Mode Suisse: Männer in Frauenkleidern, Frauen in Leder und eine Entdeckung für die Zukunft

An der 14. Mode Suisse zeigten Schweizer Labels und Modeschulen ihre Entwürfe. Tragbar war davon das wenigste, dafür gab es wandelnde Stoffberge, Männer in Frauenkleidern, Frauen in Leder und eine Entdeckung für die Zukunft.

Katja Fischer De Santi
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Die Stoffe fliessen wieder: bei Vanessa Schindler meerjungfräulich...
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bei Mourjjan klassisch weiblich.
Etwas Provokation muss sein: Bei YVY gab es die bekannten Lederaccessoirs.
Collective Swallow schickte seine Models im Rentnerlook ins Restaurant.
Weer zeigte eine langweilige Jeanskollektion.
Julia Heuer entwickelte ihre Plisseetechnik kunterbunt weiter. (Bilder: PD)

Die Stoffe fliessen wieder: bei Vanessa Schindler meerjungfräulich... 

Zuerst war da Vogelgezwitscher, jetzt wummern Technobässe so laut durch das Museum für Gestaltung in Zürich, dass die Wände vibrieren. Models in Kleidern, wie man sie zuletzt an der Love Parade 1992 sah, wanken auf Plateau-Flip-Flops durch die Gänge. Willkommen an der Mode Suisse, dem grössten Modeevent der Schweiz. Einem Insideranlass, einer Talentshow für die Abgänger der Modeschmieden in Genf und Basel, vor allem aber eine Cüpli-Party und ein grosses ­Hallöle.

90er-Jahre Techno-Chic zeigte Julia Seemann an der Mode Suisse   (Bild: Alexander Palacios)

90er-Jahre Techno-Chic zeigte Julia Seemann an der Mode Suisse   (Bild: Alexander Palacios)

Die Mode Suisse hat als einzige überlebt

Kann man alles ganz schrecklich finden, wie auch die erwähnte Technokollektion von Julia Seemann –, aber ohne die Mode Suisse gäbe es gar keine Schweizer Mode. Events wie Gwand, Prix Bolero, Barclay Catwalk oder Zürich Fashion Days gibt es nicht mehr, nur die Mode Suisse hat überlebt. Auch wenn die Qualität des Gebotenen von Jahr zu Jahr stark schwankt, ist die Show in ihrer 14. Ausgabe zum unverzichtbaren Schaufenster geworden. Oder wie es Gründer Yannick Aellen gerne sagt:

«Wir ­haben die heutige Schweizer Modeszene kreiert.»

Das beste Beispiel dafür ist der Zürcher Julian Zigerli. Er gehört seit Jahren zum Inventar der Schau, ist mit ihr gross geworden, zu gross mittlerweile. Um die frischen Talente nicht zu überstrahlen, zeigte er seine Show drei Tage früher.

Es gibt keine Schweizer Mode-DNA

Nur, wer braucht überhaupt eine Schweizer Modeszene? Mode ist heute global, online sind die Grenzen aufgehoben, produziert wird irgendwo, präsentiert am liebsten in Paris oder New York. Zudem: Eine Schweizer Mode-DNA hat es nie gegeben und wenn, dann sei sie nicht positiv aufgefallen, schrieb Modekritiker Jeroen van Rooijen in der «NZZ am Sonntag»:

«Die Mode, welche hierzulande entworfen wurde, war immer ein bisschen provinziell.»

Es war der Look der befreiten Schneiderin, die zwar das Handwerk intus hatte, aber die kreative Entfaltung betreffend noch immer etwas gehemmt zur Sache ging. Diese Zeiten sind vorbei. Man kann acht der neun Kollektionen, die am Montagabend im Museum für Gestaltung gezeigt wurden, nicht mehr von internationalen Trendlabels unterscheiden.

Das war schon bei der letzten Ausgabe so, damals sah aber alles aus wie bei Vetements. Der Hype um das 2017 nach Zürich gezogene Pariser It-Label flaut glücklicherweise langsam ab. Der Mut zur Hässlichkeit bleibt aber noch ein bisschen. So gab es Plastiklatschen, weisse Socken und blickdichte Strümpfe in klobigen Pumps zu sehen.

Haarige Männerbeine in Mini-Jupes

Natürlich durfte auch ein Beitrag zur Genderdebatte nicht fehlen. Die Baslerin Jacqueline Loekito zeigte eine «geschlechtslose» Kollektion. Sie schickte Herren in pinkfarbenen Kleidern über den Laufsteg. Die Damen präsentierten sich im Gegenzug untenrum fast frei, oben dafür mit dicken rosaroten Strickpullis eingepackt. Eine Show mit Handschrift und Knallereffekt, wie gemacht für ­Likes im Internet. Die in Jakarta aufgewachsene, heute in Basel lebende Designerin muss aber, um Kunden zu gewinnen, mehr leisten, als Frauenkleider in Männergrössen zu schneidern.

Eine echte Entdeckung: Nina Yuun

Auch eine Newcomerin mit ausserschweizerischen Wurzeln ist Nina Yuun. Was die 29-jährige Südkoreanerin in ihrem Kelleratelier in Burgdorf entwirft, ist erstaunlich: frische Mode, die weder angestrengt noch zu gefällig wirkt. Raffinierte Unisexentwürfe, die diesen in der Schweizer Mode so seltenen «Haben-Wollen-Impuls» auslösen. Nina Yuun ist sicher ein Name, den man sich merken sollte.

Mourjjan: Herrliche Roben, aber zu konventionell

An jeder Strandparty ein Hingucker sind die wallenden Roben des Labels Mourjjan. (Siehe Backstage-Bild unten) Herrliche Kleider, aber für einen Anlass wie die Mode Suisse einen Zacken zu konventionell. Das Publikum klatschte äusserst verhalten. Die Crux: Zu tragbar darf Mode, die als Kunstform verstanden sein will, nicht sein. Ohne Vision und Anspruch sind es nur noch Kleider, und die gibt es auch bei Zara und H&M zu kaufen.

Dass die jungen Schweizer Talente mehr als Kleider machen wollen, bewies an der Mode Suisse eine ­ausgewählte Schar von Studierenden der beiden Modeschulen in Genf und Basel. Sie zeigten wilde Entwürfe, unmögliche Silhouetten, mehr Bildhauerei aus Stoff denn Schneiderei. Untragbare Kreationen, aber gut fürs Image.

Talente brauchen vor allem eines: Durchhaltewillen

Wer von den in Zürich vorgestellten Newcomern auch noch in fünf Jahren einen Namen und vor allem eine Kollektion hat, lässt sich kaum voraussagen. Echte Talente werden schnell von grossen Labels abgeworben. Wie Kévin Germanier, der an der Mode Suisse 2017 das Publikum begeisterte und heute bei Luis Vuitton arbeitet. Viele Jungdesigner werden zudem zwischen den Mühlen von Marketing und Buchhaltung aufgerieben, sie werfen den Bettel nach kurzer Zeit hin. Denn Mode zu machen, braucht vor allem eines: Durchhaltevermögen.

Bei der Diskussion am Tag nach der Show bringt es Julian Zigerli mit einem Satz auf den Punkt. «Ich mache seit sieben Jahre Mode, ich bin damit recht erfolgreich und kämpfe doch jeden Tag ums nackte Überleben.» Modemachen, das sei heute mehr als an der Schneiderpuppe Stoff drapieren.

Mode Suisse Sélection bis 8.9. in der Boutique EnSoie, Zürich.