Interview

Wie Sex sich verändert hat: Heute soll er möglichst variantenreich sein

Beim Sex ging es früher oft nur um Bedürfnisse der Männer. Mittlerweile ist auch für sie relevant, ob die Frau Spass dabei hat. Wachsender Druck und hohe Erwartungen an sich selber gibt es aber bei beiden Geschlechtern.

Lucien Rahm
Drucken
Teilen
«Man muss hin und wieder schauen, was man eigentlich gerne zusammen macht», rät die Sexologin. (Bild: Getty)

«Man muss hin und wieder schauen, was man eigentlich gerne zusammen macht», rät die Sexologin. (Bild: Getty)

Früher war er eher simpel, heute muss er möglichst variantenreich daherkommen: Sex. Insbesondere junge Leute sehen sich heute mit einer anspruchsvollen Erwartungshaltung konfrontiert. Dafür mitverantwortlich könnte der vereinfachte Zugang zu Pornografie sein, den das Internet heute ermöglicht, vermutet die Sexualtherapeutin Gabriela Kirschbaum.

Sie sind Sexologin. Vor 30 Jahren war dieser Beruf noch selten. Gab es das Bedürfnis nach Sexualtherapie damals noch nicht?

Gabriela Kirschbaum, Sexualtherapeutin. (Bild: zVg)

Gabriela Kirschbaum, Sexualtherapeutin. (Bild: zVg)

Gabriela Kirschbaum: Ich glaube, es war einem noch zu wenig bewusst, dass man sich auch in diesem Bereich Hilfe holen könnte, wie man sich Hilfe holt, wenn man sich den Arm gebrochen hat. Es war noch viel tabuisierter damals, sich im Bereich der Sexualität helfen zu lassen. Sexuelle Probleme gab es aber sicher schon damals. Bei den Jungen sehe ich heute aber auch, dass es wieder vermehrt ein Tabu ist, sich sexuelle Probleme einzugestehen.

Aber unproblematischen Sex hatte man auch vor 30 Jahren nicht?

Nein, aber es gibt Dinge wie beispielsweise den frühzeitigen Samenerguss, der sicher vor 30 Jahren kaum ein Thema war. Kein Mann hatte ein Problem mit zu frühem Kommen, denn es war für Männer nicht relevant, wie viel Spass die Frau dabei hatte. In diesem Sinne wurde das nicht als Problem betrachtet.

Dann hat die Frau mit ihren heutigen sexuellen Forderungen dieses Problem also erst erzeugt?

Die Schuld der Frau zuzuschieben, finde ich ein wenig hart. Aber die Leistungsorientierung ist bei Frau und Mann grösser geworden in den letzten Jahrzehnten. Auch Männer haben nun einen viel höheren Leistungsanspruch an sich selber.

Beschäftigt der frühzeitige Samenerguss viele Ihrer Klienten?

Das ist eines der möglichen Probleme. Aber es kommt ebenso häufig vor wie Schwierigkeiten beim Bekommen oder Halten einer Erektion.

Wie lässt sich denn ein frühzeitiger Samenerguss überhaupt behandeln?

Die Art und Weise der Atmung, Bewegung und Muskelanspannung kann die Erregung steigern. Ebenso kann man viel Einfluss nehmen auf diese Bereiche, um sich zu beruhigen oder mehr wahrnehmen zu können.

Die Spannung kann so besser im Körper verteilt werden. Dafür gibt es gute Übungen.

Gewisse Männer beugen dem Problem auch mit etwas Alkohol vor dem Sex vor. Empfehlen Sie das?

Eigentlich nicht. Aber das ist für mich immer eine gute Frage in der Therapie: Was hat man bereits unternommen, um sich selber zu helfen? Häufig wird dabei der Alkoholkonsum genannt. Es kommt dabei immer aufs Mass an. Ein wenig Alkohol kann helfen, viel Alkohol kaum. Etwas Alkohol entspannt und senkt den Leistungsdruck. Er bewirkt auch, dass man sich lockerer bewegt.

Wird eine Sexualtherapie von der Krankenkasse bezahlt?

Nein.

Finden Sie das in Ordnung?

Nicht immer. Dabei kommt es natürlich darauf an, wie hoch der Leidensdruck ist. Unter meinen Klienten gibt es viele Menschen, bei denen das Leiden gross ist und es auch Folgen für die psychische oder physische Gesundheit haben kann. Dann finde ich, wäre es eigentlich angezeigt, dass die Krankenkasse die Leistungen bezahlt. Wenige meiner Klienten kommen aber auch in meine Therapie, um noch mehr Spass zu haben, was auch völlig in Ordnung ist. Das müsste die Krankenkasse dann natürlich nicht unbedingt übernehmen.

