Warum sollen Spender ihren Samen noch hergeben?

Seit einigen Jahren dürfen Samenspender in der Schweiz nicht mehr anonym bleiben. Das erschwert ihre Rekrutierung. Denn sie müssen damit rechnen, dass ihre «biologischen Kinder» sie einmal treffen wollen. Ein Mann erzählt, warum er trotzdem spendet.

Alexandra Fitz
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In einer Fruchtbarkeitsklinik in Zürich: Samenspender werden genau durchgecheckt. Von acht bis zehn Männern bleibt nur einer übrig. Pro Jahr braucht der Reproduktionsmediziner Peter Fehr etwa zehn bis fünfzehn neue Spender, um sein Programm aufrechterhalten zu können und den Bedarf der Paare mit Kinderwunsch zu decken. Derzeit stehen 100 Interessierte auf der Warteliste. 38 sind in der Samenbank. Dazu gehört auch Marco (der in Wirklichkeit anders heisst), sein Sperma wurde als gut und produktiv bewertet. Marco ist 27 Jahre alt und stolzer Spender:

«Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, es ist nicht toll fürs Ego, dass ich ein so gutes Sperma habe. Das ist eine Bestätigung für mich, vor allem, weil meine Frau und ich die Familienplanung noch nicht abgeschlossen haben.»

Zu Fehr kommen vier verschiedene Spendertypen. Gruppe 1 (in der Minderheit): Sie haben eine Partnerin, die schon älter ist oder bereits Kinder hat – mit einer Samenspende wollen sie prüfen, ob sie sich fortpflanzen können. Gruppe 2: Ein Paar kommt zu einer Behandlung mit Eigensperma. Es klappt, die Frau wird schwanger. Dann stellen sich Männer oft als Spender zur Verfügung. Gruppe 3: Sie machen es nur wegen des Geldes. Gruppe 4: Sie machen es, weil sie jemandem helfen wollen. Zu dieser Gruppe gehört auch Marco.

«Ich habe meinen Samen gespendet, weil ich kinderlosen Paaren, die sich unbedingt Kinder wünschen, helfen möchte. Ich habe sehr viele Menschen in meinem Umfeld, die Kinder wollen, aber keine haben können. Mein bester Freund ist durch Krebs impotent geworden. Er leidet sehr darunter, dass er nie Kinder haben wird. Meine Frau hatte selbst Probleme, schwanger zu werden, bei meinen Eltern ging es auch lange, bis es klappte. Deswegen weiss ich, wie stark der Kinderwunsch sein kann. Wegen des Geldes rentiert es sich nicht, dafür ist es zu zeitaufwendig.»

«Alle Männer sagen, sie machen es nicht wegen des Geldes. Trotzdem ist jeder froh, wenn er etwas für die Spende bekommt. Wir dürfen aber nur eine Spesenentschädigung bezahlen», sagt Peter Fehr, Leiter der grössten Samenbank der Schweiz. Der Spender bekommt 2000 Franken, das macht etwa 200 pro Sitzung, denn der spendewillige Mann muss acht bis zehn Mal antraben.

«Mit den 2000 Franken bin ich mit meiner Familie in den Urlaub gefahren.»

Seit 2001 werden die Spenderdaten registriert, mit 18 Jahren können die Kinder Informationen ihrer biologischen Väter einholen. Die Daten werden 80 Jahre gespeichert. So hat ein Kind in der Schweiz das Recht, seinen biologischen Vater kennen zu lernen. Kinder haben nun mehr Möglichkeiten.

Auf der anderen Seite, sagt Fehr, müsse man aber auch den Spender schützen. Es gibt Männer, die aufgrund der verloren gegangenen Anonymität nicht spenden. Kurz nach 2001 hatte Fehr Probleme, gute Spender zu finden. Jetzt sei der Bedarf gedeckt. Aber das Spenderprofil habe sich geändert: «Die heutigen Spender überlegen es sich gut. Ihr Wille muss gross sein, denn sie wissen, dass es sie ein Leben lang verfolgen könnte. Viele machen deshalb einen Rückzieher», sagt Fehr.

Informationen einsehen darf nur das Kind. Nicht die Eltern. Nicht der Spender. Samenspender sind aber neugierig – so rufen sie nach einer gewissen Zeit in der Klinik an und fragen, ob es schon ein Kind gab und ob es ein Mädchen oder einen Junge gegeben hat.

Kinder erhalten Informationen in drei Stufen. In der ersten erfahren sie, dass sie durch eine Samenspende gezeugt wurden, in der zweiten erhalten sie Infos zum Profil des biologischen Vaters (Haar- und Augenfarbe, Figur). Auf der dritten Stufe kontaktiert das Amt den Spender und vereinbart, falls gewünscht, ein Kennenlernen. Ein Treffen ablehnen – dazu hat er längerfristig keine Möglichkeit. «Aber es nicht so, dass man einfach die Adresse bekommt und selber sucht», erklärt Fehr.

