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Im Schweizer Trinkwasser tauchen immer wieder Chemikalien auf. Was ist da los?

Schweizer halten ihr Hahnenburger für das sauberste der Welt. In unserem Wasser tauchen aber immer wieder Chemikalien auf, die dort nicht hingehören. So in den letzten zwei Wochen in mehreren Kantonen.
Simon Maurer
Für viele der grösste Genuss überhaupt: ein Glas Schweizer Mineralwasser. Bild: Getty Images

Für viele der grösste Genuss überhaupt: ein Glas Schweizer Mineralwasser.
Bild: Getty Images

Fast 50 Jahre lang galt das Pestizid Chlorothalonil als unbedenklich. Jedes Jahr sprühten Schweizer Bauern bis zu 30 Tonnen davon auf ihre Felder. Dann veröffentlichte die europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit diesen Frühling eine neue Studie: Chlorothalonil ist für den Menschen möglicherweise krebserregend und mit hoher Wahrscheinlichkeit für das Hummel- und Fischsterben in Europa mitverantwortlich.

In der Folge beschloss die Europäische Union, das beliebte Spritzmittel zu verbieten. Diese Woche reagierten nun auch die Schweizer Behörden und kündigten an, das Pestizid ebenfalls verbieten zu wollen. Dies nachdem in mehreren Gemeinden im Mittelland Rückstände von Chlorothalonil im Trinkwasser gefunden wurden, welche die Grenzwerte überschritten.

«Einige der Abbauprodukte von Chlorothalonil werden schon seit Jahren im Schweizer Trinkwasser nachgewiesen, die Befunde erhalten aber erst jetzt rechtliche Bedeutung», berichtet Christian Stamm, Umweltforscher Wasserforschungsinstitut Eawag. Bisher habe das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit die Pestizidrückstände als «gesundheitlich nicht relevant» eingestuft. Weil die Chlorothalonilreste neu aber als potenziell gesundheitsgefährlich angesehen werden, dürfen sie im Trinkwasser maximal in einer Höhe von 0,1 Mikrogramm pro Liter vorkommen. Liegen die Werte einer Probe über diesem Grenzwert, müssen die Wasserversorger Massnahmen ergreifen. So bereits geschehen letzte Woche im Aargau, wo lokale Wasserbetreiber zwei belastete Wasserfassungen vom Netz nehmen mussten.

Obwohl der Grenzwert bei den beiden Wasserquellen bis um das Zehnfache überschritten wurde, bestand laut Alda Breitenmoser, Leiterin des Aargauer Amtes für Verbraucherschutz, keine Gefahr. Das Gift sei erst in noch höherer Konzentration oder bei langer Exposition gefährlich. Dennoch überprüfen momentan mehrere Kantonsämter den Chlorothalonilgehalt ihrer Wasserquellen.

Cocktail aus Pestizidresten im Trinkwasser

Chlorothalonil ist nicht die einzige besorgniserregende Substanz, die bei der Qualitätsüberprüfung von Wasserquellen regelmässig gefunden wird. Das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit führt eine Liste mit über 150 Abbauprodukten von Pestiziden, die sich im Trink- und Grundwasser immer wieder nachweisen lassen. Christian Stamm von der Eawag erklärt: «Zwar überschreiten nur die Rückstände von wenigen Pflanzenschutzmitteln den Grenzwert von 0,1 Mikrogramm im Grundwasser. Die Belastung mit den Abbauprodukten dieser Stoffe ist aber oft deutlich höher.»

Christian Stamm Umweltforscher

Christian Stamm Umweltforscher

Und das ist vom Gesetz her kein Problem. Weil das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit die meisten Stoffe als nicht gesundheitsrelevant einschätzt, gilt der Standartgrenzwert von 0,1 Mikrogramm für sie nicht. Das Beispiel Chlorothalonil zeigt aber, dass diese Einschätzungen nicht in Stein gemeisselt sind und sich mit den Erkenntnissen einer einzigen Studie ändern können.

Eine noch höhere Chemikalienbelastung als das Trinkwasser weist das Grundwasser auf. Denn der Gesetzgeber ist beim Wasser für Mensch und Umwelt nicht gleich streng: Für die Abbaustoffe von Pestiziden im Trinkwasser existiert ein Grenzwert, für die Giftreste im Grundwasser nicht.