Was sind Probleme, die grossen Leidensdruck erzeugen?

Bei allen Paaren ist es ja so, dass die Partner nie gleichzeitig gleich viel Lust aufbringen können.

Vor allem, wenn sie schon länger zusammen sind, ist es im Grunde ein wahres Wunder, wenn man zeitgleich Lust hat.

Da kommt es sehr darauf an, wie gross die Diskrepanz ist und was deren Auswirkungen sind. Diese können verheerend sein, wenn sich jemand dadurch nicht mehr begehrt oder auch unter Druck gesetzt fühlt. Was auch viel Leiden auslösen kann, ist eine als dranghaft erlebte Sexualität des Partners oder wenn der Partner fremdgeht. Das kann sich auf Familien oder Ehen sehr destruktiv auswirken.

Lässt die Lust auf den eigenen Partner zwangsweise irgendwann nach?

Es ist sehr normal, dass sie nachlässt. Wenn man sich verliebt, hält diese Initialzündung ja nicht einfach 20 Jahre lang an. Man muss hin und wieder schauen, was man eigentlich gerne zusammen macht, oder wann man das letzte Mal ein richtiges Gespräch zusammen geführt hat. So ist es auch bei der Sexualität: Man muss immer wieder etwas investieren, etwas Neues hineinbringen. Das kann einem dann auch intensivere sexuelle Erlebnisse ermöglichen.

Wie lässt sich das konkret erreichen?

Ich empfehle meinen Klienten meistens, Sexualität nicht immer nach dem selben Muster zu praktizieren, nicht immer das gleiche Ziel zu verfolgen. Die meisten Paare verfolgen das Ziel vom eigentlichen Geschlechtsverkehr. Und Männer sicher jenes eines Orgasmus.

Die Frauen nicht unbedingt?

Frauen haben ein leicht anderes Verhältnis zum Orgasmus. Das heisst nicht, dass sie diesen nicht schätzen.

Aber für viele Frauen haben andere Teile der Sexualität einen hohen Stellenwert. Männer können sich Sex ohne Orgasmus hingegen nicht vorstellen.

Man muss sich als Mann also nicht zwingend schlecht fühlen, wenn man einer Frau keinen Orgasmus bescheren kann?

Nein. Das kann auch ein Problem sein: Wenn ein Mann das Gefühl hat, dies sei notwendig, um ein guter Liebhaber zu sein. Kann er einer Frau dann aber keinen Orgasmus verschaffen, kann das den Mann frustrieren. Das wiederum kann bei der Frau einen gewissen Leistungsdruck erzeugen, da sie vielleicht denkt, kommen zu müssen, damit sich der Mann nicht schlecht fühlt. Man sollte die Frau fragen, ob sie überhaupt einen Orgasmus anstrebt.

Was gewisse Männer vielleicht auch nicht wissen: Einige Frauen können durch reine Penetration ja gar nicht zum Orgasmus kommen.

Ja. Schätzungsweise 70 Prozent der Frauen können ihre Erregung durch den reinen Geschlechtsverkehr nicht steigern, vor allem auch junge Frauen.

Doch sie können diesen Teil dennoch geniessen, etwa auf emotionaler Ebene.

Wie lässt sich als Mann in solchen Fällen bei der Frau dennoch ein Orgasmus erzeugen?

Es kommt hierbei darauf an, ob die Frau überhaupt «gelernt» hat, einen Orgasmus zu bekommen. Es gibt Frauen, die noch nie einen erlebt haben und es dann auch nicht als Manko empfinden, keinen zu bekommen. Frauen, die zum Orgasmus fähig sind, empfehle ich, sich auch selber zu helfen. So kann der Geschlechtsverkehr auch als viel schöner empfunden werden, wenn sie sich selber noch mit der Hand klitoral stimulieren.

Was auch den Mann etwas entlastet.

Ja, denn für diesen wäre es eine recht akrobatische Übung, wenn er beides gleichzeitig machen müsste.

Dennoch denken einige Männer vielleicht, solche akrobatischen Übungen vollbringen zu müssen, um als guter Sexualpartner wahrgenommen zu werden.