Kinder, die vor 2001 geboren wurden, sind mit der Spendersuche im Nadel-Heuhaufen-Dilemma. Es gab vor der Gesetzesänderung auch keine Kontrolle über die Geburten. Seit sie registriert werden, sind sie jährlich gestiegen. 2001 wurden 62 Samenspenderkinder geboren, 2012 waren es 387. Die Geburten durch Insemination – so nennt man die Übertragung des männlichen Samens in den Genitaltrakt der Frau – haben sich nun bei 300 bis 350 pro Jahr eingependelt.

«In ein paar Jahren könnte mich auch ein Kind kontaktieren. Ich glaube, ich würde den Kontakt im ersten Moment ablehnen. Ich habe nur die Substanz geliefert. Die Eltern erziehen. Ich habe keine emotionale Bindung zu meinem Sohn oder meiner Tochter. Ich nenne sie so, weil ich ja nicht vom Objekt sprechen oder fragen kann: Wie gehts meiner Samenspende?»

2019 sind die ersten Kinder 18 Jahre alt. Ämter und Ärzte sind gespannt, ob es eine Welle an Anfragen geben wird. Nach der Einschätzung von Fehr hängen Alter und Familiensituation der Kinder mit dem Kennenlern-Wunsch zusammen. Wächst ein Kind ohne Vater auf oder ist der Meinung, dass sein Vater der biologische ist und erfährt im Pubertätsalter, dass es durch eine Samenspende gezeugt wurde und man ihm das vorenthalten hat, hat es ein starkes Bedürfnis, den «richtigen» Vater kennen zu lernen. Anders ist es, wenn man es dem Kind von Anfang an sagt und offen ist, dann will es in der Regel den Vater gar nicht kennenlernen. Studien und Erfahrungen beweisen, dass man es den Kindern so früh wie möglich sagen soll.

«Ein Kollege von mir ist auch ein Samenspenderkind. Er will nichts von seinem biologischen Vater wissen. ‹Was nützt es mir?›, hat er gefragt. Liebe, Zuneigung, alles Wichtige, habe er all die Jahre von seinem Vater bekommen. Er hat mir die Entscheidung, Samen zu spenden, leicht gemacht. Aber ich hatte auch Bedenken. Einerseits habe ich mich gefragt, inwiefern man Mutter Natur überlisten darf – ich bin aus der Innerschweiz und da ist die Einstellung «Nur Gott soll Leben schenken» weitverbreitet. Zudem war ich skeptisch, weil ich ein Leben ermögliche und nicht weiss, ob es in guten Händen aufwächst und nicht in Umständen, die ich nicht vertreten kann.»

Die Klinik von Fehr, OVA IVF, ist auf den Kinderwunsch spezialisiert. Bei 10 Prozent greifen sie auf Samenspender zurück. Dabei brauchen sie eine gewisse Auswahl, denn die Mediziner machen sogenannte «Matchings». Mit Abstimmung ist gemeint, dass das Aussehen des Spenders und jenes des Ehemanns so ähnlich wie möglich ist. Nach dem Gesetz darf das Ehepaar die Blutgruppe, die Haar-und Augenfarbe, die Grösse und die Statur bestimmen. «Generell dürfen die Eltern hier sehr wenig bestimmen», meint der Reproduktionsmediziner. In Amerika beispielsweise sind Kataloge mit Bildern üblich. Das finde Fehr nicht gut, denn genau eine solche Selektion wolle man vermeiden. Die Grösse des Spenders sei ein wichtiges Thema für die Eltern. Manchmal sagen sie: «Es wäre schon gut, wenn er gross ist und ein sportlich aktiver Typ.» Oder: «Es wäre schon gut, wenn er einen guten Ausbildungshintergrund hat.» .

Jeden Monat kommt ein unverheiratetes Paar zur Beratung in die Klinik. Laut Fehr heiraten 90 Prozent dieser Paare innerhalb von sechs Monaten und machen eine Behandlung. Der Rest lasse es sein oder gehe ins Ausland. Fehr würde sich wünschen, dass alleinstehende und lesbische Frauen sowie unverheiratete Paare in der Schweiz behandelt werden können. So will es auch die nationale Ethikkommission. «Unser Gesetz ist diskriminierend. In einem ersten Schritt soll nun die Eizellenspende erlaubt werden», sagt Fehr. Der zweite wäre die Auflockerung des Zivilstandes bei künstlichen Befruchtungen. Aber das würde unser System in der Schweiz überfordern, meint Fehr. «Ich glaube, wir müssen damit leben, dass diese Änderung in den nächsten zehn bis 15 Jahren nicht kommt», sagt der Arzt, der seit 20 Jahren in der Reproduktionsmedizin tätig ist.

Aktuelle Schätzungen zeigen, dass es im Fall einer Modernisierung drei Mal so viele künstliche Befruchtungen geben wird (die «Schweiz am Sonntag» berichtete). Bei Samenspenden spricht Fehr von einer Verdoppelung. «Dann bräuchten wir viel mehr Spender. Die Frage ist, ob wir die rekrutieren könnten.»

«Ich finde es gut, dass Paare verheiratet sein müssen. Wenn das nicht so wäre, würde das nicht meinem Familienideal entsprechen. Ich bin vielleicht ein wenig altmodisch und konservativ, aber dann hätte ich nicht gespendet.»