Gedenken
Wenn Martin Luther King plötzlich Autos verkauft

Im Gedenken an den vor 50 Jahren ermordeten Bürgerrechtler Martin Luther King wird oft ein verzerrtes Bild des Friedensnobelpreisträgers gezeichnet: Der nimmermüde Aktivist rief zwar zu gewaltlosen Protesten auf, aber er trat seinen Verbündeten wenn nötig auch auf die Füsse.

Renzo Ruf aus Washington
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Martin Luther King verlässt das Gericht am 25. Oktober 1960. Er wurde wenige Tage zuvor während eines Sitzstreiks verhaftet und zu vier Monaten Gefängnis verurteilt. Nach drei Tagen wird er auf Intervention von Senator John F. Kennedy und gegen Kaution aus der Haft entlassen.
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Martin Luther King und der bekannte Schweizer Theologe Dr. Karl Barthan der Princeton University am 29. April 1962.
Karl Barth mit dem amerikanischen Bürgerrechtler Martin Luther King, Mitte, in Princeton am 29. April 1962.
9. Mai 1963: Martin Luther King und Ralph Abernathy (rechts).
«I have a dream»: Martin Luther King bei seiner berühmten Rede am 28. August 1963.
Der «Marsch auf Washington» zur Durchsetzung der Bürgerrechte ist mit über 250'000 Teilnehmern die bis dahin größte Bürgerdemonstration der Geschichte. Kings «I Have A Dream»-Rede wird zum Höhepunkt der Veranstaltung
Martin Luther King: Friedensnobelpreisträger 1964 Für seinen stetigen Kampf für eine rechtliche Gleichstellung der afroamerikanischen Bevölkerung in den USA ehrte ihn die Friedensnobelpreis-Jury.
Dr. Ralph Bunche (rechts) UN-Staatssekretär, und Dr. Martin Luther King beim Besuch des UN-Hauptquartiers in New York am 4. Dezember 1964.
21. März 1965: Unter dem Schutz von Bundestruppen beginnen King und über dreitausend andere Bürgerrechtler einen fünftägigen Protestmarsch von Selma nach Montgomery, der Hauptstadt Alabamas, wo am 25. März eine große Kundgebung mit über 25'000 Teilnehmern stattfindet. Auf dem Rückweg nach Selma wird die weiße Bürgerrechtlerin Viola Liuzzo von weißen Rassisten erschossen.
30. April 1966: Martin Luther King spricht zu 3000 Personen in Birmingham.
29. März 1967: Muhammad Ali und Dr. Martin Luther King sprechen mit Reportern.
Martin Luther King
31. März 1968: Dr. Martin Luther King spricht von der Kanzel der National Cathedral in Washington.
3. April 1968: King steht auf dem Balkon des Lorraine Motels in Memphis – einen Tag bevor er auf demselben Balkon erschossen wurde.
Lorraine-Motel in Memphis: Kings entsetzte Entourage rätselt, woher der Schuss gekommen sein soll.

Martin Luther King verlässt das Gericht am 25. Oktober 1960. Er wurde wenige Tage zuvor während eines Sitzstreiks verhaftet und zu vier Monaten Gefängnis verurteilt. Nach drei Tagen wird er auf Intervention von Senator John F. Kennedy und gegen Kaution aus der Haft entlassen.

Keystone

Es war nur eine Randnotiz. Aber der Brief des preisgekrönten Historikers David Garrow, vor einigen Tagen in der britischen Wochenzeitschrift «The Economist» abgedruckt war, sagt mehr über das Vermächtnis des Bürgerrechtlers Martin Luther King aus als die vielen klugen Essays, mit denen dieser Tage an seine Ermordung vor 50 Jahren erinnert wird. Garrow beklagte sich in seiner Eingabe darüber, dass der Autor eines Nachrufes auf den allseits verehrten Volksprediger Billy Graham behauptet hatte, King sei einst von Graham freigekauft worden – indem Graham in einem Gefängnis in Albany (Georgia) oder Birmingham (Alabama) oder wo auch immer eine Kaution für King hinterlegt habe.