Vor allem bei jüngeren Menschen hat der Leistungsdruck in dieser Hinsicht zugenommen, ja.

Vor 15 Jahren war es zum Beispiel noch nicht Usus, dass man verschiedene Praktiken beherrschte.

Der Mann hat also mehr denn je das Gefühl, viel leisten zu müssen?

Ich stelle heute viel mehr fest als früher, dass junge Männer verunsichert sind, weil sie das Gefühl haben, der Frau einen Orgasmus geben, möglichst lange durchhalten oder in jeder Situation eine Erektion bekommen zu müssen.

Wo vermuten Sie die Ursachen für diese Entwicklung?

Es dürfte unter anderem mit dem Pornokonsum zu tun haben, der dank des Internets stark zugenommen hat.

Das Konsumieren von Pornografie finde ich per se nichts Schlechtes.

Es kann helfen, den Erregungsreflex auszulösen. Andererseits wird durch den Pornokonsum auch der Leistungskatalog immer umfangreicher. Männliche Darsteller können ja immer, haben immer grosse Geschlechtsorgane und so weiter. Das fördert den Leistungsdruck. Und auch die Frauen sind in diesen Filmen ja immer orgastisch oder gar multipel orgastisch. Das entspricht nicht der Realität.

Solange man sich als Konsument bewusst war, dass das nicht realistisch ist, war das noch unproblematisch. Heute scheint das nicht mehr allen so klar.

Wird Pornografie nach wie vor meist von Männern konsumiert?

Ja, denn die meisten Pornos sind auch für Männerbedürfnisse gemacht.

Dennoch wissen Frauen, was in diesen Filmen passiert. Wie findet dieser Wissenstransfer statt?

Auch junge Frauen werden schon früh konfrontiert mit diesem Leistungskatalog von oral, manuell, anal, Spielzeugen und so weiter. Sie konsumieren Pornografie vielleicht nicht unbedingt im gleichen Mass wie Männer, schauen aber einmal rein, um sich zu informieren. Auch indem die Männer versuchen, Praktiken aus den Filmen in die Sexualität zu zweit einzuflechten, verbreiten sich diese weiter. Das finde ich nicht zwingend schlecht. Ich finde es einfach schade, dass junge Leute dann vielleicht denken: Wenn man nicht alle diese Praktiken auch selbst anwendet, dann hat man schlechten Sex. Das halte ich persönlich für eine ungute Entwicklung.

Manche Leute meinen, möglichst viel Sex haben zu müssen. Wie viel ist eigentlich gesund?

Es wird dort ungut, wo Sex zu einem dranghaften Verhalten wird. Wenn jemand vielleicht seine sozialen Kontakte vernachlässigt, um stattdessen Sex haben zu können. Oder wenn jemand bei der Arbeit nur noch mit sexuellen Fantasien beschäftigt ist.

Alles andere ist meiner Meinung nach aber gesund.

Ab wann wäre es angezeigt, Sie für eine Therapie aufzusuchen?

In der Regel kommen die Leute erst sehr spät, wenn der Leidensdruck schon sehr gross ist. Das erschwert die Problemlösung. Eine Sexualberatung kann zudem auch sinnvoll sein, wenn man einfach ein paar Fragen zur Sexualität beantworten lassen möchte. Auch eine einmalige Sitzung kann etwas bringen.

Als Sexualtherapeutin oder -therapeut kennt man alle Sex-Mechanismen und hat selbst keinerlei Probleme in diesem Bereich. Richtig?

Das ist ein Mythos. Sexualität hat viel mit Lernen zu tun, und man hat eigentlich nie ausgelernt. Auch ein Sexualtherapeut führt in dieser Hinsicht kein Nonplusultra-Leben.

Zur Person

Gabriela Kirschbaum ist seit 18 Jahren als Sexualtherapeutin tätig. In ihrer Praxis im aargauischen Brugg berät sie Paare und Einzelpersonen in sexuellen Fragen. ­Zuvor war sie als Psychiatriekrankenschwester tätig. Schon in diesem Beruf stellte sie fest, dass die Sexualität ein Thema ist, das die Patienten zunehmend beschäftigte.
Nach ihrer Diplomausbildung zur Sexologin in Basel eröffnete ­
sie ihre Praxis, in der sie auch Paartherapie oder psychologische Begleitung ­anbietet.
Gabriela Kirschbaum wurde 1962 geboren, ist verheiratet und Mutter zweier erwachsener Kinder. (lur)