Debatte um Impfstoff: Warum nicht die Risikogruppe zuerst geimpft werden soll

Der Bioethiker Christoph Rehmann-Sutter erklärt, wie man einen Impfstoff gerecht verteilt, ob man damit auch Geld verdienen darf und wann es in Ordnung ist, wenn Immune Vorteile geniessen.

Drucken
Teilen

Es wird mit Hochtouren an einem Impfstoff geforscht. Normalerweise ist das ein langwieriges Verfahren. Darf man dieses beschleunigen, indem man gesunde Freiwillige zu Studienzwecken mit dem Virus infiziert?

Mit solchen Human Challenge Studien wäre ich aus ethischen Gründen sehr vorsichtig. Es ist für mich nicht akzeptabel Leute, auch wenn sie selbst damit einverstanden sind, extra anzustecken und aktiv einer erheblichen Gefahr auszusetzen.

Aber man käme so schneller zum Ziel?

Es stimmt zwar: Wo das Ansteckungsrisiko sehr gering ist, dauert es sehr lange, bis sich für eine Studie zufällig ausgewählte Menschen infizieren. Es gibt aber andere Möglichkeiten. Über das Contact-Tracing könnte man Menschen ausfindig machen, welche ein höheres Risiko haben, in den nächsten Tagen zu erkranken. Oder man müsste in Regionen gehen, wo die Ansteckungszahlen gerade hoch sind.

Der Bioethiker

Christoph Rehmann-Sutter
Ulf-Kersten Neelsen

Christoph Rehmann-Sutter

Der 61-Jährige ist Professor für Theorie und Ethik der Biowissenschaften an der Universität zu Lübeck. Er hatte Gastprofessuren am King’s College London und an der London School of Economics. Ausserdem lehrt er an der Universität Basel. Der Schweizer Molekularbiologe und Philosoph war von 2001 bis 2008 Präsident der Nationalen Ethikkommission im Bereich Humanmedizin.

Was passiert, wenn wir einen Impfstoff haben? Wir können nicht alle acht Milliarden Menschen gleichzeitig impfen. Wie soll man vorgehen?

Sobald klar ist, dass der Impfstoff sicher und wirksam ist, muss er in grossen Mengen hergestellt werden. Das Ziel muss sein: Alle Menschen auf der Welt gegen Covid-19 impfen zu können. Da die Produktion aber Zeit in Anspruch nimmt, muss man priorisieren. Zuerst sollten jene geimpft, werden, die ein hohes Risiko haben sich anzustecken und die Krankheit weiterzugeben. Dazu zählt etwa das Gesundheitspersonal. Das erste Ziel ist, mit dem noch knapp verfügbaren Impfstoff die Ausbreitung der Krankheit möglichst gut einzudämmen.

Und die Risikogruppe?

Man müsste sie weiterhin durch Social Distancing vor dem Risiko schützen. Das geht beispielsweise beim Gesundheitspersonal nicht.

Nun hat man ja auch wieder die Geschäfte und Restaurants geöffnet. Heisst das, dass man Servierpersonal und Detailangestellte vor der Risikogruppe impfen solle, da diese die Krankheit weiter übertragen kann?

Das halte ich für sinnvoll.

Darf man mit dem Impfstoff auch Geld verdienen?

Natürlich muss eine Firma mit der Entwicklung des Impfstoffs etwas verdienen dürfen. Sonst würde sie die Arbeit ja gar nicht in Angriff nehmen. Sollte es eine Monopolstellung geben, darf diese aber nicht ausgenutzt werden. Hier muss die öffentliche Hand durch Preisverhandlungen sicherstellen, dass der Impfstoff bezahlbar bleibt. Es ist eine Frage der globalen Solidarität, dass der Impfstoff allen zur Verfügung steht. Die Staaten müssen hier eng zusammenarbeiten, auch im Rahmen der WHO.

Wie geht man mit armen Ländern um?

Man kann in armen Ländern nicht denselben Preis verlangen wie etwa in der Schweiz oder in Deutschland. Der Preis muss angepasst sein. In einigen Ländern wird es zum Vorteil aller notwendig sein, den Impfstoff gratis abzugeben.

Bevor ein Impfstoff da ist, könnten Menschen, die das Virus bereits hatten, immun dagegen sein. Soll man ihnen einen Ausweis ausstellen und sie bevorzugt behandeln?

Personen, die immun sind, könnten vielleicht ohne Gefahr wichtige Aufgaben übernehmen, die für andere riskant sind. Ich denke etwa an die Versorgung und Pflege von Covid-19-Patienten. Die Voraussetzung ist natürlich, dass Menschen, die das Virus durchgestanden haben, tatsächlich immun sind. Und es braucht Tests, welche die Immunität zuverlässig nachweisen.

