Gastkommentar

Wieso Selbstoptimierung eben doch gut ist – ein Essay

Kritiker sehen in der Selbstoptimierung Auswüchse der neoliberalen Leistungsgesellschaft. Doch das greift zu kurz.

Dagmar Fenner*
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Fitnessarmbänder, Smartwatches und Sensoren- T-Shirts helfen den ­Menschen, sich sportlich zu verbessern. Unterstützen sie den Menschen auch bei der Selbstfindung? (Bild: Getty Images)

Fitnessarmbänder, Smartwatches und Sensoren- T-Shirts helfen den ­Menschen, sich sportlich zu verbessern. Unterstützen sie den Menschen auch bei der Selbstfindung? (Bild: Getty Images)

Jeder und jede soll im Zeitalter der Selbstoptimierung das Beste aus sich und seinem Leben machen. Zwar strebten die Menschen schon immer nach Höherem oder nach Vollkommenheit. Noch nie stand ihnen aber eine solche Vielfalt an technischen Hilfsmitteln zur Verfügung: Falls Sie ihren Körper fit halten wollen, greifen sie zu Fitnessarmbändern, Smart­watches oder Sensoren-T-Shirts, die Herzfrequenz, Anzahl Schritte, den Kalorienverbrauch und den Schlafrhythmus aufzeichnen.

Bei geistiger Ermüdung helfen Stimulanzien, und für die Stimmungsaufhellung gibt es «Glückspillen». Wenn Sie besondere Nähe zu einem anderen Menschen empfinden wollen, schlucken Sie eine Intimitätspille oder benutzen einen Oxytocin-Spray. Als Eltern, die für ihre Kinder nur das Beste wollen, können Sie in Zukunft vielleicht bald die genetische Ausstattung ihrer Kinder frei wählen. Intensiv geforscht wird auch an Methoden zum Aufhalten der biologischen Alterungsprozesse und zur Erhöhung der Lebensdauer.

Schicksal in die eigene Hand nehmen

Das viel diskutierte Programm der Selbstoptimierung enthält zweifellos eine positive Kernbotschaft: Mit all den neuen Möglichkeiten kann jeder und jede sein Schicksal in die eigene Hand nehmen und etwas für seine Gesundheit und sein Glück tun. So sind wir nicht länger der Lotterie der Natur machtlos ausgeliefert, sondern können mit genügend Selbstkontrolle und dem Einsatz der richtigen Mittel die Ziele unserer Selbstverwirklichung erreichen.

Aus Sicht der Kritiker sind wir dabei jedoch keineswegs frei, sondern werden von der Gesellschaft oder der neoliberalen Wirtschaft zur Selbstoptimierung gezwungen. Wer in der gegenwärtigen Leistungsgesellschaft bestehen wolle, müsse sich den gesellschaftlichen Idealen, z.B. von Schönheit oder Leistungsfähigkeit, unterwerfen. Der um sich greifende Perfektionierungswahn und der erhöhte Erwartungsdruck von aussen seien verantwortlich für die steigende Zahl von Depressionen und Burnouts.

Die meisten Argumente, mit denen Selbstoptimierung pauschal verworfen wird, sind aber äusserst schwach: Der gegenwärtige Selbstoptimierungstrend ist keineswegs nur ein «Symptom» eines ausbeuterischen neoliberalen Wirtschaftssystems, sondern auch Ausdruck neuzeitlicher Emazipations- und Individualisierungs­bestrebungen. Bei vielschichtigen komplexen kulturellen Entwicklungsprozessen kann man kaum klar unterscheiden, was «von oben», von der Gesellschaft, oder «von innen», von den Einzelnen, kommt. Viele Menschen haben Spass am spielerischen Umgang mit den neuen technischen Möglichkeiten zur Selbstverbesserung.

Ganz unabhängig von der Selbstoptimierung müssen aber Politik und Gesellschaft gegen eine Verschärfung des Effizienz- und Konkurrenzdenkens und steigende Arbeitsbelastung kämpfen, die Menschen zur Selbstausbeutung nötigen können. Der gesellschaftliche Imperativ zur Selbstoptimierung wird genau dann unsolidarisch und unmoralisch, wenn suggeriert wird, jeder könne mit ausreichenden persönlichen Anstrengungen auch unter menschenunwürdigen Erwerbs- und Lebensbedingungen glücklich werden.

Eine «Superintelligenz» kann gar nicht glücklich sein

Gesellschaftliche Leitbilder und Ideale mit entsprechenden Erwartungshaltungen sind aber keineswegs an sich schlecht. Sie müssen nur in öffent­lichen demokratischen Diskussionen ausgehandelt werden. Genauso ist in jedem Einzelfall abzuklären, welches Verfahren der Selbstoptimierung das individuelle und gesellschaftliche Leben tatsächlich verbessert oder verschlechtert.

Medizin und Pharmakologie sind gefragt, wenn es um die Prüfung der Möglichkeiten und Risiken von Psychopharmaka zur Beeinflussung der Wachheit oder der Befindlichkeit oder von gentechnischen Manipulationen geht. Die Philosophie liefert zahlreiche Theorien darüber, was zum menschlichen Glück beiträgt.

Schönheit etwa gehört nicht zu den sogenannten Allzweckgütern, die für alle menschlichen Lebenspläne wichtig sind, sehr wohl aber Intelligenz, Gesundheit, Selbstkontrollfähigkeit oder Selbstvertrauen. Intrinsische, um ihrer selbst willen geschätzte Optimierungsziele und -massnahmen wie Fitness oder konzentrierteres Lernen fördern das persönliche Glück, nicht aber extrinsisch motivierte wie das pure Bessersein als andere.

Stark vereinfachend ist eine Selbstoptimierung gut, wenn sie nicht unter äusserem Druck nach instrumentellen Werten wie Effizienz und Produktivität abzielt, sondern etwa auf eine Balance zwischen Arbeit und Freizeit oder gesunde Ernährung zum Zweck eines persönlichen guten Lebens.

Klar abzuweisen sind hingegen radikale technische Utopien von Trans- oder Posthumanisten. Denn eine körperlose, synthetisch erschaffene «Superintelligenz» kann gar nicht glücklich sein, weil sie keine Gefühle empfindet. Die gesellschaftliche Selbstoptimierungsdebatte sollte sich daher auf die Bestimmung von Kriterien für die Unterscheidung von Verbesserungen und Verschlechterungen konzentrieren.

* Dagmar Fenner ist Titularprofessorin für Philosophie an der Universität Basel