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Serie

40 werden: Zu viel zu tun, um jetzt die Krise zu haben (Generationen-Serie 2/5)

40 ist keine Zäsur mehr. Gerade für Frauen könnte die beste Zeit ihres Lebens beginnen. Doch den Druck, fit zu bleiben und sich für sein Leben zu rechtfertigen, spürt man mit 40 wie nie zuvor, schreibt unsere Autorin.
Katja Fischer de Santi
Die Schweizer Schauspielerin Marie Leuenberger (39). Bild: Daniel Hofer/Keystone (Berlin, 18. Januar 2018)

Die Schweizer Schauspielerin Marie Leuenberger (39).
Bild: Daniel Hofer/Keystone (Berlin, 18. Januar 2018)

Ihr Blick ist gnadenlos und sie rückt ganz nah an mein Gesicht ran. «Bis jetzt haben Sie Glück gehabt, aber wenn Sie jetzt nichts tun, werden Sie es bereuen.» Mit einer Mischung aus Häme und Mitleid tröpfelt mir die Kosmetikverkäuferin ein «luxuriöses Serum» auf die Haut, um «den Istzustand etwas zu halten», wie sie es formuliert.

Ein Fall für teure Anti-Age-Produkte

Im Februar werde ich 40 Jahre alt. Ich kämpfe jetzt nicht mehr gegen «die ersten Zeichen der Hautalterung», ich bin jetzt ein Fall für sehr kostspielige «Anti-Age-Produkte». 20 Minuten später verlasse ich den Laden, und ich würde jetzt gerne schreiben, dass ich die teuren Crèmes im Regal habe stehen lassen. Habe ich aber nicht. Denn wie hat es die wunderbare Sharon Stone, heute 60, einst formuliert.

«Du kannst deinen Körper einigermassen gut aussehen lassen, bis du ungefähr 40 bist. Der Rest des Lebens besteht eigentlich nur darin, den Verfall aufzuhalten.»

Sind meine besten Jahre nun also vorbei? Nicht unbedingt; als Schriftstellerin oder Regisseurin würde ich in diesem Alter noch knapp als Jungtalent vermarktet. Als Bundesrätin wäre ich eine jugendliche Sensation. Als Schauspielerin in den besten Jahren. Sicher ist: 40 Jahre alt zu werden, das ist für Frauen heute nicht per se ein Problem. Es ist keine Zäsur wie noch vor 20 Jahren, als Frauen mit 40 aus der Öffentlichkeit gezogen wurden wie rostende Autos. Mit vierzig gehöre eine Frau zum «unsichtbaren Geschlecht», schrieb die Feministin Simone de Beauvoir. Frauen in diesem Alter seien weder richtig alt noch richtig jung, nicht mehr begehrenswert, aber noch nicht weise.

Frauen sind mit 40 sexuell am aktivsten

Das ist längst vorbei. 40-jährige Frauen sind heute in der Blüte ihres Lebens. Körperlich fit, geistig top, sexuell in der besten Phase, dazu erfahren, belastbar. 40 kann kein schwieriges Alter mehr sein, wenn am Fernsehen die besten Frauen (Mona Vetsch, Susanne Wille) knapp über 40 sind. Wenn Pink und Norah Jones Anfang vierzig trotz Kleinkindern ihre Karrieren vorantreiben und wahnsinnig gut dabei aussehen.

Was aber, wenn der Stress im Job, die Aufzucht der Kinder und die Jahre doch Spuren hinterlassen haben? 40 ist das neue 30 – für Frauen bedeutet das ab ins Fitnessstudio, Disziplin beim Essen und die Hoffnung auf gute Gene. Laut Umfragen eines Kosmetikherstellers wendet keine Altersgruppe mehr Geld für Schönheitsprodukte auf wie die 40- bis 50-Jährigen. Ein verbissener Kampf, um die Zeichen des Alters so lange wie möglich hinauszuzögern. Mit 40 wie 40 auszusehen, das ist eher keine Option. Womit wir wieder bei den teuren Crèmes wären.

Ewiges Mädchen oder Femme Fatale?

Wobei es die typische 40-jährige Frau schon lange nicht mehr gibt. Manche Frauen werden in diesem Alter gerade zum ersten Mal Mutter, andere finden sich mit der Kinderlosigkeit ab. Wieder andere wagen den beruflichen Wiedereinstieg, und nochmals andere sitzen mit 40 Jahren zum ersten Mal in einem Verwaltungsrat.

Wie eine 40-Jährige heute lebt und liebt, wird viel stärker durch ihre Persönlichkeit, Ausbildung und Lebenssituation bestimmt als durch ihr Alter.

Ewiges Mädchen, Femme fatale, späte Mutter oder frühe Grossmutter, alles ist mit 40 möglich.