Diese Anekdote, sagt der renommierte King-Biograf, sei frei erfunden – obwohl sie auch vom «King Center» verbreitet wird, einer gemeinnützigen Institution, die das Andenken an den toten Bürgerrechtler pflegt. Besonders ärgere er sich aber daran, präzisiert Garrow auf Nachfrage, dass immer wieder behauptet werde, Graham, Sohn eines weissen Bauern aus Charlotte (North Carolina), und King, Sohn eines schwarzen Pfarrers aus Atlanta (Georgia), seien sich in enger Freundschaft verbunden gewesen.

Vom Friedens- zum Wutaktivist

Dazu muss man wissen: Einige Jahre lang verkehrten die beiden protestantischen Pfarrer, so unterschiedlich ihre Biografie und ihr Lebenswandel auch war, in den gleichen Kreisen. Immer mal wieder diskutierten King und Graham in den späten Fünfzigerjahren darüber, wie mithilfe des Wortes Gottes die staatlich sanktionierte Rassentrennung in weiten Teilen der USA überwunden werden könne.

Damals sei Graham einer der wenigen Vertrauten weisser Hautfarbe gewesen, der King mit seinem Spitznamen «Mike» ansprechen durfte, wird immer wieder kolportiert (Garrow zweifelt auch diese Überlieferung an). Spätestens in den frühen Sechzigerjahren aber, sagt Garrow, hätten Graham und King den Kontakt zueinander verloren, und es sei deshalb falsch, von einer tiefen Freundschaft zu sprechen.

Tatsächlich lebten sich die zwei auseinander. Während der weisse Prediger in der turbulenten Dekade, geprägt durch die Bürgerrechtsbewegung, die sexuelle Revolution und den Krieg in Vietnam, weitgehend darauf verzichtete, seine Heilslehre mit politischen Äusserungen anzureichern, kämpfte der schwarze Pastor beharrlich an vorderster politischer Front gegen die anhaltende Diskriminierung der afroamerikanischen Bevölkerungsminderheit. Dabei wandelte sich der Friedensnobelpreisträger von einem geradezu stoischen Diener Gottes, der Demütigungen gelassen entgegennahm und zur Gewaltlosigkeit aufrief, zu einem frustrierten, bisweilen gar wütenden Aktivisten.

So dehnte King sein Aktionsfeld aus, und wetterte spätestens ab 1963 nicht nur im reaktionären Süden der USA, sondern auch im angeblich aufgeklärten Norden des Landes gegen sichtbare und unsichtbare Schranken im Zusammenleben zwischen hell- und dunkelhäutigen Amerikanern. Mit dieser Botschaft brüskierte er in Los Angeles, Chicago oder Detroit (weisse) Verbündete, die sich bitterlich über die Proteste in ihren herausgeputzten Vorgärten beklagten – und die angebliche Militanz der Bürgerrechtsbewegung kritisierten.

«I have a dream» – Martin Luther Kings berühmte Ansprache:

Dann ging King am 4. April 1967, auf den Tag genau ein Jahr vor seiner Ermordung, noch einen Schritt weiter. In einer New Yorker Kirche warnte er vor einer Eskalation des Krieges in Vietnam und forderte ein Ende des amerikanischen Truppeneinsatzes. «Es kommt die Zeit», sagte der Pfarrer, «da Schweigen Verrat bedeutet.» Schliesslich bezahlten nicht nur die Vietnamesen einen hohen Preis für den Krieg in ihrer Heimat; auch arme Amerikaner litten darunter, dass den Streitkräften immer mehr Geld zur Verfügung gestellt werde, und dieses Geld im amerikanischen Sozialbudget fehle.

Mit dieser Predigt brüskierte Martin Luther King den wohl einflussreichsten Alliierten, den er besass – Präsident Lyndon B. Johnson, der stur am Truppeneinsatz in Asien festhielt, obwohl er dafür zunehmend einen hohen politischen Preis bezahlte.

