Kolumne

Warum nur wollen alle so gesund sein?

Haufenweise Vitaminpräparate, eine wachsende Liste an Sport- und Wellnessangeboten und kein Dorf ohne Yogakurse:  viele Menschen glauben, ein glückliches Leben hänge von guter Gesundheit ab, schreibt unser Glückskolumnist Sigmar Willi.

Sigmar Willi
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Sigmar Willi, Professor FHS St. Gallen, Dozent für Persönlichkeitsentwicklung.

Sigmar Willi, Professor FHS St. Gallen, Dozent für Persönlichkeitsentwicklung. 

Auch ich kann mich dem Gesundheitswahn nicht entziehen. Mein kleiner Küchentisch ist zu mehr als der Hälfte mit Vitaminpräparaten, Nahrungsergänzungsmitteln, Verdauungshilfen und einer grossen Früchteschale belegt. Die Tabletten und Pülverchen reichen meist monatelang, weil ich sie immer wieder zu nehmen vergesse. Leider landen oft schimmelige oder verfaulte Früchte im Abfallkübel.

Strafe für dieses Missverhalten ist ein schlechtes Gewissen und das Gefühl, zu wenig Gutes für meine Gesundheit getan zu haben.

Gibt es einen stärker wachsenden Markt als derjenige von Smartphones, Unterhaltungselektronik oder Software­anwendungen? Ich behaupte, dass der Gesundheitsmarkt in all seinen Facetten noch viel stärker wächst. Neben den erwähnten Präparaten sind kreative Sport- und Wellnessangebote regelrecht explodiert, Schönheits-OPs werden zu Weihnachten verschenkt, und Yogakurse gibt es mittlerweile mehr als Bäckereien in jedem Dorf.

Gutes Geld mit dem Megatrend Gesundheit

In der Schweiz sind viele Industrieunternehmen aus dem Medizinalbereich anzutreffen, deren Eigner in den letzten zwanzig Jahren reich geworden sind. Hochschulen bieten Ausbildungen wie Masters of Science in Pflegewissenschaften an, und bei uns an der FHS St. Gallen hat es ein Kompetenzzentrum für Active Assisted Living, das sich mit der Entwicklung von Produkten und Dienstleistungen speziell für alte Menschen befasst. Ich könnte die ganze Kolumne mit Beispielen füllen … Wieso ist uns alles, was mit Gesundheit zu tun hat, so unglaublich wichtig geworden?

Das Glück erforschen

Die Positive Psychologie verarbeitet die Ergebnisse der Glücksforschung. Was macht das gute Leben aus, wie kann es gefördert werden? In dieser Kolumne geht der Autor auf Einzelthemen der Positiven Psychologie ein.

Viele Menschen glauben, dass ein glückliches Leben von guter Gesundheit abhängt.

Das stimmt. Aber nur, wenn man krank ist.

Studien der Glücksforschung zeigen eindeutig, dass Menschen nur weil sie sich bewusst sind, gesund zu sein, ihr Wohlbefinden nicht steigern können. Kranke Menschen erleben auch nur kurzfristig, nämlich solange Schmerzen und starkes Unwohlsein vorherrschen, eine tiefere Lebenszufriedenheit als gewohnt. Wenn das Fieber abgeklungen ist, lässt es sich zu Hause auf der Couch ganz gut leben. Selbst nach schweren Unfällen oder Krankheiten mit bleibenden Beeinträchtigungen wandeln sich die negativen Gefühle recht schnell wieder, und unser Glücksniveau nähert sich dem genetisch vorgegebenen an. Dies gilt allerdings nicht für Schwerstbehinderungen oder Krankheiten, die chronischen Schmerz auslösen.

Training, weil es auf dem Terminplan steht?

Der Irrglaube, Gesundheit mache glücklich, hält sich aber hartnäckig in der Bevölkerung. Das hat auch seine guten Seiten. Viele Handlungen, die vermeintlich der Gesundheit dienlich sind, lösen primär mal positive Emotionen aus. Diese erweitern unser Denk- und Handlungsspektrum, und wir können eher unser Potenzial ausschöpfen, was wiederum zu positiven Emotionen führt. Menschen, die mehr in guten Gefühlszuständen unterwegs sind, haben ein stärkeres ­Immunsystem und werden dadurch weniger krank. So schliesst sich der Kreis.

Gesundes Essen liegt im Trend. Bereitet es uns aber keine Freude, ist die langfristig gute Wirkung nicht garantiert.

Alles auf die Waage zu legen, nach schädlichen Emulgatoren auszusondern oder das arme Tier vor dem geistigen Auge zu sehen, verdirbt den Genuss. Wichtiger ist, auf unseren Körper zu achten, denn er kann uns sagen, was uns guttut. Der bekannteste Schweizer Sportarzt, Beat Villiger, schwört auf die italienische Küche, Rotwein und Bewegung. Bei Letzterer zeigen Studien übrigens, dass eine halbe Stunde moderate Bewegung am Tag für die meisten Menschen völlig ausreichend ist, um den Körper in Schwung zu halten. Löst Sport bei Ihnen gute Gefühle aus? Nehmen Sie beim Joggen oder Radfahren die Natur um Sie herum wahr? Oder trainieren Sie, weil es auf dem Terminplan steht? Können Sie reduzieren oder aufhören, wenn der Körper die Signale dazu sendet? Schon Paracelsus wusste, dass bei allem die Menge das Gift macht.

Der Gesundheit am meisten zuträglich ist, mit sich selbst im Reinen zu sein, sich so zu akzeptieren, wie man ist.

Dann wird es auch leichter fallen, möglichst viele positive Gefühle zu erleben. Selbstbestimmt zu leben, sich freudig einer Aufgabe zu widmen, gutgelaunte Mitmenschen zu treffen, anderen zu helfen oder über die Natur zu staunen, das stärkt uns mehr als jedes Multivitamin­präparat. Sind wir dann doch einmal krank, gilt es dies zu akzeptieren und kürzerzutreten. Gesundheit können wir nur wirklich schätzen, wenn wir ab und zu Kranksein erleben. Für mich ist das eine harte Lektion, kann ich doch dem Kranksein kaum positive Seiten abgewinnen. Bei der nächsten schweren Erkältung arbeite ich daran – versprochen!