert. Und damit in die «friedliche Nutzung» der Atomspaltung. Schon 1956 baute Japan in der einstigen Stadt der Bombentragödie seinen ersten Atomreaktor.

Und es dauerte nicht lang, bis viele weitere folgten. Die Bevölkerung schien keine Probleme damit zu haben, dass die Technologie, die so viel Leid über Japan gebracht hatte, nun übers ganze Land verteilt wurde. Auch Sumako Hamada, die die Zerstörungskraft aus so ferner Distanz klar hatte sehen können, empfand kaum noch Skepsis. «Wir haben uns darüber keine grossen Gedanken mehr gemacht», sagt sie, auf der Bettkante ihres Zimmers in einem Seniorenheim sitzend.

Die Katastrophe von Fukushima bringt die Bevölkerung zum Umdenken - nicht aber die Regierung

Über die folgenden Jahrzehnte mauserte sich das Land, das am Atombombenbau gescheitert war, zu einem der führenden Standorte für Kernphysik. Auch als im 11. März 2011 zuerst die Erde gewaltig bebt, dann mehr als 20 Meter hohe Wellen das Atomkraftwerk in Fukushima zerstören, rückt die Regierung nicht von ihrem atomfreundlichen Kurs ab.

Doch Hunderttausende müssen evakuiert werden. Wieder fällt Japan von einer nuklearen Kettenreaktion zum Opfer. Und erstmals bildet sich im Land eine sehr sichtbare Anti-Atombewegung. Umfragen zeigen seitdem sogar, dass die Mehrheit der Menschen in Japan gegen die Atomenergie ist.

Doch die Regierung beeindruckt das kaum. Eineinhalb Jahre nach dem Atom-Gau wird mit Shinzo Abe ein Mann zum Premierminister gewählt, der partout an der Kernkraft festhalten will. Mehrere der gut 50 heruntergefahren Reaktoren lässt er unter strengeren Bedingungen wieder in Betrieb nehmen. Und ein Klüngel aus Politikern, Unternehmen und atomfreundlichen Forschern, das man in Japan oft das „nukleare Dorf“ nennt, hat es mittlerweile geschafft, vom Fukushima-Desaster eine Erzählung von menschlichen Fehlern zu prägen. In anderen Worten: das Unglück von 2011 sporne nur dazu an, weiter auf die Atomkraft zu setzen.

Japan möchte auch Atombomben bauen können

Dabei will man in der regierenden Liberaldemokratischen Partei auch mehr als das. Immer wieder haben Politiker der ersten Reihe Gedanken geäußert, die aufhorchen ließen. Ende 2017 sagte der ehemalige Verteidigungsminister Shigeru Ishiba: «Japan sollte die Technologie haben, um eine Atomwaffe zu bauen, wenn es dies will.» Ishiba gilt als aussichtsreicher Kandidat auf die Nachfolge als Premierminister.

Wenn Sumako Hamada das hört, vergeht ihr der Appetit. «Niemand in der Welt sollte Atomwaffen besitzen. Die richten nur Schaden an.»

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Dass die Atombombe möglich war, wusste man 1939. Energie aus der Materie, das war ein attraktives Projekt, aber es schien in weiter Ferne zu liegen. Zu gross die technischen Schwierigkeiten. Die Angst, dass Hitler die Bombe zuerst haben könnte, beschleunigte die Dinge. Aber die Nazis kapitulierten am 8. Mai 1945, bevor der erste Test, am 16. Juli 1945, stattgefunden hatte.
Christoph Bopp