Die Midlife-Krise der 40-jährigen Frauen, sie speist sich nicht aus einer plötzlichen Leere, wie noch in den 1970er-Jahren, als Frauen in diesem Alter ihre Kinder ziehen lassen mussten, sie speist sich eher an einem Zuviel an Optionen. Den Druck, sich für sein Leben zu rechtfertigen, spürt man mit vierzig wie nie zuvor. Was hat man erreicht? Zeit für eine erste Bilanz: Studiert, gereist, gefeiert, geheiratet, Kinder geboren, Haus gekauft, einen guten Job gemacht, alles bestens.

Welche Möglichkeiten bleiben noch?

Und doch sitzt mir dieser Wicht im Ohr, seit ein paar Wochen schon. Er sät Zweifel. Fragt ganz unvermittelt: «Wolltest du das alles so?», «War es das jetzt?», «Hast du die richtigen Entscheidungen getroffen?». Meist wisch ich den Wicht einfach weg, übertönt das Geschwätz der Kinder sein Flüstern, hab ich im Büro keine Zeit für seine Fragen und bin ich abends zu müde für ­Antworten.

Und doch setzt sich eine «verwirrende Mischung aus Nostalgie, Bedauern, Klaustrophobie, Leere und Angst im Kopf fest», wie es Kieran Setiya in seinem 2018 erschienenen Buch «Midlife» beschreibt. Er, der angesehene Philosophieprofessor hatte und hat alles, was er sich wünscht: Erfolg, Anerkennung, Familie. Doch dann, mit 35 Jahren, sucht sie ihn heim, die Midlife-Crisis. Er nennt sie nicht so, weil es zu sehr nach teurem Sportwagen, schneller Affäre und peinlichen Skateboard-Unfällen klingt. Dabei geh es um eine grosse Frage, die das ganze menschliche Leben durchdringt: Welche Möglichkeiten bleiben mir noch, und hätte ich andere Wege einschlagen sollen?

Die Midlife-Krise, es gibt sie eben doch

Seit Jahrzehnten streiten sich Menschen darüber, ob es die Midlife-Krise, jenen plötzlichen Wunsch, mitten in den besten Jahren noch einmal alles zu verändern, wirklich gibt. Viele sehen in der Midlife-Krise lediglich einen Mythos, eine billige Entschuldigung für verantwortungsloses Verhalten: Neuanfang, Auswandern, Affären. Andere hingegen behaupten, es handle sich um einen universalen «Übergangsritus», ähnlich der Pubertät, den alle Menschen durchlebten.

Letztere Position dominiert die derzeitige Debatte, nicht nur am Stammtisch, sondern auch in der Wissenschaft. Studien belegen: Das Lebensalter zwischen 40 und 55 ist eine Zeit des Wandels, in der viele anfällig sind für einen Zustand, der mit «Midlife-Crisis» gar nicht so schlecht beschrieben ist. Das Wohlbefinden bei Männern und Frauen sinkt bis Mitte 40 und steigt erst danach wieder an.

Wir sind jetzt dieser «Jemand»

Die «New York Times»-Journalistin Pamela Druckermann beschreibt in einem Artikel die Jahre um die 40 als jene Zeit, in der man bereut: die Wahl des Partners, die Wahl des Jobs. Gleichzeitig wissen wir, wie unsinnig, ja kindisch diese Gedanken sind. Wie der Hans im Schneckenloch aus dem Kinderlied, der alles hat, was er will, aber was er will, das hat er nicht, und was er hat, das will er nicht. Mit 40 ist fertig mit kindisch.

Meine Jahrgänger und ich, wir sind – auch in Kapuzenpullis und Converse-Turnschuhen – erwachsen. Was nicht an unseren ersten grauen Haaren liegt, sondern daran, dass wir nun die Weihnachtsfeier für die ganze Familie organisieren, mit Freunden statt über Musik über den Immobilienmarkt diskutieren, uns um unsere Eltern sorgen und plötzlich in Gremien sitzen, von denen wir mit 20 nicht einmal wusste, dass es sie gibt. Denn ganz egal, ob im Elternrat, der Kulturkommission, in der Geschäftsleitung oder einem Vorstand, als 40-Jährige sollte man nicht mehr darauf warten, dass «jemand» endlich etwas tut oder sagt. Wir sind jetzt dieser «Jemand».

Mit 40 Jahren bereiten wir uns nicht mehr für ein zukünftiges Leben vor. Wir stecken mitten in diesem einen Leben drin – ob es uns passt oder nicht.

