Propaganda durch Gigantismus: Mit 133 Metern gehört der Flaggenmast vor dem Nationalmuseum Turkmenistans zu den höchsten der Welt. Die Fahne hat mit 2000 Quadratmetern etwa die gleiche Fläche wie drei Tennisplätze.

Propaganda durch Gigantismus: Mit 133 Metern gehört der Flaggenmast vor dem Nationalmuseum Turkmenistans zu den höchsten der Welt. Die Fahne hat mit 2000 Quadratmetern etwa die gleiche Fläche wie drei Tennisplätze.

Reportage

Wer öffentlich über Corona spricht, dem droht die Festnahme: Turkmenistan, das Nordkorea Zentralasiens

Als Massnahme gegen die aktuelle Pandemie verbietet Turkmenistan kurzerhand öffentliche Gespräche über das Coronavirus und das Tragen von Gesichtsmasken. Es ist bei weitem nicht die einzige absurde Aktion des diktatorischen Regimes.

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(red.) Die Coronapandemie hat die Welt fest im Griff. Nach Asien rollt die Welle nun über Europa und Amerika. Null Infizierte vermelden jedoch nach wie vor Nordkorea und Turkmenistan. Letzteres hat das Virus laut «Reporter ohne Grenzen» sogar zum Tabuthema erklärt – Personen, die in Turkmenistan Gesichtsmasken tragen oder die öffentlich über das Coronavirus sprechen, droht offenbar die Festnahme durch die Polizei.

Wer Turkmenistan kennt, dem ringen solche Aktionen nur noch ein müdes Kopfschütteln ab. Denn natürlich: In der Propagandamaschinerie dieses Staates gibt es, wie auch in Nordkorea, für so etwas wie Pandemie-Probleme keinen Platz. Während Nordkorea allerdings immer wieder Negativ-Thema in der westlichen Berichterstattung ist, hört oder liest man über Turkmenistan meistens: nichts.

Unterdrückung und Isolation

Dabei ist auch das Ex-Sowjet-Land in Zentralasien international isoliert und wird mit harter Hand von einem Diktator regiert. Und der steht seinem nordkoreanischen Kollegen in wenig nach. Beide Herrscher spinnen gleichermassen einen ausgeprägten Kult um ihre Person. Beide setzen bei ihrer Innenpolitik auf Repression, und beide geben wenig auf Menschenrechte.

Schlusslicht in Sachen Pressefreiheit

Dass der Bericht ohne Autorenzeile erscheint, hat einen Grund: Turkmenistan gilt als das Land mit dem weltweit repressivsten Mediengesetz. Die Organisation Reporter ohne Grenzen stuft die Pressefreiheit Turkmenistans demnach tiefer ein als jene von Nordkorea oder Eritrea. Vom Staat gelenkte Medien übernehmen in Turkmenistan die Berichterstattung. Satellitenschüsseln für den internationalen Fernsehempfang sind im ganzen Land verboten, offiziell, weil sie «das Abbild der Häuser verschandeln». Laut «Wikipedia» nutzte im Jahr 2016 gerade einmal ein Siebtel der Bevölkerung Turkmenistans das Internet, dieses ist durch umfassende Zensurmassnahmen zudem nur sehr beschränkt verfügbar.   

Eigentlich ginge es Turkmenistan, das an die sechs Millionen Einwohner zählt, wirtschaftlich gut. In den weiten Wüsten, die sich über 95 Prozent des Landes erstrecken, das knapp so gross ist wie Spanien, finden sich reiche Öl- und Erdgasvorkommen. Der grösste Teil der Einnahmen versickert jedoch in den korrupten Strukturen des Staates, grosse Teile der Bevölkerung leben in Armut.

Turkmenistan

Das Land grenzt im Westen an das Kaspische Meer, im Norden an Usbekistan, im Osten an Afghanistan und im Süden an Iran.

Diese Gegensätze sieht, wer durch das Land in die Hauptstadt fährt. Denn während den Menschen in ländlichen Regionen ein eher einfaches Leben beschert ist, gibt die Hauptstadt Aschgabat ein ganz anderes Bild ab: Riesige, perfekt gepflegte Alleen ziehen sich durch die Stadt mit modernster Infrastruktur, und protzige Gebäude sowie monumentale Paläste en Masse säumen mehrspurige Strassen, durch die schicke Geländewagen rollen.

