WALLIS: Die Wiege des Hotelkönigs

Das Goms feiert in diesem Jahr seinen prominentesten Sohn: Hotelpionier Cäsar Ritz, der vor hundert Jahren verstarb. Der Bauernsohn entwickelte ein neues Modell der Luxushotellerie. Ein guter Anlass für eine Stippvisite im fast unberührten Walliser Hochtal, das glücklicherweise nicht «ritzy» ist.
Das Dörfchen Niederwald zählt nur 50 Einwohner. Hier wurde 1850 Cäsar Ritz geboren, der die Welt der Hotellerie neu erfand. (Bild: Lioba Schneemann)

Das Dörfchen Niederwald zählt nur 50 Einwohner. Hier wurde 1850 Cäsar Ritz geboren, der die Welt der Hotellerie neu erfand. (Bild: Lioba Schneemann)

Text und Bilder: Lioba Schneemann


Diesen Winter scheint die Welt wieder in Ordnung zu sein, zumindest hier im Goms: Aufgrund heftiger Schneefälle und Lawinengefahr war Obergoms von der Aussenwelt abgeschnitten. Jetzt sind die Zufahrtsstrassen wieder offen und das Walliser Hochtal zeigt sich im schönsten Kleid. Fast einen halben Meter hoch stehen die Schneewände bei unserem Besuch, in die, so scheint es zumindest, schmale Strassen tief eingeschnitten wurden. Dank der dicken Schneehaube wirken die dunklen Holzhäuser und Sch ober hier in Niederwald noch uriger als sonst. Gegenüber dem kleinen Bahnhof, der zugleich den Anfang des grossen Loipennetzes bildet, stechen pinke Fahnen ins Auge. Wer es noch nicht weiss, erfährt es hier: Kein Geringerer als «Hotelkönig» Cäsar Ritz wurde in Niederwald geboren. Im Jahr 2018 feiert das Goms seinen hundertsten Todestag mit allerlei kulturell-kulinarischen Aktivitäten wie einem Jubiläumsfreilichtspiel und einer Dampfbahnfahrt bis zu Thè-Dansant oder 4-für-3-Pauschalen.

Cremiger Weichkäse im schmucken Kistchen

Als am 23. Februar 1850 Cäsar Ritz als 13. Kind einer Bauernfamilie das Licht der Welt erblickte, sah Niederwald in etwa so aus wie heute, vielleicht nicht ganz so adrett und sauber. Sein Geburtshaus findet man am oberen Teil des Hügeldorfes, ein Holzhaus, das sich wie alle anderen seit Jahrhunderten schon an den Hang schmiegt. Kaum 50 Einwohner zählt das Dorf heute. Es gehört zu den schönsten und unberührtesten im Oberwallis. Es entstand, weil hier einst ein Saumweg von Ernen her die Talseite wechselte. Neben Ritz’ Geburtshaus lohnt ein Rundgang sowie der Blick in die stattliche Pfarrkirche St. Theodul mit seinem bemerkenswerten Altar und Kunstwerken. Sie zeugt von einer reichen sakralen Handwerkskunst, die man im ganzen Hochtal vorfindet. Nicht von ungefähr spricht man vom Barocktal. Nur wenige Schritte weiter lädt das Restaurant Drei Tannen zur Einkehr. Küchenchef David Gehrig und seine Frau Karin sorgen in ihrem wettergegerbten Haus aus dem 17. Jahrhundert für gehobene Gastlichkeit. Natürlich gibt es hier wie andernorts im Goms ein Ritz-Menu. Auf der Karte findet sich neu der Ofenkäse Cäsar Ritz, der anlässlich des Jubiläums von der Biokäserei in Gluringen kreiert wurde: ein cremiger Weichkäse im schmucken Holzkistchen, der alternativ zu Fondue heiss genossen wird. «Natürlich war Cäsar Ritz kein Koch, sondern der beste Hotelier seiner Zeit. Sein Name ist heute noch der Inbegriff für Eleganz und Luxus», sagt Küchenchef David Gehrig. Die Amerikaner sagen heute noch «something ritzy», wenn sie etwas vornehm finden.

Mit zwölf zog er aus, die Welt zu erobern

Als der junge Cäsar mit nur zwölf Jahren in die Welt zog, ahnte kaum jemand, wohl am wenigsten er selbst, welches Imperium er später aufbauen würde. Denn seine erste Stelle in der Gastronomie in Brig endete mit dem vernichtenden Urteil «untalentiert». So ging der junge Mann bald nach Paris, wo man händeringend Angestellte für die Weltausstellung suchte. Und von da an ging es bergauf mit dem Walliser: Kaum 25-jährig, leitete er als Restaurantchef das Hotel Rigi-Kulm sowie viele Jahre lang das prächtige «National» in Luzern. Auf dem Gipfel seiner Tätigkeit soll Ritz mehr als zehn Hotels gleichzeitig mit rund 2000 Betten geführt haben, von Nizza über Monte Carlo bis Rom, von Baden-Baden über Paris bis London.