Kurz: Martin Luther King war eine höchst umstrittene Persönlichkeit, kritisiert von Weissen und Schwarzen, von Progressiven und Rassisten, als er am 4. April 1968 in Memphis (Tennessee) ermordet wurde. Fünfzig Jahre später scheint dies aber in Vergessenheit geraten zu sein und selbst eine konservative Persönlichkeit wie Billy Graham gilt plötzlich als enger Freund von King.

Fast scheint es, als habe sich Amerika mit dem Mann versöhnt, der als junger Pfarrer den Busboykott in Montgomery (Alabama) anführte und dank diesem Gesellenstück zum Kopf einer anfänglich losen Bewegung von Bürgerrechtlern aufschwang, die das Land in den Grundfesten erschütterte. Wenn heute in Washington von King die Rede ist, dann wird er als unpolitische, selbstlose Ikone dargestellt – ein Mann, dem ein nationaler Feiertag gewidmet ist und ein monumentales Denkmal in Washington.

Und ein Mann, der nötigenfalls auch Autos verkaufen kann. So unterlegte Fiat Chrysler zu Jahresbeginn einen Werbespot für Pick-up-Trucks mit der Stimme Kings. Dass er in seiner Predigt, gehalten im Februar 1968, gegen den Materialismus wetterte, schien dem Autobauer entgangen zu sein.

Geschichte weissgewaschen

Kritische Beobachter sprechen angesichts dieser Entwicklung von einer «Weisswaschung der Geschichte». So sagt die Politologin Jeanne Theoharis, die am Brooklyn College in New York unterrichtet: Amerika habe vergessen, wie umstritten die führenden Kräfte der Bürgerrechtsbewegung gewesen seien und wie sehr sich der Durchschnittsamerikaner an den Aktionen von King und Konsorten gestört habe. Theoharis: «Dies waren destruktive Proteste.»

Amerika aber habe sich spätestens in den Achtzigerjahren dazu entschlossen, die kontroverse Seite der historischen Bürgerrechtsbewegung unter den Teppich zu kehren und stattdessen die gemachten Fortschritte zu zelebrieren, sagt die linke Intellektuelle – die Wahl von Barack Obama zum ersten US-Präsidenten mit dunkler Hautfarbe, beispielsweise. Vergessen geht dabei, dass die meisten Afroamerikaner immer noch ein kümmerliches Dasein fristen. Statistiken zeigen, dass Schwarze ungesunder leben, früher sterben, weniger Geld verdienen und weit häufiger mit dem Gesetz in Konflikt geraten als Weisse.

Über 30 Mal verhaftet

Die Folgen dieser Weisswaschung müssten insbesondere die heutigen Aktivsten tragen, sagt Theoharis. Ihnen werde immer wieder zugerufen: «Seid wie King, seid wie King!», um sie zum Schweigen zu bringen, führte die Historikerin kürzlich im Gespräch mit der Internet-Publikation «The Intercept» aus. Diese These illustriert sie mit Aussagen, die der ehemalige republikanische Präsidentschaftskandidat Mike Huckabee, der früher in seiner Heimat Arkansas als Prediger gewirkt hatte, über die «Black lives Matter»-Bewegung tätigte.

Auf die Forderungen der Aktivsten angesprochen, sagte Huckabee vor laufenden Fernsehkameras: «Alle Menschenleben zählen, nicht nur die Leben der Afroamerikaner.» Und er fügte ausdrücklich an, dass damit auch das Andenken von Martin Luther King bewahrt werde, der sich stets für das Wohlergehen aller Amerikaner eingesetzt habe, ungeachtet der Hautfarbe.

Jeanne Theoharis findet solche Aussagen schlicht töricht. King sei zu seinen Lebzeiten mehr als 30 Mal verhaftet worden, weil er die Bevölkerung aufrütteln wollte – und ähnliche Motive prägten heute diejenigen Aktivisten, die gegen Polizeibrutalität oder für schärfere Waffengesetze demonstrierten. Die Intellektuelle hat deshalb eine Botschaft an Politiker wie Mike Huckabee oder Donald Trump, die immer wieder Martin Luther King zitieren und junge Bürgerrechtler dazu aufrufen, sich am Nobelpreisträger zu orientieren: «Be careful what you wish for», denn manchmal gingen solche Wünsche in Erfüllung.

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