Was in Eltern vorgeht, wenn die Kinder ausziehen: «Ich fühlte mich verloren»

Viele Eltern unterschätzen, wie gross die Leerstelle ist, die ihre Kinder hinterlassen, wenn sie das «Nest» verlassen. Vorbereiten hilft.

Bernadette Conrad
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Zieht ein erwachsenes Kind aus, geht die Selbstverständlichkeit der gemeinsamen Zeit verloren.

Zieht ein erwachsenes Kind aus, geht die Selbstverständlichkeit der gemeinsamen Zeit verloren.

Bild: Getty

Noch will sie das Zimmer nicht anfassen. Nichts umräumen, nichts neu einrichten. Vier Wochen zuvor hat die 22-jährige Tochter von Nivedita Prasad, die Wohnung, in der sie mit der Mutter lebte, verlassen und ist in eine WG gezogen. Irgendwann wird sie den Raum zu ihrem lang vermissten Arbeitszimmer machen. Aber noch sei es zu früh. «Ich bin ein bisschen verloren», sagt sie. Was es mit Eltern macht, wenn ihre erwachsenen Kinder das Haus verlassen, darüber hat die Wissenschaftsjournalistin Adelheid Müller-Lissner ein Buch geschrieben. Für «Empty Nest» hat sie etliche Mütter und Väter befragt. Im Interview erzählt sie, warum der Auszug der Kinder die Väter anders trifft als die Mütter.

Bedeutet der Auszug der Kinder – immer eine Krise für die zurückbleibenden Eltern?

Adelheid Müller-Lissner: Sachbuchautorin und Mutter dreier erwachsener Kinder.

Adelheid Müller-Lissner: Sachbuchautorin und Mutter dreier erwachsener Kinder.

Adelheid Müller-Lissner: Es ist ein bedeutsamer Übergang im Leben, dem man Aufmerksamkeit schenken sollte. Aber das heisst nicht, dass man ihn pathologisieren muss wie im Amerika der 1970er-Jahre, als der Begriff «Empty Nest Syndrome» von der Pharmaindustrie erfunden wurde. Damals hatte man die oft noch relativ jungen Mütter im Blick, ohne Berufsausbildung, die plötzlich ohne ihre Lebensaufgabe da standen und natürlich oft in eine Identitätskrise stürzten. Der «leeren Frau», wie eine Psychologin provozierend 1977 schrieb, sollten dann «Mother’s little helper» in Form von Psychopharmaka und Antidepressiva helfen.

Haben Sie vor allem trauernde Eltern erlebt? Es wäre ja auch denkbar, dass es für beide Seiten befreiend ist.

Das gibt es natürlich auch. Die meisten Eltern aber vermissen die ganz besondere Farbe, die ihr Kind oder ihre Kinder ins Leben gebracht haben, – die Vitalität, den «Jungbrunnen der Auseinandersetzung». Da ist eine Lücke, die auch mit neuen Ehrenämtern, mehr Arbeit oder Reisen nicht gefüllt werden kann. Diese Qualität ist unersetzlich und sollte vielleicht auch betrauert werden. Wobei die tröstliche Botschaft ja ist: Man trennt sich nicht vom Kind, sondern von der Selbstverständlichkeit der gemeinsamen Zeit.

Sie erwähnen eine Shell-Studie aus dem Jahr 2015, bei der 90 Prozent der befragten Jugendlichen angaben, ein gutes Verhältnis zu den Eltern zu haben. Neigen unsere zufriedenen Kinder eher zum Nesthocken?

Nein, das kann man nicht sagen. Und meist findet der Weggang aus dem Elternhaus auch nicht in einem bestimmten Moment der Trennung statt, sondern erstreckt sich über einen längeren Zeitraum. Die Kinder kommen aus einem Auslandsjahr zurück, sie ziehen kurzzeitig wieder ein, bevor sie das Studium an einem neuen Ort fortsetzen und Ähnliches. In diesen Phasen übt man das «ohne einander sein» ja schon ein bisschen ein.

Was bedeutet denn dies mehrheitlich gute Verhältnis für die Ablösung – ist sie vielleicht gar nicht mehr so nötig wie in Zeiten grösserer Generationenkonflikte?

Vielleicht findet die Ablösung heute oft harmonischer statt. Was aber nicht bedeutet, dass man das Eltern-Kind-Verhältnis nun als Freundschaft ansehen sollte. Es ist immer ein asymmetrisches Verhältnis. Das schliesst Nähe und Harmonie natürlich überhaupt nicht aus, aber erlaubt beiden, ihre eigenen Wege zu gehen.

Dass die Kindheit meines Sohnes vorbei war, und mit ihr die Velotouren, die Kartenspielabende, ist eine der schmerzlichsten Erfahrungen meines Lebens.

Dies erzählt Andreas Maercker, Psychologe an der Universität Zürich im Buch. Es ist eine Vater-Sohn-Geschichte, die unter extremen Bedingungen begann: Schon getrennt von der Mutter des Kindes, hatte Maercker in den 1980er-Jahren für eine neue Liebe die DDR verlassen wollen, aber die Flucht missglückte und er kam ins Gefängnis. Erst die Wende brachte die Möglichkeit, in der neuen Partnerschaft zu leben und den Sohn regelmässig am Wochenende und den Ferien zu sehen. Als dies vorbei war, erlebte Maercker dies, als sei ein Teil seiner Existenz wie abgeschnitten.

In den meisten Fällen erlebten Mütter den Auszug der Kinder wohl heftiger als die Väter?

In den Familien, die ich befragte, lief die Kommunikation mit den Kindern immer noch stark über die Mütter. Diese sind dann auch eher vorbereitet auf den Weggang der Kinder. Während die Väter überrascht werden, stiller trauern, und auch oft ungeübt sind darin, den Kontakt zu den Kindern über die Ferne zu halten.

Halten sich die alten Rollenmuster also doch hartnäckiger als man meint?

Der Generationenwechsel kommt! Bei den jungen Vätern konnte ich oft ein sehr paritätisches Teilen der Familienarbeit sehen. Dieser Sprung also scheint mir geschafft zu sein – aber hat natürlich auch seinen Preis, der im permanenten Verhandeln liegt. Mir scheint das viel besser als die alten Modelle, in denen das Nicht-Verhandeln oft zu falscher Harmonie führt.

Bleibt die spannende Frage nach dem Paar ...

Eltern, die zu fokussiert auf ihre Kinder sind, tun sich mit dem Übergang schwerer. Wie wir aus Studien wissen, haben die späten Scheidungen, also nach 25 und mehr Ehejahren, markant zugenommen – und ganz besonders um den Auszug der Kinder herum.

Wie Carl und Katja, die nach dem Weggang des zweiten Kindes eine monatelange Reise zu zweit machen – wie schon einmal, bevor sie Kinder hatten. Sie finden, es lohnt sich unbedingt, schon vor der Kinderphase Gemeinsames zu entwickeln und dies auch weiter zu pflegen.

Überhaupt, es lohnt sich, Kinder zu haben – obwohl sie irgendwann gehen. Dies belegt eine internationale Studie unter über 50-jährigen, deren Kinder das «Nest» schon verlassen haben. Sie haben generell eine höhere Lebenszufriedenheit und grössere seelische Stabilität als Kinderlosen im selben Alter. Wohl weil sie eine Aufgabe gut zu Ende geführt haben.

Adelheid Müller-Lissner, Empty Nest. Wenn die Kinder ausziehen. 197 S., Verlag Ch. Links 2020.