Ukraine-Krieg
Was wir von diesem Krieg sehen – und was nicht (zum Glück)

Der Bildredaktor bei der Fotoagentur Keystone klickt sich aktuell täglich durch Horror-Fotos. Er sieht aber auch etwas Positives in seiner Arbeit.

Sabine Kuster
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Ein Mann liegt tot vor seinem Haus in Butscha, nachdem die russischen Truppen abgezogen sind.

Ein Mann liegt tot vor seinem Haus in Butscha, nachdem die russischen Truppen abgezogen sind.

Felipe Dana / AP

Der Krieg war erst ein paar Tage alt, als in den sozialen Medien ein Video auftauchte, das offensichtlich neben dem Fernsehturm in Kiew aufgenommen wurde, nachdem er beschossen worden war. In der Nacht sah man zwei Leichen am Boden liegen, die Arme starr in die Luft gestreckt, die Körper seltsam weiss. Man wünscht, man hätte es nicht gesehen.

In etablierten Medien ist das Video nicht erschienen. Denn was dort gezeigt wird, hat bereits mehrere Filter passiert: Der Fotograf, der mit Agenturen zusammenarbeitet, hat nicht immer abgelichtet, was er sah. Er hat auch davon nicht alles verschickt, die Agentur hat weiter aussortiert und am Ende die Bildredaktion des Mediums.

Bei SRF zum Beispiel gilt klar die Regel, dass man Leichen nicht mit erkennbarem Gesicht zeigt und ausserdem keine sterbenden Personen. Und doch bleibe es eine Gratwanderung, sagt Chefredaktor Tristan Brenn: «Wir haben zum Beispiel die Aufnahmen einer schwangeren Frau gezeigt, die auf einer Bahre weggetragen wurde. Im gleichen Beitrag hat es geheissen, die Frau und ihr Baby seien später gestorben. Das war sicher ein Grenzfall.» Doch es gebe ein Argument, diese Bilder zu zeigen: Sie seien Beweise und hätten also einen hohen Informationswert. «Gerade wenn die Gegenseite behauptet, es würden keine Zivilisten zu Schaden kommen.»

«Das ist ein gut dokumentierter Krieg»

Doch wie ergeht es jenen, die alle Bilder trotzdem anschauen müssen? Tomas Kadlcik, Bildredaktor bei der Agentur Key­stone-SDA, macht seinen Job schon seit 1999 und sagt: «Das ist nicht der erste Krieg, den ich sehe, aber einer der gut dokumentierten.» Er gehe professionell damit um. Doch so abgebrüht, wie das tönt, ist Kadlcik nicht. Er floh als Kind 1968 aus der Tschechoslowakei, als die Sowjetunion im «Prager Frühling» einmarschierte. «Der Krieg gegen die Ukraine geht mir sehr nah», sagt Kadlcik. Er müsse eine Balance finden zwischen den eigenen Gefühlen und der Sicht als Profi.

Aber stumpft man in diesem Beruf nicht ohnehin ab mit der Zeit? «Nein», sagt der Bildredaktor, «ich darf nicht zynisch werden, denn sonst verliert man den ethischen und emotionalen Kompass, der wichtig ist.» Andererseits fürchtet er sich nicht vor den grausamen Bildern, die es ihm jeden Tag in seinen Fotokanal spült. Er könne sich gut distanzieren.

Aber besonders wenn es um Kinder und andere Unschuldige geht, sind ihm auch schon die Tränen gekommen. «Das Leid der noch Lebenden zu sehen, finde ich fast noch schwerer zu ertragen als den Anblick der Toten», sagt er.

Keystone schickt auch Fotos von Leichen weiter, auf denen die Gesichter erkenntlich sind, so wie sie die «New York Times» aus Butscha gezeigt hat. Die Medien entscheiden dann selbst nach ihren Richtlinien. Oliver Steffen, Chefredaktor der CH-Media-Regionalsender, sagt, man wolle die Würde der Menschen bewahren und nicht unnötig schockieren. Aber: «Bilder können Kriege beeinflussen und sind mitunter die stärkste Waffe: Denn über Bilder machen sich andere ein Bild.»

Russische Soldaten sieht man selten

Aus diesem Grund kann auch Tomas Kadlcik seiner aktuellen Arbeit etwas Positives abgewinnen:

«Wir tragen dazu bei, dass das Bewusstsein für den Krieg wach bleibt und dass man alles dafür tut, dass er bald endet.»

Und doch darf er nicht unvorsichtig werden: «Wir bekommen fast nur von der ukrainischen Seite Fotos. Was die russischen Soldaten machen, sehen wir nicht. Wir müssen uns also auch fragen, wem die Bilder nutzen.» Deshalb schreiben die Fotografen in den Bildlegenden meistens nur, dass ein toter Zivilist zu sehen sei, und mutmassen nicht, wer der Täter gewesen ist.

Zu Fehlern kommt es in der Eile aber immer wieder: So wurde angeblich eine ganze Familie gezeigt, die auf der Flucht aus Irpin mit ihren Rollkoffern getötet worden war. Der tote Mann war allerdings ein Freund, nicht der Vater: Der Vater erfuhr durch diese Bilder vom Tod seiner Familie.

Vielleicht bleibt dieses Bild hängen im Kopf. Vielleicht, ein anderes. Im Vietnamkrieg war es das Bild eines neunjährigen Mädchens, das nach einem Napalm-Angriff mit verbrannter Haut nackt auf der Strasse flüchtet. Tristan Brenn von SRF gibt zu bedenken: «Das Bild ist zum Symbolbild geworden und hat die Wahrnehmung dieses Krieges in den USA entscheidend beeinflusst.»

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