Monumentale Grossbauten gehören zum Stadtbild Aschgabats.

Monumentale Grossbauten gehören zum Stadtbild Aschgabats.

Die Stadt hat etwas Bizarres. Viele der Gebäude bestehen aus Marmor, und alle sind in Weiss gehalten. Andersfarbige Häuser gibt es nicht. Das gilt auch für den Verkehr: Autos haben weiss zu sein, andernfalls sind sie in der Stadt grundsätzlich nicht erlaubt.

«Unauffällige» Verfolger

Als einer der unbegleiteten Touristen, die nur mit einem Transitvisum und für maximal fünf Tage ins Land dürfen, wähnt man sich unter ständiger Beobachtung. Nicht nur, weil es in Aschgabat von Angehörigen von Militär und Polizei geradezu wimmelt. Auch, weil sich einem immer wieder ganz «zufällig» Zivilisten – sei es eine der vielen Gärtnerinnen, welche die Botanik der Alleen bis zur Perfektion pflegen oder ein Mitarbeiter aus einem der zahlreichen, leeren Läden – für mehrere hundert Meter an die Fersen heften. Ob es Spitzel der Regierung sind, die Touristen beobachten sollen, bleibt unklar.

Die Verfolger fallen schnell auf. Denn die Stadt, die eigentlich rund 800'000 Einwohner hat, ist so gut wie leer. Auf vielen der riesigen, vierspurigen Alleen gibt es kaum Verkehr, Parks und Plätze sind wie ausgestorben. Was europäische Länder derzeit als Corona-Lockdown erleben, scheint in Aschgabat Alltag zu sein.

Gespenstische Leere: In Parks und auf Plätzen im Stadtzentrum ist keine Menschenseele.

Gespenstische Leere: In Parks und auf Plätzen im Stadtzentrum ist keine Menschenseele.

Das einzige was an einem Samstagabend in den Strassen zu hören ist, ist das gelegentliche Rauschen der Funkgeräte von Soldaten, die um zahlreiche Gebäude stationiert sind und die Passanten, sofern es dann welche gibt, mit strengem Blick mustern.

Ein Grossteil der zahlreichen Marmor-Wohnpaläste, die überall in der Stadt stehen, scheint nicht einmal zur Hälfte bewohnt zu sein. Unterhaltung, Bars und Restaurants schliessen um 11 Uhr abends. Ausserhalb des Stadtzentrums gibt es Diskotheken, die länger geöffnet sind – sie gehören Verwandten des Präsidenten.

Durch das Zentrum von Aschgabat führen unzählige mehrspurige Strassen. Auf vielen von ihnen verkehren kaum Fahrzeuge.

Durch das Zentrum von Aschgabat führen unzählige mehrspurige Strassen. Auf vielen von ihnen verkehren kaum Fahrzeuge.

Wie sein Vorgänger, der die Regentschaft über das Land nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion übernommen hat, lenkt Präsident Gurbanguly Berdimuhamedow Turkmenistan diktatorisch. Er residiert in einem riesigen Palastareal in der Mitte der Hauptstadt. Dieses ist grossräumig abgesperrt.

Der Präsident – ein Pferdenarr

Ebenfalls im Zentrum Aschgabats liess der Präsident eine olympische Stadt mit Stadien, Hallen und einer Schwebebahn errichten (obwohl Turkmenistan nie Olympische Spiele ausgerichtet hat). Laut lokalen, inoffiziellen Angaben soll das grössenwahnsinnige Projekt fünf Milliarden Dollar verschlungen haben. Auf dem grössten der Stadien thront eine gigantische Statue, die eine Schwäche Berdimuhamedows offenbart: Pferde.

Das Olympiastadion in Aschgabat wurde vor wenigen Jahren renoviert und ausgebaut und bietet Platz für 45'000 Zuschauer. Über dem Dach ragt ein riesiger Pferdekopf.

Das Olympiastadion in Aschgabat wurde vor wenigen Jahren renoviert und ausgebaut und bietet Platz für 45'000 Zuschauer. Über dem Dach ragt ein riesiger Pferdekopf.

