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Analyse durch Kameras: So shoppen wir in Zukunft

Künstliche Intelligenz: Ein Bildanalysesystem erkennt Alter, Geschlecht und Laufwege von Menschen. Damit kann Werbung in Einkaufszentren zielgenau auf Kunden ausgerichtet werden.
Bruno Knellwolf
Der Bildschirm liefert dank künstlicher Intelligenz und Bildanalyse zielgerichtete Informationen an vorbeigehende Kunden. (Bild: PD)

Der Bildschirm liefert dank künstlicher Intelligenz und Bildanalyse zielgerichtete Informationen an vorbeigehende Kunden. (Bild: PD)

Kameras sind omnipräsent. An jeder Strassenecke, im Bus oder in der Unterführung blickt heute meist unbemerkt ein Kameraauge auf die Passanten oder Passagiere. In der gängigen Vorstellung sitzt dann zeitgleich ein Mensch hinter einem Bildschirm und schaut sich an, wer vorbeispaziert oder im Bus sitzt. Um einzugreifen, wenn zum Beispiel die Sicherheit gefährdet ist. Doch diese Vorstellung ist veraltet. Denn heute haben einige dieser Kameras im Hintergrund ein Gehirn mit Künstlicher Intelligenz. Sie werten damit die Bilder selber in Echtzeit aus.

So kommt es, dass uns Bildanalysesysteme genau anschauen, wenn wir zum Beispiel durch ein Einkaufszentrum gehen. Innerhalb von Millisekunden bestimmt der mit den 3D-Kameras verbundene Computer, ob wir eine Frau oder ein Mann und wie alt wir ungefähr sind. Es reicht, wenn man sich auf bis zu sieben Metern der Kamera genähert hat.

Deep Learning und Machine Learning

Ein solches Experience Management System genanntes Produkt bietet die Schweizer Firma Advertima an, die in St.Gallen eine in diesem Bereich weltweit ganz oben stehende Technologie ­entwickelt. Software-Ingenieure aus aller Welt arbeiten bei Advertima mit Deep Learning und Machine Learning, denn Maschinen sind heutzutage lernfähig. Sie können ihre Systeme laufend ­verbessern, wenn man ihnen ­Millionen von Daten überlässt, die sie immer wieder überarbeiten.

Für das System von Advertima haben die Algorithmen ­einen Riesenberg an Datensätzen mit Bildern aus dem Internet durchgeackert. Mit dem Resultat einer hohen Erfolgsquote bei der Erfassung. Dominik Bühler von Advertima sagt:

«99,8 Prozent beim Geschlecht. Und beim Alter haben wir eine standardisierte Abweichung von nur 2,85 Jahren.»

Erfassen kann das System zeitgleich eine Gruppe mit bis zu 40 Menschen. Noch wichtiger für Advertima ist eine dritte Möglichkeit des Systems: die Laufwegberechnungen. Das System aus 3D-Kamera und Computer analysiert die Körperbewegungen der vorbeigehenden Person. Wo sind die Arme und Beine, wohin dreht der Kopf? Denn wissen will die Künstliche Intelligenz, wohin die Person geht, wohin sie schaut, und vor allem, wie lange sie auf ein bestimmtes Objekt blickt.

In erster Linie für Einkaufszentren

Eingesetzt wird das System der St.Galler Firma, die Ableger in Zürich und Berlin hat, vor allem in Einkaufszentren. Der erste Grosskunde der jungen Firma war die Migros Aare, die vor zwei Jahren das erste Projekt finanziert hat und gleich auch als Investor des Unternehmens eingestiegen ist.

Genutzt wird das Bildanalysesystem für zielgerechte Kundenkontakte. Dank eines Analysetools der Bilddaten werden die Vorgänge in der Umgebung interpretiert und dann die Kunden mit zielgerichteter Information versorgt. Bühler sagt:

«Steht im Einkaufszentrum eine Gruppe von Erwachsenen vor einem Bildschirm, werden sie zum Beispiel zielgerichtet mit Bildern vom Aqualand bedient.»

Die Kunden sollen nicht mit Informationen beliefert werden, die für sie nicht relevant sind. Das System kann heute aber dank der durch Machine Learning verfeinerten Körperanalyse noch mehr als beim ersten Projekt. Es stellt fest, ob ein Mensch die Information auch gesehen hat. Das Schaufenster erkennt ­sozusagen, ob es beachtet worden ist.

Mit diesem System, das auch in Banken eingesetzt wird, kann man auch feststellen, wie viele Menschen sich in einem Raum oder Laden befinden. Das geht zwar auch mit der Zählung durch Lichtschranken oder über WLAN und Smartphone-Kontakt.

Blöd aber, wenn die Kunden das Smartphone abgeschaltet haben. Zudem sind diese Systeme ungenau und liefern nur eine Information. Das moderne Bilderkennungssystem ist da sicherer und vielfältiger.

Im Gesundheitsbereich einsetzbar

Es wäre auch in anderen Bereichen einsetzbar. Bühler erwähnt die Gesundheitsvorsorge und den Einsatz für alte Menschen. Die Kameras könnten erkennen, wenn ein Gebrechlicher allein zu Hause zu Boden stürzt, und sofort Alarm schlagen. Genutzt werden könnten solche Bildanalysen auch zur Verbesserung der Sicherheit: Das System würde erkennen, wenn auf der Baustelle ein Maurer keinen Helm trägt.

Bei solcher Intimität stellen sich die üblichen Fragen des Datenschutzes. Eine personalisierte Gesichtserkennung mache ihr System nicht.

«Wir sind gar nicht fähig dazu und auch nicht daran interessiert.»

Abgesehen davon wäre auch die Treffsicherheit bei Gesichtern technisch noch nicht gut genug, um einen Menschen zuverlässig zu identifizieren. Die Trefferquote liege bei höchstens 65 Prozent.

Die Daten, die Advertima erfasst, werden nicht gespeichert, und «es sind anonymisierte Metadaten, die zu keiner Zeit zur Identität der Person oder zu ihrem Bild zurückgeführt werden können», erklärt CEO Iman Nahvi. In der Schweiz werde dem Datenschutz Rechnung getragen, und Advertima stehe in Kontakt zum Schweizer Datenschützer.

Derweil wollen die Deep-­Learning-Spezialisten von Advertima die Maschinen weiterhin lernen lassen. Kopfbewegungen sollen in Zukunft noch genauer erfasst werden können, beispielsweise wenn die Kunden vor dem Regal stehen.

Themenserie «Next Now»

Welche neuen Technologien prägen unseren Alltag und die Welt von morgen? Und welche Innovationen entstehen hier in der Ostschweiz? Diese Fragen stehen im Zentrum der Themenserie «Next Now» – eine Zusammenarbeit von «Tagblatt» und Startfeld. Wir berichten über selbstfahrende Autos, E-Health oder hyperlokale Wetterpro­gnosen dank Drohnen. Dazu bieten wir eine Eventreihe mit Vorträgen und Möglichkeiten, neue Erfindungen gleich selber auszuprobieren. Am 5. Dezember geht es beim zweiten «Next Now» in der Shopping-Arena in St. Gallen um das Einkaufen in der Zukunft. Neue Technologien machen möglich, dass Schaufenster wissen, was Kunden wollen. (red)

Anmelden unter: www.startfeld.ch/nextnow

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