Rückblick

Wegen der Rassismusdebatte werden seine Statuen überall gestürzt – doch wer war Leopold II., der vielleicht schlimmste aller Kolonialherren?

Der belgische König Leopold II. verantwortete im Kongo ein Terrorregime. Aktivisten fordern nun, dass seine Statuen und Denkmäler demontiert werden - und dass sich Belgien endlich seiner Geschichte stellt.

Remo Hess aus Brüssel
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An ihm klebt das Blut des Kongos: Eine Statue von König Leopold II vor dem königlichen Museum für Zentral-Afrika in der belgischen Gemeinde Tervuren wurde mit roter Farbe verschmiert.
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In Ghent entsorgten Protestierende eine Statue von Leopold II. im Müll.
Der ehemalige Regent Belgiens macht heute viele Menschen wütend: Einige seiner Büsten wurden mit Zement übergossen.
Auch in Belgiens Hauptstadt Brüssel wird gegen Leopolds Statuen protestiert.

An ihm klebt das Blut des Kongos: Eine Statue von König Leopold II vor dem königlichen Museum für Zentral-Afrika in der belgischen Gemeinde Tervuren wurde mit roter Farbe verschmiert.

Bild: Keystone (9. Juni 2020)

Da steht er nun. Leopold II. (1835–1909), König der Belgier aus dem Haus Sachsen-Coburg und Gotha. Mit roter Farbe verschmiert, gedemütigt und entehrt. Er, der seinem Land in seiner 44-jährigen Regentschaft ungeahnten Reichtum brachte. Mit seinen Boulevards und Prachtbauten die belgische Hauptstadt Brüssel in eine moderne Metropole verwandelte, im ganzen Königreich Spuren seiner Grösse hinterliess. «Le roi batisseur», den Baumeisterkönig, nannten sie ihn dafür. Und jetzt das.

Spätestens seit die «Black Lives Matter»-Proteste von den USA nach Belgien übergeschwappt sind, gerät Leopolds Andenken endgültig ins Wanken. Statuen müssen ­weichen, eine parlamentarische Untersuchungskommission wurde eingesetzt. Und es geschah das, was lange als undenkbar galt: König Philippe, der aktuelle Regent, entschuldigte sich für seinen Urgrossvater.

In einem Brief, den belgische Zeitungen diese Woche veröffentlichten, schrieb der aktuelle König:

«Ich möchte mein tiefstes Bedauern über die Verletzungen der Vergangenheit ausdrücken.»
König PhilippeAmtierender Monarch Belgiens

König Philippe
Amtierender Monarch Belgiens

Adressat: der kongolesische Präsident Félix Tshisekedi. Zum Tag des 60. Jubiläums der kongolesischen Unabhängigkeit anerkennt Philippe, dass es unter der belgischen Kolonialherrschaft im Kongo «Akte der Gewalt und Grausamkeit» gegeben hat.

Natürlich ist das längst bekannt. Natürlich weiss die ganze Welt, dass Leopold II. im «Freistaat Kongo» ein grausames Schreckensregime verantwortete. Exakte Zahlen gibt es keine. Forscherkonsens ist aber, dass gegen acht bis zehn Millionen Kongolesen der brutalen Herrschaft zum Opfer fielen, die Hälfte der da­maligen Gesamtbevölkerung.

Ein halbes Jahrhundert vor den Nürnberger Prozessen schrieb der US-Journalist George Washington Williams bereits von «Verbrechen gegen die Menschlichkeit». Das weltbekannte Buch «Herz der Finsternis» von Conrad Joseph ist ebenfalls von den Schrecken inspiriert, die sein Verfasser auf einer Kongo-Reise gesehen hatte.

Wer nicht lieferte, verlor seine Hände

Finster und schwarz war Leopolds Herrschaft im Kongo also. Schwarz wie die Haut seiner Bewohner: «Wir haben es dort mit einer Rasse zu tun, die während Tausenden von Jahren Kannibalen waren. Da ist es unerlässlich, Methoden anzuwenden, die sie aus ihrer Trägheit aufrütteln und ihnen die heilige Pflicht der Arbeit nahebringen», enthüllte Leopold 1890 in einem Brief an den belgischen Premierminister seinen Rassismus.

Instrument dieser «Aufrüttelung» war die Chicotte, eine scharfkantige Peitsche aus gezwirbelter Nilpferdhaut, die tiefe Wunden hinterlässt und als Disziplinierungsmethode Nummer eins Verwendung fand.

Bild: Brooklyn Museum

Wenn die Kongolesen von den Kautschuk-Plantagen zu wenig Ertrag mitbrachten, wurden ihnen aber auch die Hände abgehackt. Ohnehin wurde das Händeabhacken im Kongo bald zur Strafe für alles Mögliche. Um den Gebrauch von Munition nachzuweisen zum Beispiel, mussten die Soldaten von Leopolds Privatarme die rechte Hand der Getöteten mitbringen. Weil sie oft auf die Jagd gingen und dabei Patronen verschossen, beschafften sie sich die Hände nun anderweitig.