«Es ist fraglich, ob die vom Bund vorgesehenen Massnahmen ausreichen.»

Dr. Christian Stamm, Umweltforscher bei der Eidgenössichen Anstalt für Wasserversorgung

Bei starkem Regen kann sogar ungereinigtes Wasser aus der Kanalisation in die Umwelt gelangen. Forscher Christian Stamm fügt an, dass konventionelle Abwasserreinigungsanlagen zudem nur eine begrenzte Reinigungsfähigkeit für Industriestoffe, Medikamente und hormonell wirksame Stoffe hätten. Mit diesen Kläranlagen ist es deshalb nicht möglich, alle synthetischen Fremdstoffe vom Schweizer Wasser fernzuhalten. Sie landen in den Gewässern und später im Grundwasser, wo sie einzeln zwar eine niedrige Konzentration aufweisen, zusammen aber einen unvorteilhaften Mix ergeben.

Mehr als eine Milliarde für sauberes Abwasser

In den nächsten Jahren wollen die Behörden die Wasserqualität deutlich verbessern. Mehr als eine Milliarde Franken soll in die Aufrüstung alter Kläranlagen investiert werden. Neu soll das Abwasser an möglichst vielen Orten Aktivkohle- und Quarzsandfilter passieren müssen, bevor es in die Umwelt freigesetzt wird. Auch soll es mit Ozon behandelt werden, damit noch mehr Mikrolebewesen abgetötet und organische Stoffe abgebaut werden können. Der Anteil von Rückständen soll mit diesen neuen Reinigungsverfahren bis zur Hälfte reduziert werden.

Selbst mit den neuen Technologien können aber nicht alle synthetischen Substanzen aus dem Abwasser gefiltert werden. Besonders Pestizide sind nur sehr schwer entfernbar. Verschiedene Experten plädieren deshalb dafür, den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln zu reduzieren und die Giftstoffe so gar nicht erst ins Wasser gelangen zu lassen.

Der Bund unterstützt diese Herangehensweise. Er hat bereits im Jahr 2017 den «Aktionsplan zur Risikoreduktion von Pflanzenschutzmitteln» gestartet. Darin diskutiert werden verschiedene Massnahmen, mit welchen die Menge der in der Schweiz eingesetzten Umweltgifte verringert werden soll.

Noch sind erst wenige der im Plan präsentierten Vorschläge umgesetzt. Umweltforscher Christian Stamm übt denn auch Kritik: «Es ist fraglich, ob die dort vorgesehenen Massnahmen ausreichen, um die übermässige Pestizidbelastung genügend zu reduzieren. Zahlreiche Massnahmen sind nur vage oder ihre Finanzierung und damit Unterstützung nicht gesichert.»

Unabhängig davon ist klar: Das letzte Wort im Kampf um das Wasser hat das Volk. Denn in den nächsten Monaten kommen gleich zwei Initiativen zur Abstimmung, welche die Wasserqualität verbessern wollen: die Trinkwasser- und die Pestizid-Initiative.

Pflanzenschutzmittel: Die EU legt vor, die Schweiz zieht nach

Das Muster zeigte sich in den letzten Jahren mehrmals: Die Europäische Union verbietet ein Pestizid, die Schweiz tut ein halbes Jahr später dasselbe. So geschehen bei drei Insektengiften, welche die EU Mitte 2018 verbot, und beim umstrittenen Chlorothalonil, das in den letzten zwei Wochen im Trinkwasser mehrerer Schweizer Kantone gefunden wurde. Die Schweizer Behörden sind jedoch nicht immer so streng wie die europäischen: In der Schweiz sind zwölf Pflanzenschutzmittel zugelassen, die in der EU bereits verboten sind. Das Bundesamt für Landwirtschaft hat angekündigt, die strittigen Substanzen auf ihre Giftigkeit überprüfen zu wollen. (sgm)

Hinweis: In der ersten Fassung dieses Artikels hiess es, beide im Aargau vom Netz genommenen Wasserfassungen seien in Wohlen betrieben worden. Der Wohler Wasserversorger ibw weist aber darauf hin, dass in Wohlen nur eine Grundwasserfassung vom Netz genommen worden ist - und dies aus eigenem Antrieb und nicht auf Verfügung des Amtes für Verbraucherschutz. Welche Wasserfassungen im Aargau stillgelegt wurden, ist von den Behörden bisher nicht kommuniziert worden.

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