So hat das Land nicht nur ein Ministerium für Pferde, ihre Abbilder finden sich auch überall. Sei es auf den Lampenbögen der Stadt, als Statuen in Parks oder als Figuren auf dem Schreibtisch des Präsidenten. Der britisch-amerikanische Moderator und Komiker John Oliver hat dem eine Sendung gewidmet (auf Englisch):

Präsident Berdimuhamedow fällt aber auch immer wieder mit anderen bizarren Aktionen auf, darunter mit musikalischen Einlagen. So führte er, zusammen mit seinem Enkel, einen Rapsong auf oder sang am Staatsfernsehen ein Schlagerlied, das deutsche Passagen enthielt:

Backenzähne und Feuerzeuge

Neben dem Pferdekopf auf dem Stadion birgt die Architektur der Hauptstadt Aschgabat weitere Skurrilitäten: So sieht das Gebäude des Ölministeriums zum Beispiel wie ein grosses Feuerzeug aus, das Ministerium für Zahnmedizin erinnert an einen Backenzahn:

Das Ministerium für Zahnmedizin in Turkmenistan hat die Form eines Stockzahns. Staatspräsident Gurbanguly Berdimuhamedow ist gelernter Zahnarzt.

Das Ministerium für Zahnmedizin in Turkmenistan hat die Form eines Stockzahns. Staatspräsident Gurbanguly Berdimuhamedow ist gelernter Zahnarzt.

Die ganze Stadt ist zudem voll von Monumenten und Statuen, welche den beiden bisherigen Diktatoren, Berdimuhamedow und «Turkmenbaschi» Nyyazow, huldigen. Letzterer liess nicht nur eine Statue für ein von ihm geschriebenes Buch errichten, sondern in Turkmenistan auch offiziell die Monate nach sich selbst und seinen Familienmitgliedern umbenennen.

Das Buch Ruhnama soll der Feder des früheren Staatspräsidenten Turkmenistans, Saparmyrat «Turkmenbaschi»Nyýazow, entflossen sein. Das Propagandawerk hatte in seiner Ära einen derart hohen Stellenwert, dass ihm diese Statue gewidmet wurde.

Das Buch Ruhnama soll der Feder des früheren Staatspräsidenten Turkmenistans, Saparmyrat «Turkmenbaschi»Nyýazow, entflossen sein. Das Propagandawerk hatte in seiner Ära einen derart hohen Stellenwert, dass ihm diese Statue gewidmet wurde.

Von Alexander dem Grossen bis zu den Sowjets

Turkmenistan hat eine bewegte Geschichte, die zurückreicht bis in die Steinzeit. Es verfügt über zahlreiche historische Stätten aus dem Altertum. Alexander der Grosse war da, die Hunnen, die Araber. Letztere brachten den Islam in die Region. Für Handelsreisende auf der Seidenstrasse waren Städte und Siedlungen im heutigen Turkmenistan wichtige Knotenpunkte und Rastplätze. Kurz vor dem 20. Jahrhundert eroberten die Russen das Gebiet, schliesslich wurde Turkmenistan in die Sowjetunion eingegliedert. Deren Zerfall mündete in die Unabhängigkeit des Landes und ebnete den Weg für die heutige Diktatur.

Auf Staatsbesuch in der Schweiz: Bundespräsidentin Eveline Widmer-Schlumpf empfing Gurbanguly Berdimuhamedow 2012 auf dem Landgut Lohn bei Bern – dem Gästehaus des Bundesrats.

Auf Staatsbesuch in der Schweiz: Bundespräsidentin Eveline Widmer-Schlumpf empfing Gurbanguly Berdimuhamedow 2012 auf dem Landgut Lohn bei Bern – dem Gästehaus des Bundesrats.

Urs Lindt/freshfocus

Wie es mit dem Land weitergeht ist ungewiss. Die Coronapandemie wird Turkmenistan kaum verschonen, sofern sie nicht schon grassiert. Ein Virus macht schliesslich auch vor eisernen Diktatoren und ihren Ländern nicht halt. Im Nachbarstaat Iran wütet Corona bereits seit Wochen. Als Massnahme dann einfach Gespräche über das Virus und erst noch Gesichtsmasken zu verbieten, ist da nichts weniger als ein krasser Fall von Kopf-in-den-Sand-Stecken auf Kosten der Bevölkerung.