Der König selbst, der im Gegensatz zu anderen Kolonialmächten den Kongo als seinen Privatbesitz hielt, setzte nie einen Fuss in das Land. Stattdessen beauftragte er skrupellose Abenteurer wie den Amerikaner Henry Morton Stanley oder den belgischen Militär Léon Fiévez, den Kongo für ihn auszubeuten. Sie kreierten ein Netz an Kautschuk-Plantagen, auf denen die Eingeborenen als Sklaven schuften mussten. Oft bis zum Tode.

Kautschuk als Rohstoff für Gummiprodukte war um die Jahrhundertwende so begehrt, dass Leopold zu einem der reichsten Männer seiner Zeit wurde. An Zynismus kaum zu übertreffen verkaufte sich der König zu Hause gleichzeitig als selbstloser Menschenfreund und Förderer der Völkerverständigung. Anlässlich der Weltausstellung 1897 baute er im Park von Tervuren nahe Brüssel «Afrika-Dörfer» auf, die eingeschiffte Kongolesen in ihrer «natürlichen Umgebung» zeigen sollten.

Es war der junge Brite Edmund Dene Morel, der schliesslich dafür sorgte, dass die Öffentlichkeit von den Gräueln im ­Kongo erfuhr. Als Angestellter der Reederei Elder Dempster stellte er fest, dass die Schiffe aus dem Kongo mit Kautschuk, Elfenbein und anderen Waren zurückkamen, während sie dorthin nur mit Waffen und Munition aufbrachen. Irgendetwas konnte hier nicht stimmen. Vom Freihandel zum gegenseitigen Nutzen, von dem Leopolds Propaganda sprach, konnte keine Rede sein.

«Die Statuen sind eine Beleidigung für alle seine Opfer»

Daraufhin startete Morel das, was als die erste internationale Menschenrechtskampagne bezeichnet werden kann. Er schrieb Zeitungsartikel und gab die schockierenden Berichte aus dem Kongo wieder, die er von Missionaren wie dem Amerikaner William Henry Sheppard erhielt. Er setzte dabei auch auf die neue Technologie der Fotografie, um die fürchterlichen Praktiken wie das Abhacken der Hände zu dokumentieren.

Ein Bild, das schon damals viel Beachtung fand, zeigt den Kongolesen Nsala, wie er auf die abgehackte Hand und den Fuss seiner fünfjährigen Tochter starrt.

Bild: Keystone (9. Juni 2020) Bild: Alice Seeley Harris

Auch durch Morels Medienkampagne stieg zunehmend der internationale Druck und Leopold musste den Kongo 1908 an den belgischen Staat abtreten. Von nun an gingen die Gewaltexzesse zurück, auch wenn das System der wirtschaftlichen Ausbeutung ungehindert weiterlief.

Mit den Protesten um den Tod des US-Afroamerikaners George Floyd wird nun auch Belgien von seiner dunklen Vergangenheit eingeholt. Eine Petition mit über 80 000 Unterschriften fordert die Demontage sämtlicher Leopold-II.-Denkmäler. Der 14-jährige Noah, der die Petition lanciert hat und dessen Eltern aus dem Kongo stammen, sagt:

«Die Statuen sind eine Beleidigung aller seiner Opfer.»

Aufwühlend ist die Debatte für das ganze Land. Auch für Pierre Kroll. Er ist einer der bekanntesten Karikaturisten Belgiens und im Kongo geboren. Sein Vater war Plantagen­farmer, und die Familie musste den Kongo 1960 im Zuge der Unabhän­gigkeit verlassen. Er betont, dass er offen sei für die Forderung nach Abbau der ­Statuen.

Gleichwohl bedauert er, dass in der heutigen Gesellschaft nichts mehr komp­liziert sein dürfe. Stehenlassen oder ein­reissen, dazwischen gebe es nichts. Wie seine persönliche Beziehung sei auch die Beziehung von Belgien zum Kongo eine Art familiäres Band. Kroll:

«In Familien gibt es alles, Pädophilie, Erbschleicherei, Horrorgeschichten. Aber die Familie wegzumachen und zu tun, als ob es sie nie gegeben hat, das finde ich seltsam.»
Pierre KrollBelgischer Karikaturist

Pierre Kroll
Belgischer Karikaturist

Bild: Yves Dethier - DYOD / CC BY-SA (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)

Für ihn wäre es wichtiger, dass die belgischen Schulkinder endlich mehr über die Kolonialisierung erführen. Tatsächlich wird diese Zeit in belgischen Lehrplänen kaum behandelt. Wenn es nach Kroll ginge, könnte man auch einmal im Jahr die Leopold-Denkmäler mit Graffiti eindecken. Oder ihnen die Hände abhacken, wie es Leopold mit den Kongolesen getan habe. Kroll:

«Der Kolonialismus hat den Rassismus nicht gemacht. Er war schon da, als die Belgier in den Kongo gingen. Man löscht ihn nicht aus, indem man einfach die Erinnerung auslöscht.»
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