Besteht die Gefahr, dass man auf diese Weise Menschen diskriminiert, die nicht immun sind?

Ja, aber darauf soll es nicht hinauslaufen. Es wäre nicht gut, wenn nur immune Menschen wieder alle Freiheiten bekommen, etwa wieder Flugreisen machen oder in Diskos gehen dürfen. Das würde der andere Teil der Gesellschaft nicht verstehen. Aus Gerechtigkeitsüberlegen müssen Lockerungsmassnahmen für alle gleich gelten können. Ausserdem könnte es ja sogar dazu führen, dass sich Menschen anstecken wollen, um diese Vorteile zu erlangen. Bei einer gefährlichen Krankheit wie Covid-19 ist das keine gute Idee.

Und dennoch könnten Immune bevorteilt werden, Firmen könnten ihnen aufgrund Ihrer Immunität Jobs mit guten Gehältern anbieten.

Das wäre problematisch. Aus ethischer Sicht muss man immer fragen, ob ein Schritt sowohl für die Immunen als auch für die Nicht-Immunen akzeptabel ist. Wir befinden uns in einem gesellschaftlichen Experiment und müssen dabei alle kritisch mitdenken. Ein wichtiger Gesichtspunkt ist aus meiner Sicht: Wenn es gerecht sein soll, dass eine Gruppe, hier die Immunen, gewisse Vorteile oder Privilegien haben, so müssen alle, also auch die Benachteiligten einen Vorteil daraus ziehen. Nur dann empfindet man das nicht als ungerecht. Die Nicht-Immunen könnten bei einer zweiten Welle etwa darüber froh sein, dass das Gesundheitswesen besser funktionieren würde.

Nun lockert man die Massnahmen. Man muss damit rechnen, dass es wieder mehr Corona-Tote geben wird. Ist das ethisch vertretbar?

Wir haben gesehen, dass ein Lockdown notwendig ist, um die Ansteckungskurve abzuflachen und damit zu verhindern, dass das Gesundheitssystem überlastet wird und damit Menschen ohne ausreichende Behandlungsmöglichkeiten sterben müssen. Wir haben aber auch gesehen, dass ein Lockdown in anderen Bereichen negative Folgen hat. Die UNO warnt, dass dieses Jahr 250 Millionen Menschen der Hungertot droht, krisenbedingt 130 Millionen mehr als letztes Jahr. Die indirekten Toten wegen der Krise könnten also die verhinderten Corona-Toten überwiegen. In der Schweiz gibt es negative Effekte wie psychische Leiden und häusliche Gewalt, vielleicht auch Suizide. Diese Folgen muss man auch mitbedenken. Deshalb ist es schon richtig, die Massnahmen zu lockern.

Es scheint mir, dass die utilitaristische Sicht an Akzeptanz gewinnt. Dass man also vermehrt bereit ist, Menschenleben gegeneinander abzuwiegen, um das Leid der Gesamtbevölkerung möglichst tief zu halten.

Als Ethiker wehre ich mich dagegen, Menschenleben gegeneinander abzuwiegen, weil jedes einzelne Menschenleben unendlichen Wert hat. Jede Person ist einzigartig und muss in ihrer Würde respektiert werden. Aber natürlich ist klar, dass zwei Leben retten besser ist als eines, dass es besser ist, wenn nur 50 Menschen sterben müssen als 100. Wir müssen um jedes Einzelne kämpfen. In der Notsituation, in der wir uns jetzt befinden, geht es nicht um die Maximierung von Nutzen, gerechnet in Lebensqualitätsjahren. Es geht vielmehr um Schadensbegrenzung. Ein permanenter Lockdown ist nicht möglich, er würde uns allen die Lebensgrundlagen entziehen. Wir müssen also zu einem neuen Normalzustand gelangen und dabei möglichst wenige Opfer verursachen.

Was macht man, wenn die Fälle doch wieder zunehmen?

Man muss sich fragen, wie viele Neuansteckungen man in Kauf nehmen will, ehe man lokal wieder strengere Massnahmen erlässt. Deutschland hat eine Obergrenze bei 50 Neuinfektionen in einer Woche pro 100 000 Einwohnern festgelegt. Auch in der Schweiz muss man ein solches Limit bestimmen.

Wie legt man diese Obergrenze fest?

Man muss abschätzen und ausprobieren. Das ist unvermeidlich auch ein bisschen willkürlich. Die Zahl muss einerseits so ausgelegt sein, dass alle, welche die Krankheit bekommen, optimal behandelt werden können. Und andererseits ist es das Ziel, lokale Neuausbrüche noch gut eindämmen zu können.