Was sie nicht können, lassen sie weg

Noch dominieren Volkswagen, Toyota, Nissan und GM mit grossem Abstand die weltweiten Automärkte. Doch die Chinesen holen mit ihren eigenen Marken auf.

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Früher interessierten sich Chinesen kaum für einheimische Marken, heute ist das anders. Das Bild zeigt Besucher an der International Automotive Exhibition in Schanghai. (Bild: Imagechina/Zhou Junxiang)

Früher interessierten sich Chinesen kaum für einheimische Marken, heute ist das anders. Das Bild zeigt Besucher an der International Automotive Exhibition in Schanghai. (Bild: Imagechina/Zhou Junxiang)

Felix Lee, Peking

Vor nicht allzu langer Zeit konnten selbst chinesische Automessebesucher mit so seltsam klingenden Automarken wie Jonway, Liebao oder Roewe nur wenig anfangen. Um deren Ausstellungsflächen machten sie einen grossen Bogen.

Solid, aber uninteressant

So zum Beispiel 2013 bei der Automesse in Schanghai: Der chinesische Autobauer Chery hatte zuvor für seine neu geschaffene Marke Qoros Ingenieure aus Deutschland und den USA angeheuert und sogar den ehemaligen Designer von BMW, Gerd Hildebrandt, an Bord geholt. Nicht zuletzt mit staatlicher Unterstützung wollten die Chinesen endlich eine heimische Automarke etablieren, die es auch international mit deutschen, japanischen oder US-amerikanischen Marken aufnehmen kann.

Technisch gab es an den Qoros-Modellen nur wenig auszusetzen. Zeiten, in denen Autos wie vor neun Jahren der Geländewagen Landwind oder die Limousine von Brilliance beim Crashtest kläglich scheiterten, gehören zwar schon eine Weile der Vergangenheit an. Und auch das Design und die Ausstattung der Qoros-Modelle wirkten zwar nicht spektakulär, machten aber einen soliden Eindruck. Das Interesse war dennoch gering. «Chinesische Marken interessieren mich nicht», sagte damals einer der chinesischen Besucher, der sich zum Qoros-Stand verirrt hatte – und auch nur weil der Stand in der gleichen Halle der Volkswagen-Marken war.

Plötzlich weltweites Potenzial

Das ist inzwischen anders. Nicht nur auf den Strassen von Peking oder Schanghai sind seit einigen Jahren immer mehr Autos von chinesischen Marken zu sehen. Auch in vielen Schwellenländern wie Indien, Russland, Indonesien und zunehmend auch in afrikanischen Ländern sind Marken wie Geely, Chery und Chang’an nicht mehr wegzudenken. Allein in den letzten drei Jahren haben fast ein Drittel der chinesischen Autohersteller den Schritt ins Ausland gewagt. Nun sind die chinesischen Autofirmen auch auf dem Sprung nach Europa.

«Die chinesische Autoindustrie wird sich in den kommenden Jahren zu einem führenden Player entwickeln», hatte das Beratungsunternehmen EY bereits 2013 vorhergesehen. Das sind sie zwar noch nicht. Experten trauen zumindest neun Herstellern zu, in absehbarer Zeit auf nennenswerte Absatzzahlen ausserhalb der Volksrepublik zu kommen.

Günstiger als die Konkurrenz

Vor allem dem Autobauer Chang’an werden gute Chancen eingeräumt. Eine Fachjury der Zeitschrift «Auto Business Review China» kürte den Autobauer unlängst zum Fahrzeuganbieter mit dem «grössten globalen Potenzial». Die Limousine Eado etwa beweise den Fortschritt der Chinesen bei Engineering und Design. In China ist er bereits eines der meistverkauften Modelle dieser Klasse. Darüber hinaus will Chang’an auch mit dem Elektro-Auto «Green-i electric» punkten. In den Ländern, in denen chinesische Autos bereits zu haben sind, können sich die Zahlen auch durchaus sehen lassen. In Australien etwa gelang es dem chinesischen Autohersteller Great Wall 2015, mehrere zehntausend Geländewagen der Haval-Reihe zu verkaufen. Besonders beliebt ist der H6. In seiner Standardausführung wird er Down Under bereits für umgerechnet rund 20 000 Franken angeboten. Die westliche Konkurrenz ist mindestens 50 Prozent teurer.

Überhaupt sind die chinesischen Autobauer vor allem mit ihren Geländewagen auf dem Vormarsch. Der Preisvorteil ist sicherlich der häufigste Grund, warum ihnen gute Verkaufschancen eingeräumt werden. Zwar bauen die deutschen, japanischen und amerikanischen Hersteller die technisch anspruchsvolleren SUVs. Sie sind aber auch viel teurer. Die Chinesen sparen vor allem beim Allradantrieb und bei der Offroad-Technik. Sie haben erkannt, dass viele Käufer gar nicht wegen der Geländegängigkeit mit SUVs liebäugeln, sondern vor allem wegen des Gefühls von Sicherheit, das diese bulligen Autos ihnen im Strassenverkehr geben.

Die Chinesen haben quasi aus der Not eine Tugend gemacht. Weil sie die komplizierte Technik nicht so gut beherrschen, lassen sie sie einfach weitgehend weg. Das macht sie preislich so günstig.