Der Aufstieg und Ruhm von Cäsar Ritz ist jedoch eng verknüpft mit dem Namen des damals weithin bekannten Spitzenkochs Auguste Escoffier. Ritz lernte ihn schon in jungen Jahren kennen, und bald revolutionierten sie als Businesspartner die Hotel- und Kochszene der westlichen Welt. Ihr Ruhm gipfelte im Jahr 1890, als sie das noble «Savoy» in London führten. In kürzester Zeit verwandelten die beiden Visionäre das Hotel ganz nach ihren Vorstellungen. Das war die Generalprobe für das eigene Hotel Ritz in Paris, das acht Jahre später an der Place Vendôme seine Toren öffnete. Es ist bis heute eine mythische Adresse, welche die Berühmten und Schönen anlockt.

Cäsar Ritz, der als «unbegabter Junge» begann, sich als Tellerwäscher, Schuhputzer und Kellner rasch in der strengen Hierarchie hocharbeitete, setzte in der Hotellerie noch nie da gewesene Standards ein: fliessendes Wasser, elektrisches Licht, private Bäder, Zimmertelefone, schöne Möbel. All das war eine Revolution in der Branche, denn selbst die gehobene Hotellerie Mitte des 19. Jahrhunderts steckte noch in den Kinderschuhen. Es war höchste Zeit für Neues, denn die betuchten Gäste waren da und auch mehr als willig, ihr Geld für Luxus auszugeben. Was ihn besonders auszeichnete, war wohl sein ständiges Bemühen, dem Gast jeden Wunsch von den Lippen abzulesen, bevor dieser überhaupt den Mund öffnete. Sein Partner Auguste Escoffier krempelte ebenso kreativ die Gastronomie um. Er erfand das moderne Küchenmanagement, auf dem die heutige Gastronomie basiert. Escoffier kreierte Grundrezepte für Saucen, die heute noch bekannt sind.

Der Stern von Cäsar Ritz begann allerdings wenige Jahre nach Eröffnung seines Pariser «Ritz» im Jahr 1897 zu erlöschen. 1902 brach er in London zusammen, wohl als Folge der jahrzehntelangen Überarbeitung. Mit Depressionen verbrachte er seine letzten 16 Jahre in Schweizer Sanatorien, während seine Frau Marie-Louise Beck die Geschäfte weiterführte. Cäsar Ritz starb im Oktober 1918 mit 68 Jahren.

Der Tourismus hat sich seit Ritz radikal verändert. Der Hotelkönig würde seinen Augen kaum trauen, denn heute kann jeder Mann und jede Frau, gesegnet mit Lust und Laune, ausreichend Zeit und Geld, die Welt bereisen, Luxus inklusive. Geblieben ist der Wunsch, den Gästen stets Neues zu bieten. So wie der Winterfun, den das Bergdorf Goms anbietet: Fahren mit dem Fatbike. Der Blick auf die fetten Reifen des Bikes vor «Elmars Gadä» in Geschinen lässt die Herzen höher schlagen. Die Reifen erinnern an die eines alten 2CV, und tatsächlich – auf den Strassen mit der schönen festen Schneedecke fährt es sich wunderbar. Unglaublich, wie die Reifen in den Schnee greifen. Und es gibt noch anderes zu tun im schneeverwöhnten Tal. Und so geht es wenig später mit Schneeschuhen den Hungerberg-Trail rauf in die Höhe mit Blick auf die weisse Pracht unter uns.

Eintauchen in die Historie

Aktivitäten. Zum 100. Todestag von Cäsar Ritz gibt es 2018 einige Angebote im Goms. www.caesar-ritz.ch/jubilaeum-2018, www.obergoms.ch

  • 19. Mai: Parkwanderung. Info:
  • 16. Juni: Gommer Höhenwegfest
  • 14. Juli – 18. August: Dampfbahnfahrt mit Abendessen (Niederwald–Gletsch mit 4-Gänge-Menu à la Escoffier im Grand Hotel Glacier du Rhone)
  • Im Juli und August: Thè Dansant (in Zusammenarbeit mit dem Musikdorf Ernen)
  • Freilichtspiel vom 18. Juli – 11. August auf dem Dorfplatz Niederwald.

Eintauchen in Historie, unter anderem in der Goethestube: Das Hotel Croix d’Or et Poste in Münster ist das älteste Hotel im Wallis. Es wurde 1620 erbaut und von Goethe und Zwingli besucht.

Buchtipp: «Kulinarische Zeitreisen» – fünf saisonale Reisen zu 54 Hotels. Anita Brechbühl, Nicolas Glauser. Mattenbach-Verlag, Winterthur.

Das Geburtshaus des Hotelpioniers, der als Bauernsohn aufwuchs. (Bild: Lioba Schneemann)

Das Geburtshaus des Hotelpioniers, der als Bauernsohn aufwuchs. (Bild: Lioba Schneemann)

Mit dem Fatbike kann man problemlos durch den Schnee fahren. (Bild: Lioba Schneemann)

Mit dem Fatbike kann man problemlos durch den Schnee fahren. (Bild: Lioba Schneemann)

Cäsar und Marie-Louise Ritz im Jahr 1888. (Bild: Getty)

Cäsar und Marie-Louise Ritz im Jahr 1888. (Bild: Getty)

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