Ich werde auf meinen 40. Geburtstag anstossen. Nicht mehr mit 150 Leuten wie an meinem 30. Aber mit den richtigen – oder auch mit mir alleine. Ich werde dabei lächeln und versuchen dankbar zu sein, für dieses Leben, das ich mir nicht in allem so gewünscht habe, aber das mich reich beschenkt hat. Denn in Ordnung ist ja nicht wenig. Und hey, es ist erst Halbzeit. Es bleibt genug Zeit, um noch ein paar Türen aufzustossen. Es muss ja nicht mehr mit dem Kopf voraus sein. Mit 40 weiss ich, dass es ­dafür Türfallen gibt.


Lesetipp für 40-Jährige:
«Midlife-Crisis» von Kieran Setiya

Der Philosoph Kieran Setiya, der am Massachusetts Institute of Technology (MIT) in den USA unterrichtet, bietet frische Gedanken an, die Midlife-Crisis zu erleichtern. Dass es diese existenzielle Krise gibt und dass sie ganz unabhängig vom Geschlecht oder der sozialen Klasse viele Menschen zwischen 35 und 45 ereilt, daran lässt Setiya keinen Zweifel. Er selbst stürzte im Alter von 35 Jahren in eine Krise. Sein Buch ist aber weniger Ratgeber als eine philosophische Auseinandersetzung mit grossen Fragen des Lebens: Welche Möglichkeiten bleiben mir noch? Und weshalb droht die Krise auch jenen, die eigentlich alles haben, was sie sich wünschen

Kinderlose Singles sind vorübergehend im Vorteil

Bei Befragungen zur Lebenszufriedenheit zeigt sich meist ein deutliches Muster: Junge Menschen sind glücklich, ihnen steht die ganze Welt offen. Auch die Betagten sind zufrieden, sie haben gelernt, sich an dem zu erfreuen, was sie haben. Dazwischen durchschreitet der Mensch ein tiefes Tal, dessen Sohle ungefähr bei vierzig liegt. Das erklärt sich leicht: «In dieser Phase ist das Leben von Stress und harter Arbeit geprägt, es mangelt an Freizeit», sagt der Schweizer Ökonom und Glücksforscher Bruno S. Frey. «Hinzu kommen bei Familien Konflikte und Sorgen zu Hause, besonders wenn die Kinder ins Teenageralter kommen.» Doch nicht alle trifft es gleich hart. Bessere Voraussetzungen hat in diesem Alter, wer keinen Nachwuchs hat. Frey bestätigt: «Ein Ehepaar mit Kindern ist mit vierzig im Schnitt ein bisschen weniger glücklich als eines ohne Kinder.» Kinderlose können in ihrem Leben mehr selber bestimmen, und das ist laut Frey ein ausgesprochen wichtiger Faktor für die Zufriedenheit. Den höchsten Grad an Selbstbestimmung haben kinderlose Singles.

Doch spätestens wenn sich jemand entschliesst, mit vierzig alleine in die Ferien zu fahren, fragt sich das Umfeld: Ist das Singleleben nicht einsam? Nein, sagt die Sozialwissenschafterin Bella DePaulo von der University of California in Santa Barbara. In ihren Sachbüchern kämpft sie gegen Vorurteile, die Singles entgegengebracht werden. «Menschen, die alleine leben, sind im Schnitt weniger einsam», erklärte sie 2017 an einem Vortrag in Belgien. Während sich Paare – auch kinderlose – abschotteten, würden Singles Beziehungen pflegen. Auch Bruno S. Frey ist überzeugt, dass Singles nicht per se einsamer sind. Trotzdem sieht er sie in dieser Hinsicht nicht unbedingt im Vorteil. Bei klassischen Familien kämen die Eltern oft über die Kinder in Kontakt zu anderen Erwachsenen. «Bei Singles steht mit vierzig dagegen oft der Beruf im Zentrum des Lebens», sagt er. «Da bleibt manchmal wenig Zeit für Freunde und Bekannte.»Belastend ist das Berufsleben in dieser Lebensphase für sehr viele Menschen, unabhängig von der familiären Situation. Doch Singles haben auch bei der Arbeit einen grossen Vorteil: Sie sind flexibler. Das sind viele Vorteile für kinderlose Singles. Was aber nicht heisst, dass es sich lohnt, mit vierzig die langjährige Beziehung zu beenden: Trennungen sind sehr belastend. Und auch ein Verzicht auf Kinder ist nicht empfehlenswert – in späteren Lebensphasen sind Menschen mit Kindern glücklicher. Vermutlich lässt sich das Glückstief nicht vermeiden, sondern höchstens etwas hinausschieben. Laut einer grossen Studie liegt es in Europa für Verheiratete und Geschiedene bei 37,6 Jahren, für nie Verheiratete dagegen bei 49,1 Jahren. (nsn)

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