Kolumne

Wie uns Tischmanieren vom Tier abheben

Wie wir essen und was wir essen, geht Hand in Hand. Wer sich ethisch und moralisch mit Essen auseinandersetzt, sensibilisiert sich für vielerlei Themen: Tierschutz, Umweltschutz, Gesundheit, Ökonomie.

Joëlle Weil
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Joëlle Weil, freie Journalistin in Tel Aviv.

Joëlle Weil, freie Journalistin in Tel Aviv.

«Der Prinz suchte seine Prinzessin», so begann die ausgedachte Geschichte meiner Grossmutter, welche sie meinen Schwestern und mir immer wieder erzählte. «So lud er alle jungen Frauen des Landes zum Ball ein, darunter auch das Bauernmädchen. Als kleiner Test hatte der Prinz Orangen zum Abendessen serviert, jedoch kein Besteck bereitgestellt. Alle Frauen saugten an den Orangen, ihnen lief der Saft den Hals herunter. Nur das Bauernmädchen verlangte Messer und Gabel, und als der Prinz sah, wie ordentlich sie isst, war es um ihn geschehen und sie wurde zu seiner Prinzessin.»

Mit der Geschichte sollte uns die Bedeutung von Tischmanieren beigebracht werden. Auf den ersten und zweiten Blick eine etwas antifeministische Pointe. Aber ich habe immer wieder an das Bauernmädchen und die tropfenden Orangen gedacht. Meine Grossmutter pflegte zu sagen: «Ihr solltet euch so am Tisch zu benehmen wissen, dass ihr am Wiener Opernball nicht als Neulinge auffallt.» Sie war etwas elitär, meine liebe Grossmutter. Aber die Bedeutung von Tischmanieren konnte sie mir eintrichtern. Warum mir das so wichtig sei, haben meine Freunde mich immer wieder gefragt, wenn sie mich neckten, indem sie den Teelöffel in die Tasse anstelle des Untertellers legten. Nun ja, warum war mir das wichtig? Ich hatte schliesslich nie vor, Prinzessin zu werden.

Wie wir essen und was wir essen, geht Hand in Hand. Wer sich ethisch und moralisch mit Essen auseinandersetzt, sensibilisiert sich für vielerlei Themen: Tierschutz, Umweltschutz, Gesundheit, Ökonomie. Die Tatsache, dass wir als Menschen in der Lage sind, bessere oder schlechtere Entscheidung zu treffen, auch wenn es um Lebensnotwendigkeiten geht, hebt uns vom Tier ab. Wir können entscheiden, bevor wir uns dem Trieb hingeben.

«Wer sich an gesellschaftliche Regeln während des Essens hält, erweist dem Essen und unseren privilegierten Umständen Respekt.»

Tischmanieren sind hierbei nicht nur eine weitere zivilisierende Massnahme, sie geben unserer Nahrungsaufnahme den ehrenvollen Rahmen, den sie verdient. Wer sich an gesellschaftliche Regeln während des Essens hält, erweist dem Essen und unseren privilegierten Umständen Respekt. Tischmanieren halten uns davon ab, über dem Napf zu hängen und darauflos zu fressen.

Im Sommer, bevor meine liebe Grossmutter verstarb, schickte ich ihr auf Whatsapp ein Bild. Ich sass in einem Kaffee, ass eine Kleinigkeit. Am Nebentisch erleichterte sich ein Mann seiner Schuhe, sass im Schneidersitz auf dem Stuhl, sein linker Arm hängte, mit dem rechten stopfte er sich sein Sandwich in den Mund. Die Mayonnaise hing an seinem Kinn. Ich schickte ihr heimlich ein Bild des Mannes und wir amüsierten uns, während sich mein Appetit verabschiedete.

Und da dachte ich wieder an das Bauernmädchen und die Orangen. Und ich dachte an den armen Prinzen, der in einem schmatzenden Saal festsass. Dem verging der Appetit bestimmt auch. Und bestimmt hat an dessen Hof keiner über regionale oder Fair-Trade-Orangen nachgedacht. Was war also die Pointe?

Vielleicht wünschte sich meine liebe Grossmutter für uns, dass wir möglichst angenehme Mitmenschen werden. Vielleicht wünschte sie sich für uns, dass wir nie einsam am Tisch sitzen müssen und uns immer in guter Gesellschaft befinden. Oder unsere liebe Grossmutter wünschte sich tatsächlich, dass wir eines Tages Prinzessinnen werden. Immer wenn ich Orangen kaufe, denke ich an diese Geschichte. Und an den glücklichen Prinzen, der jetzt in guter Gesellschaft essen darf. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann speisen sie noch heute zusammen.